ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2007Praxisabgaben: Mehr als zynisch
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Ich möchte mich zum Leserbrief von Ralph Krause äußern, der Psychologen und Psychotherapeuten unterstellt, schon immer ein problematisches Verhältnis zum Geld gehabt zu haben. „Problematisch“ ist dieses Verhältnis wohl allemal, nachdem sich der approbierte Psychologische Psychotherapeut nach seinem abgeschlossenen Studium noch durch eine drei- bis fünfjährige Ausbildung gequält hat, die neben hohen Kosten für Theoriestunden, Supervision, Selbsterfahrung et cetera (bis zu 40 000 Euro je nach Therapieschule und Ausbildungsinstitut) unter anderem beinhaltet, dass ein „Psychiatriejahr“ abgeleistet werden muss, in dem 1 200 Stunden qualifizierte und verantwortliche Arbeit in der Regel unentgeltlich erbracht werden. Zeit für einen Nebenverdienst bleibt kaum. Familienplanung? Fehlanzeige. Ohne sich zu verschulden (oder das Privileg reicher Eltern oder Partner), ist diese Ausbildung nicht zu durchlaufen.
Mit etwas Glück können die Ausbildungskosten durch die Einnahmen während der Arbeit in der Ambulanz wieder „hereingeholt“ werden. Eventuelle Ersparnisse sind jedoch längst aufgebraucht, Altersvorsorge und Rücklagen Fremdworte.
Nach der Ausbildung muss nun eine weitere Hürde überwunden werden, wenn auch noch die Kassenzulassung den ausscheidenden Kollegen meistbietend abgekauft werden muss. Da Patienten nicht einfach übernommen werden können (Psychotherapie basiert nach wie vor auf einem Vertrauensverhältnis), erwirbt man zumeist nur einen Kassenstempel. Die Zahlung von weiteren 50 000 Euro als angemessen zu betrachten, mit dem Verweis, dass Geld momentan „günstig zu leihen ist“ und eine Praxis ihren Inhaber bis 68 gut versorgt, ist mehr als zynisch.
„Neid, Anspruchsdenken, Gerechtigkeitsfanatismus, Versorgungswünsche und Narzissmus“ werden dem Käufer der Kassenzulassung von Herrn Krause unterstellt.
Sind es „Gerechtigkeitsfanatismus“ und „Narzissmus“, wenn der frisch approbierte Therapeut nicht bereit ist, sich immer weiter zu verschulden? Sind die monierten „Versorgungswünsche“ so abwegig, wenn er, meist jenseits der 30, endlich von seiner Arbeit leben und vielleicht – wie vermessen – eine Familie ernähren möchte?
Ist es überzogenes „Anspruchsdenken“, wenn er nicht bereit ist, für das
Privileg, anderen Menschen helfen zu dürfen, unbegrenzt draufzuzahlen? Ist ein wenig „Neid“ nicht menschlich, wenn die Kollegen, die ihre Zulassung noch meist umsonst erhalten haben, dem bereits gebeutelten Nachwuchs nach Gutdünken noch einmal in die Tasche greifen? „Klärende Selbsterfahrung“ tut not – die Frage, warum man sich das alles freiwillig antut, ist nämlich nicht leicht zu beantworten.
Angesichts von Nachwuchsmangel, horrenden Wartelisten für Patienten und der Tatsache, dass vor allem männliche Diplom-Psychologen kaum noch bereit sind, die Ausbildung zum Psychologischen Psychotherapeuten anzutreten, frage ich mich, ob statt des Verhältnisses der Psychotherapeuten zum Geld nicht vielmehr das Verhältnis zu den Therapeuten gestört ist, wenn so mancher annimmt, diese Berufsgruppe könne von Luft und Liebe beziehungsweise Idealismus und einem feuchten Händedruck leben.
Interessierten empfehle ich die Lektüre des Artikels „Selbstaufgabe inklusive“ von Anne-Ev Ustorf in der aktuellen Ausgabe (Juli 2007) von „Psychologie heute“.
Katja Grabowski, Hattinger Straße 381, 44795 Bochum
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige