ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2007Serie - Max Klinger, Ein handschuh (1): Ort

KUNST + PSYCHE

Serie - Max Klinger, Ein handschuh (1): Ort

PP 6, Ausgabe Juli 2007, Seite 290

Kraft, Hartmut

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Foto: Eberhard Hahne „Ort“ (1881), Opus VI, Blatt 1 (Singer 113), Radierung und Aquatinta. 25,7 × 34, 7 cm, Druck der 4. Auflage 1898
Foto: Eberhard Hahne „Ort“ (1881), Opus VI, Blatt 1 (Singer 113), Radierung und Aquatinta. 25,7 × 34, 7 cm, Druck der 4. Auflage 1898
Max Klinger zeigte im Jahr 1878, im Alter von nur 21 Jahren eine Serie von Zeichnungen auf der Jahresausstellung der Königlichen Akademie der Künste in Berlin. Der Titel dieser formal und inhaltlich höchst auffälligen Bilderfolge lautete „Ein Handschuh“. Der große Erfolg beflügelte ihn, diese Federzeichnungen drei Jahre später als Grafikmappe herauszugeben. Es handelt sich um ein künstlerisch wie psychologisch faszinierendes Dokument, das anlässlich des 150. Geburtstags des Künstlers in den folgenden sechs Monaten Bild für Bild in PP vorgestellt werden soll. Die Neubewertung des Erfindungsreichtums, der Vielseitigkeit und Originalität von Max Klinger beruht gerade auf dieser berühmtesten seiner 13 Grafikserien.
Auf der 1876 in Berlin-Hasenheide eröffneten Rollschuhbahn traf sich die feine Gesellschaft zum modischen Zeitvertreib. Dort begegnete der Künstler 1878 der schönen brasilianischen Diplomatentochter, von deren Namen nur der Anfangsbuchstabe „T“ überliefert ist. Er entbrannte in stürmischer Liebe zu ihr, war aber als junger Künstler nicht in der Lage, ihr ein ihren Ansprüchen entsprechendes Leben zu bieten. So mussten Heiratsabsichten aufgegeben werden – aber noch 1917 besuchte diese Dame, inzwischen Witwe eines reichen Fabrikanten, Max Klinger in Deutschland.
Die realistische Darstellung ermöglicht einige erste Deutungen. So fällt auf, dass alle Personen sich auf Rollschuhen befinden. Dies kann als Metapher für Unsicherheit, einen unsicheren Stand, „fehlende Bodenhaftung“ und gleichzeitig auch als Notwendigkeit verstanden werden, schwierige Situationen beherrschen zu lernen. So präsentieren sich die erwachsenen Mitglieder der Gesellschaft. Ein Kind, das die Fähigkeiten und Konventionen noch nicht beherrscht, landet unsanft auf dem Popo. Nur ein älterer Herr mit seinem Stock als drittem Bein hat keine Rollschuhe untergeschnallt – er kann und will nicht mehr mithalten. Doch die eigentlichen Protagonisten sind andere: Die zweite Figur von links, halb verdeckt, ist Max Klinger selbst. Seine Angebetete, als einzige sitzende Person, ist die Dame ganz in Weiß. Hartmut Kraft

Biografie
Max Klinger
Geboren 1857 in Leipzig als Sohn eines Seifenfabrikanten. 1874 Beginn des Kunststudiums in Karlsruhe, 1875 Wechsel nach Berlin an die Königliche Akademie der Künste, wo er 1878 seine Zeichenserie „Ein Handschuh“ erstmalig ausstellte. 1879 Veröffentlichung der ersten Grafikmappe, der 1881 als Opus VI „Ein Handschuh“ folgte.
In den folgenden Jahren arbeitete Klinger in Paris, Berlin und Rom. 1891 erste Retrospektive in München. 1897 Ernennung zum Professor in Leipzig.
1920 starb Klinger in Großjena, eine der Grabreden hielt Käthe Kollwitz.
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