ArchivDeutsches Ärzteblatt28-29/2007Ärzte-Schach: Verrückte mit Bedeutung

SCHLUSSPUNKT

Ärzte-Schach: Verrückte mit Bedeutung

Dtsch Arztebl 2007; 104(28-29): [132]

Pfleger, Helmut

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Foto: Dagobert Kohlmeyer
Foto: Dagobert Kohlmeyer
Es gibt nichts, was man nicht sammeln kann. Warum sollte also diese Leidenschaft vor den Schachspielern haltmachen und bei diesen wiederum vor den Schach spielenden Ärzten? Psychopathologisch relevantes Suchtverhalten? Natürlich frage ich mich, warum mir Dr. med. Christian Cimbollek das leider auch noch unterhaltsame Buch „The even more complete chess addict“ (frei übersetzt „Der hoffnungslose Schachsüchtige“) geschenkt hat. Weiß er um mein großes Schachzimmer zu Hause? Sah er beim Erwähnen entsprechender Thematik ein verdächtiges Flackern in meinen Augen?
Dem Präsidenten der „Chess Collectors International“, Dr. Thomas Thomsen, sagte ein amerikanischer Arzt und Sammlerfreund: „Man kann die Menschen in drei Kategorien einteilen: Die Ersten sind die Normalen, die ,Quadratischen‘, die wissen genau, dass zwei mal zwei gleich vier ist. Das ist ganz okay, sie funktionieren prächtig. Die Zweiten, die Verrückten, Sonderlinge, sind absolut überzeugt davon, dass zwei mal zwei gleich fünf ist. Die Dritten schließlich, wie du und ich, wir haben uns damit abgefunden, dass zwei mal zwei gleich vier ist, aber tausendmal lieber wäre es uns, wenn zwei mal zwei gleich fünf wäre.“ Das hätte wohl auch dem surrealistischen Künstler Marcel Duchamp gefallen, dem Skeptiker, was Logik und Wissenschaft betraf: „Die Schwierigkeit ist die, von der Logik loszukommen.“ An die Gesetze der Logik müsse man sich zwar halten, „doch kam ich auf die Idee, dass das Leben interessanter wäre, mehr ein Spiel, wenn man die Gesetze der Physik und Chemie ein wenig ausdehnen könnte“. Und der zum Ärger André Bretons eine Zeit lang sogar die Malerei, Readymades und Kunst überhaupt zugunsten des Schachs aufgab: „Das Milieu der Schachspieler ist mir wesentlich sympathischer als das der Künstler. Das sind so richtig umnebelte, blinde Menschen, Menschen mit Scheuklappen, Verrückte mit Bedeutung, so wie Künstler eigentlich sein sollten, es aber nur selten sind . . . Nicht alle Künstler sind Schachspieler, aber alle Schachspieler sind Künstler.“
Tja, wer’s nun gar nicht lassen kann, in diese Welt zumindest kurzzeitig einzutauchen, dem sei die vorzüglich konzipierte Sonderausstellung „Stille Schlachten – Die spannendsten Schachspiele der Welt“ im Deutschen Elfenbeinmuseum in Erbach (Odenwald) empfohlen (noch bis zum 16. September). Die kostbaren Spiele aus vieler Herren Länder stammen nahezu alle aus der Sammlung von Dr. Thomsen, der wohl schönsten und größten der Welt.
Nicht zu hoffen ist, dass Dr. Cimbollek sein Suchtpotenzial fürs Schach (ansonsten ernährt er sich redlich von der Gynäkologie) mit der hübschen Kombination gegen Prof. Dr. med. H.-H. Schassan nach einer wildbewegten, hin und her wogenden Partie erhöht hat. Wie setzte er als Weißer in zwei Zügen matt?

Lösung:
Das Damenopfer 1.Dxf8+! setzte dem schwarzen König die Pistole auf die Brust. Flucht wäre sinnlos: 1. . . . Kh7 2. Dg7 matt, also dem Feind ins Auge schauen mit 1. . . . Kxf8, indes war’s nun nach 2. Td8 matt und aus – der schreckliche Wächterläufer f6 bewacht alle Fluchtfelder.
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