WISSENSCHAFT

Positive Psychotherapie: Positive Emotionen, Engagement und Lebenssinn

PP 6, Ausgabe Juli 2007, Seite 312

Sonnenmoser, Marion

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Im Zentrum der beiden Formen der positiven Psychotherapie – nach Seligman und nach Peseschkian – steht die Aktivierung der Ressourcen des Patienten.

Seit Kurzem wird in den USA eine neue Psychotherapieform erforscht: die positive Psychotherapie. Sie ist aus der „positiven Psychologie“ hervorgegangen, einer Bewegung beziehungsweise Haltung, die das Positive in den Vordergrund rückt. Vertreter der positiven Psychologie fragen zum Beispiel: Was macht das Leben lebenswert? Wodurch werden Menschen glücklich? Welche Eigenschaften erhalten Menschen psychisch gesund? Wie kann man diese Eigenschaften fördern?
Konzentration auf Positives
Diese Fragen sind nicht neu, denn bereits Philosophen der Antike, wie Sokrates, Plato, Epikur und Aristoteles, befassten sich damit, und auch in der akademischen Psychologie beschäftigt man sich seit rund hundert Jahren mit „positiven“ Themen wie Glück und Zufriedenheit – allerdings eher unsystematisch. Nach dem Zweiten Weltkrieg konzentrierte sich die akademische Psychologie dann hauptsächlich auf psychische Defizite sowie zwischenmenschliche Probleme und stellte die Erforschung von Stärken, Fähigkeiten, Tugenden und Ressourcen eher zurück. Das veranlasste Ende der 1990er-Jahre den Psychologieprofessor M. E. P. Seligman, University of Pennsylvania, in seiner Funktion als Präsident der Amerikanischen Psychologenvereinigung (APA), seine Kollegen aufzufordern, das Positive nicht weiter zu vernachlässigen, sondern sich ihm in Forschung und Praxis stärker zu widmen.
Unter dem Vorsitz Seligmans hat sich mittlerweile eine lose internationale Vereinigung von Wissenschaftlern entwickelt, die Synergien schaffen, ausbilden und den Austausch von Forschern und Praktikern fördern wollen. Die Vereinigung beschäftigt sich aus verschiedenen theoretischen Blickwinkeln und anhand vielfältiger methodischer Ansätze mit Themen wie Glück, Flow, Resilienz, Optimismus, Dankbarkeit, Hilfsbereitschaft, Emotionsregulation, Kreativität, positive Illusion, Humanität, Selbstwirksamkeit, Kontrollüberzeugung, Wohlbefinden, Ressourcen, Stärken, Tugenden, Begabung, (emotionale) Intelligenz, intrinsische Motivation, Achtsamkeit, Selbstvertrauen und Lebenszufriedenheit.
Die positive Psychologie nach Seligman ist heute weder Fachgebiet, eigenständige Theorie oder Forschungsmethode, noch ist sie in ein gemeinsames Konzept eingebettet. Sie ist vielmehr als ein Oberbegriff zu verstehen, der bisher isolierte Theorien und Befunde zusammenfasst und integriert. Möglicherweise bildet sie auch einen neuen Zweig innerhalb der akademischen Psychologie. Die positive Psychologie bewegt sich in weiten Teilen in der Tradition empirisch-naturwissenschaftlich ausgerichteter Psychologie und versteht sich nicht als ihr Ersatz, sondern als Ergänzung.
Die Bewegung ist nach Einschätzung der Begründer in den vergangenen Jahren auf reges Interesse gestoßen, was sich in zahlreichen Publikationen, Kursen, Konferenzen und Forschungsarbeiten zeigt. Dieser Trend ist vor allem in den USA zu beobachten, wohingegen in Deutschland die Ideen der positiven Psychologie bisher nur vereinzelt aufgegriffen wurden. Das mag an den eigenen Forschungstraditionen zu „positiven“ Themen und am erst kurzen Bestehen der Bewegung liegen. Anwendung findet die positive Psychologie zurzeit in der Organisationsforschung (Positive Organizational Scholarship), in der Personalentwicklung (Training von Charakterstärken) und im klinischen Bereich. Hier ist vor allem die Ressourcenorientierung hervorzuheben, die in der positiven Psychologie eine entscheidende Rolle spielt. Das Menschenbild der positiven Psychologie ist auf Ressourcen und Stärken eines Patienten gerichtet, ohne jedoch seine Defizite, Schwächen oder Störungen zu negieren. Auf Basis der Ressourcenorientierung entwickelten Seligman und seine Mitarbeiter eine Klassifikation von Charakterstärken, die als Gegenstück zu der DSM-Klassifikation psychischer Krankheiten konzipiert ist. Die neue Klassifikation ermöglicht es, positive Charaktereigenschaften systematisch zu beschreiben, zu messen und diese Kenntnisse in Interventionen einfließen zu lassen.
Ressourcen aktivieren
Die Ressourcenorientierung fand darüber hinaus Eingang in eine neue Psychotherapieform, die sich „positive Psychotherapie“ (PPT) nennt. Die Begründer der PPT um Seligman argumentieren, dass die meis-ten gängigen Psychotherapieformen sich fast ausschließlich auf Krankheitssymptome und deren Beseitigung konzentrieren und positive Kräfte der Patienten außer Acht lassen. Die Neuerung besteht nun darin, nicht direkt an den Symptomen zu arbeiten, sondern hauptsächlich das zu fördern, was am Patienten gesund ist und funktioniert. Sind seine Ressourcen erst einmal aktiviert, ist der Patient selbst in der Lage, sich zu heilen, beziehungsweise verschwinden die Symptome von selbst.
Auch hinsichtlich der Entstehung psychischer Krankheiten haben die Begründer der PPT eine Theorie aufgestellt. Danach entwickeln sich beispielsweise Depressionen, weil die Patienten ein Leben führen, in dem drei entscheidende Dinge fehlen: positive Emotionen, Engagement und Sinn.
- Positive Emotionen sind Glück und Zufriedenheit und werden nach ihrem zeitlichen Bezug unterteilt. Durch einen wohlgesinnten Rückblick auf die eigene Vergangenheit entstehen Gefühle wie Stolz, Erfüllung und Dankbarkeit. Zu den positiven Gefühlen, die auf die Zukunft bezogen sind, zählen zum Beispiel Hoffnung, Optimismus und Vertrauen.
- Unter Engagement ist das Sicheinbringen in Arbeit, Familie und Freizeit gemeint. Intensives Engagement geht mit intrinsischer Motivation und Freiwilligkeit einher und führt im Idealfall zum Zustand des „Flow“, also zum völligen Aufgehen in einer Tätigkeit, und zu starken Glücksgefühlen. Die Intensität des Engagements kann gesteigert werden, indem die individuellen Talente und Stärken einer Person ermittelt und besonders gefördert werden.
- Die Bedeutung oder der Sinn eines Lebens ergibt sich unter anderem aus dem Einsatz der eigenen Talente und Stärken für übergeordnete Ziele und Ideen. Im konkreten Fall sind dies zum Beispiel Familie, Gemeinschaft, Politik, Religion oder Nation. Die eigenen Talente bestmöglichst einzusetzen, schafft Zufriedenheit und Glücksgefühle.
Seligman und seine Kollegen gehen davon aus, dass der Mangel an positiven Gefühlen, Engagement und Lebenssinn keine Begleiterscheinungen, sondern Ursachen für Depressionen sind. Mit dieser These offeriert die PPT nach Meinung der Begründer einen neuen Weg der Depressionsbehandlung und setzt entsprechend an den drei genannten Punkten an. Die Depressionssymptome werden hingegen nicht direkt behandelt. Das Ziel der Therapie besteht darin, positive Gefühle, Engagement und Sinn herzustellen und zu vermehren. Die aufgebauten positiven Emotionen, die geförderten Talente und ihr Einsatz wirken anschließend den Depressionen entgegen.
Auf der Grundlage dieser theoretischen Annahmen entwickelten die Begründer der PPT spezielle Übungen und stellten diese ins Internet (www.reflectivehappiness.com), um sie von Internetnutzern testen zu lassen. Einige Übungen wurden auch bereits in klinischen Studien eingesetzt. Die meisten Übungen sehen eine Aktivierung beziehungsweise Veränderungen im Denken und Verhalten vor. Eine Übung besteht zum Beispiel darin, jeden Tag mit dem Notieren dreier positiver Erlebnisse abzuschließen. Eine weitere Übung sieht vor, die speziellen Talente einer Person ausfindig zu machen und die Person anzuregen, kreativ zu werden und den Talenten Ausdruck zu verleihen. Eine dritte Übung ermuntert dazu, die eigenen Stärken einzusetzen, etwa in der Beziehung oder am Arbeitsplatz. Solche Übungen sollen Eigeninitiative, Selbstverantwortung und Selbstheilungskräfte anregen, die dazu beitragen, Depressionen und auch andere psychische Erkrankungen signifikant zu reduzieren. Neben den Übungen, die vorwiegend für die Selbsttherapie vorgesehen sind, haben die Begründer der PPT mittlerweile auch Therapiepläne für Einzel- und Gruppensettings erarbeitet, in denen Inhalte, Ziele und Hausaufgaben jeder Therapiesitzung aufgeführt sind.
Die PPT nach Seligman steht mit ihren Theorien und Anwendungen in der Tradition der humanistischen Psychotherapie und der kognitiven Verhaltenstherapie. Sie ist zurzeit darum bemüht, ihre Methoden weiter auszubauen und empirische Beweise für ihre Wirksamkeit zu sammeln. Es liegen bereits erste empirische Studien vor, die eine klinisch und statistisch signifikante Reduktion von Depressionen durch PPT belegen. Allerdings bedarf es noch weit mehr und methodisch besserer Untersuchungen, um zu einem fundierten Urteil über diese neue Therapieform zu kommen.
Die Ressourcenorientierung findet man als zentrales Element auch bei einer anderen Psychotherapieform namens „positive Psychotherapie“ (nach Peseschkian). Dabei handelt es sich um ein tiefenpsychologisch fundiertes Psychotherapieverfahren, das Anfang der 1970er-Jahre von dem deutsch-iranischen Arzt und Psychotherapeuten Prof. Dr. med. Nossrat Peseschkian et al. entwickelt worden ist. Sie hat ein humanistisches Menschenbild, ein psychodynamisches Krankheitsverständnis und kann als konfliktzentrierte, interdisziplinäre und ressourcenorientierte Kurzzeitpsychotherapie bezeichnet werden.
Der Begriff „positiv“ ist dabei nicht im Sinn einer Wertung zu verstehen, sondern in seiner ursprünglichen Bedeutung: lateinisch: positum, das Tatsächliche, das Vorgegebene. Tatsächlich vorgegeben sind nicht notwendigerweise die Konflikte und Störungen, sondern die Fähigkeiten, die jeder Mensch mitbringt. Positive Psychotherapie richtet also den Blick auf das Ganze und meint damit, dass jeder Mensch die Fähigkeit hat, eine Störung zu entwickeln und gleichzeitig auch die Fähigkeit zur Gesundung besitzt. Entsprechend diesem Denkansatz berücksichtigt die positive Psychotherapie nicht nur die Vergangenheit, sondern vor allem eine zukunftsorientierte progressive Betrachtungsweise. Neben der Pathologie wird von Anfang an nach den Ressourcen des Patienten im Sinn seiner Selbstheilungskräfte gefragt. Jedem Menschen wird die Fähigkeit zur Entwicklung seiner noch schlummernden Potenziale zugebilligt. Demnach sieht der Therapeut den Patienten als den Menschen, der er sein könnte, und er ist ihm im Prozess zum „erkenne dich selbst“ und „sei der du bist“ behilflich. Das Therapiekonzept basiert damit auf der Grundannahme, dass der Mensch seinem Wesen nach gut ist und dass sich die Entwicklung eines Menschen sein ganzes Leben hindurchzieht.
Transkultureller Ansatz
Eine Besonderheit ist der transkulturelle Ansatz. Er besagt, dass jeder Mensch nicht nur als isoliertes Einzelwesen zu begreifen ist, sondern dass ebenso seine zwischenmenschlichen Beziehungen, seine Herkunft und seine kulturell geprägten Einstellungen, Verhaltensweisen und Gewohnheiten berücksichtigt werden müssen. Hierzu werden in der psychotherapeutischen Arbeit unter anderem Märchen, Sprachbilder und Geschichten verwendet. Der psychotherapeutische Prozess sieht fünf Stufen vor (Beobachtung/Distanzierung, Inventarisierung, situative Ermutigung, Verbalisierung, Zielerweiterung), die einen Weg der Konfliktverarbeitung aufzeigen, auf eine Vielzahl psychologischer und psychosomatischer Indikationen anwendbar sind und die Selbsthilfe des Patienten mobilisieren sollen. Die Methodik wird entsprechend den sich wandelnden psychotherapeutischen Bedürfnissen des Patienten ausgewählt. Prinzipiell wird eine Vielzahl verschiedener psychotherapeutischer Techniken (zum Beispiel Einzelbehandlung, Gruppentherapie, Familientherapie, Entspannungsmethoden, lerntheoretische Ansätze, psychoanalytische Vorgehensweisen) eingesetzt, die unter anderem der Psychoanalyse, Verhaltenstherapie, Individualpsychologie, Logotherapie, Gesprächstherapie und Gestalttherapie entlehnt sind.
Die Methode ist mittlerweile auch unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten untersucht worden. Es gibt circa 15 Dissertationen und zwei Habilitationen über die Anwendung der positiven Psychotherapie. Zwischen 1994 und 1997 wurde zudem eine Qualitätssicherungs- und Wirksamkeitsstudie zur positiven Psychotherapie durchgeführt.
Die positive Psychotherapie nach Peseschkian ist heute in circa 25 Ländern in nationalen Gesellschaften und regionalen Zentren vertreten. Ihr Hauptsitz liegt in Wiesbaden. 1978 wurde die Deutsche Gesellschaft für Positive Psychotherapie (DGPP) gegründet, 1996 das Internationale Zentrum für Positive Psychotherapie (IZPP). In der Wiesbadener Akademie für Positive Psychotherapie (WIAP) werden unter anderem Ärzte, Psychologen und Sozialpädagogen im bundesweit anerkannten Verfahren der positiven Psychotherapie ausgebildet. Die positive Psychotherapie ist darüber hinaus als eine tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapiemethode und als Zweitverfahren in der Psychotherapie-Weiterbildung von der Lan­des­ärz­te­kam­mer Hessen anerkannt. n
Dr. phil. Marion Sonnenmoser

Weitere Informationen
Zeitschriften
- The Journal of Positive Psychology (nach Seligman),
- The Journal of Happiness Studies (nach Seligman),
- Zeitschrift für Positive Psychotherapie (nach Peseschkian),
- Zeitschrift für Positive und Transkulturelle Psychotherapie (nach Peseschkian).

Internetseiten (Auswahl)
- European Network for Positive Psychology (www.enpp.org),
- Centre for Applied Positive Psychology (www.cappeu.org) (UK),
- Positive Psychology Center, University of Pennsylvania (www.positivepsychology.org, www.authentichappiness.org),
- Positive Psychotherapie (nach Peseschkian) und Deutsche Gesellschaft für Positive Psychotherapie e.V. (DGPP) (www.positum.org).

Ausbildung
- An der University of Pennsylvania kann der Titel
„Master of Applied Positive Psychology“
(nach Seligman) erworben werden.
- An den Universitäten Gießen, Frankfurt/Main und Heidelberg lehren Dozenten der DGPP die Positive Psychologie (nach Peseschkian).

Kontakt
- Deutsche Gesellschaft für Positive Psychotherapie e.V., Langgasse 38–40, 65183 Wiesbaden, Telefon: 06 11/37 37 07, E-Mail: dgpp@positum.org.
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1.
Duckworth A, Steen T, Seligman M: Positive Psychology in clinical practice. Annu Rev Clin Psychol 2005; 1: 629–51.
2.
Peseschkian N: Psychosomatik und Positive Psychotherapie. Heidelberg: Springer 2001.
3.
Peseschkian N, Tritt K, Loew T, Jork K, Deidenbach H, Werner B, Kick H: Wirksamkeitsnachweis in der Positiven Psychotherapie im Rahmen der Qualitätssicherung. In: Jorg K, Peseschkian N: Salutogenese und Positive Psychotherapie. Bern: Huber 2003; 142–3.
4.
Peterson C, Seligman M: Character strengths and virtues. A handbook of classification. New York: Oxford University Press 2004.
5.
Seligman M, Rashid T, Parks A: Positive Psychotherapy. American Psychologist 2006; 11: 774–88.
6.
Seligman M: Authentic happiness: Using the new Positive Psychology to realize your potential for lasting fulfillment. New York: Freepress 2002.
7.
Snyder C, Lopez S: Handbook of Positive Psychology. New York: Oxford University Press 2005.
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