ArchivDeutsches Ärzteblatt12/1997„Lohengrin„ in der Deutschen Staatsoper

VARIA: Feuilleton

„Lohengrin„ in der Deutschen Staatsoper

Juds, Bernd

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LNSLNS Bühnenbildner Hans Schavernoch ließ bei der chromglänzenden Premiere des "Lohengrin" in der Deutschen Staatsoper Flügelgefieder und Hals des Schwans hauchzart auf riesige mobile Transparentkulissen malen. Er ließ sie wie Puzzle-Segmente hin- und herschieben und zu immer neuen Kompositionen zusammenfügen - ein allgegenwärtiger Schwan, der seine Schwingen dominant und schützend ausbreitet über den Ränken und Zänken zwischen der einsam schreitenden Träumerin Elsa (Emily Magees exzellentes Rollendebüt) und der heidnischen Friesin Ortrud nebst ihrem Komplizen Telramund (Deborah Polaski/Falk Struckmann).
Lohengrin (Peter Seiffert) regiert die Szene ebenfalls aus mythischer Sechsmeterhöhe: da steht er statuarisch, eine Mischung aus schwertdurchbohrtem Kruzifixus, Erzengel und monumentaler Rolandsfigur. Mancher der brabantschen Recken gleicht Bat- oder Superman; bisweilen glaubt man, Regisseur Harry Kupfer lasse stramme NS-Kämpfer zur Heerschau einmarschieren. Zwar zitiert das Programmheft Hitlers Vorliebe für dieses Wagner-Opus, zwar klangen des Dichterkomponisten Phrasen vom "deutschen Schwert" und "des Reiches Feinden" aus König Heinrichs Mund - von Siegfried Vogel sonor vorgetragen - geradezu verdächtig textverständlich, aber ein Bewältigungs-Spektakel ist es nicht geworden. Das Ganze, von Elsa als Traum ihrer pubertären Jahre durchlebt, spielt in Neuberlins Chrom- und Spiegelglas-Fassaden: effektives Mobbing in steriler Postmoderne, wo alles kippt. Bleibt der Trost der Musik: Daniel Barenboim am Pult regiert souverän, das Ätherische in den Streichern klappt, einzelne Bläser patzen (absichtlich?), bei der Gralserzählung wird Peter Seiffert - vom allzu piano spielenden Orchester - fast vergessen. Bernd Juds
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