ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2007Riskanter Alkoholkonsum bei Jugendlichen: Noch einiges zu tun

EDITORIAL

Riskanter Alkoholkonsum bei Jugendlichen: Noch einiges zu tun

PP 6, Ausgabe Juli 2007, Seite 289

Bühring, Petra

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Der Alkoholkonsum bei Jugendlichen steigt, besonders bei den 16- bis 17-jährigen Jungen, aber auch bei Mädchen. Zudem neigen die Jugendlichen immer häufiger zu riskantem Alkoholkonsum, denn ihre Bereitschaft zum sogenannten Binge-Drinking steigt. Das fand gerade die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) in einer Studie heraus (siehe „Verantwortung für die Jugendlichen“, Seite 292).
Warum trinken Jugendliche? „Sie wollen hip und cool sein, sind in der Selbstfindungsphase, wollen aufs andere Geschlecht wirken, und auf Partys gehört Alkohol einfach dazu“, analysierte eine 17-Jährige ihre Peergroups bei einem Fachgespräch der Grünen zur Alkoholpolitik (siehe „Der Deutschen liebste Droge“, Seite 301). Diese Aufzählung unterscheidet sich kaum von den Gründen, aus denen Erwachsene trinken, die mit ihren Konsumgewohnheiten den Jugendlichen kein Vorbild sind. Die Droge Alkohol ist in Deutschland eben tief kulturell verankert. Doch diese Gründe erklären nur ansatzweise, warum Jugendliche sich zunehmend regelmäßig „besaufen“: Laut BZgA gab Anfang 2007 jeder zweite Jugendliche an, an mindestens einem Tag im Monat mehr als fünf Gläser Alkohol zu konsumieren. 2005 waren es noch zehn Prozent weniger. Warum offenbar eher Gymnasiasten zum Binge-Drinking neigen – wie einige medienwirksame Fälle zeigten – als Hauptschüler, darüber ist kaum etwas bekannt. „Es fehlen Studien, warum Jugendliche riskant Alkohol konsumieren“, erklärt Gabriele Bartsch von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen in Hamm. Spekulieren lässt sich natürlich: Leistungsdruck und oftmals Überforderung in den Gymnasien; ehrgeizige Eltern; Lehrer, die bei der meist bürgerlichen Klientel auf wenig Problembewusstsein stoßen; unsichere Zukunftsperspektiven.
Ein wenig mehr weiß die Wissenschaft über Möglichkeiten, wie riskantem Trinkverhalten vorgebeugt werden kann. Mehr als 90 Prozent der Forschung zur Verhaltensprävention finde allerdings in den USA statt, weiß Dr. Anneke Bühler vom Institut für Therapieforschung München. Wichtig ist es, möglichst früh anzusetzen – das durchschnittliche Einstiegsalter in den Alkoholkonsum liegt schon bei 13,6 Jahren. Was schützt also evidenzbasiert vor Alkoholmissbrauch? Innerhalb des „Systems Familie“ sind dies Trainings, die auf das Erziehungsverhalten und die Beziehungsgestaltung von Eltern und Kindern abzielen. Elterntrainings allein beeinflussen zwar die Risikofaktoren allgemein, aber kaum den Alkoholkonsum. In Deutschland gebe es jedoch wenig familienorientierte Ansätze, kritisiert Bühler. Innerhalb des „Systems Schule“ sind vor allem interaktive Präventionsprogramme zusammen mit Peergroups wirksam. Die reine Informationsvermittlung hingegen sei nicht effektiv, so Bühler. Im „System Freunde/Freizeit“ gibt es nur für Heranwachsende aus Risikofamilien evaluierte Aussagen: Danach sind Mentorenprogramme wirksam. Andere sucht-unspezifische Programme in der Freizeit sollten auf ihre suchtpräventive Wirkung untersucht werden und: „Kreativität ist gefragt“, fordert Bühler. Fehlen noch die Medienkampagnen zur Prävention: Alleine seien diese kaum wirksam, nur in Kombination mit anderen, beispielsweise mit Präventionsprogrammen in Schulen. Auf diese Erkenntnis könnte auch die Bundeszentrale mehr Aufmerksamkeit richten, die immer noch stark auf Medienkampagnen setzt.
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema