ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2007Sprech-Stunden: Erzählte Psychotherapie

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Sprech-Stunden: Erzählte Psychotherapie

PP 6, Ausgabe Juli 2007, Seite 318

Evers, Gertraud

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LNSLNS Therapiegeschichten
Blick über die Schulter
Der Psychiaterin und Psychotherapeutin Dr. Evers, vormals in Wien, nun in Gießen niedergelassen, ist es gelungen, einen Erzählraum zu öffnen, der in der Regel der Fachliteratur für Psychotherapie verschlossen bleibt. Bekannte Autoren der erzählenden Psychotherapie sind Irvin Y. Yalom (Psychiater und Psychoanalytiker), der Meister des Geschichtenerzählens, der Wissenschaft und existenzielle Psychotherapie gelungen kombiniert, und Yoram Yovell, ein israelischer Psychoanalytiker, der jedoch in seinen erzählten Fallbeispielen eher Yalom nachzuahmen scheint.
Es ist eine Herausforderung, neben Yalom die eigene Erzählsprache in diesem Genre zu finden. Die Autorin hat es gewagt und gewährt Fachleuten und Laien den Blick über die Schulter in ihre Arbeit mit Patienten. Sie lässt teilhaben an Gedanken und Gefühlen von Zweifel, Freude, Zögern, Abneigungen, Unbehagen und erotischen Fantasien. Der Leser nimmt teil am Verlauf der psychotherapeutischen Behandlung, freut sich über Fortschritte, über Sternstunden, durchleidet quälende Sitzungen, Durststrecken und Rückschläge. Evers gibt immer wieder Einblicke in ihre therapeutische Denkweise.
Da Psychotherapie aus guten Gründen hinter verschlossenen Türen stattfindet, gibt es für Berufsanfänger wenig Gelegenheit, durch Zuhören und Zuschauen von erfahrenen Therapeuten zu lernen. Evers Anliegen ist es, Einblick in die verborgenen Räume zu geben. Auf der Schwelle zwischen „Innen“ und „Außen“, das heißt zwischen dem Zugang der inneren Welt der Patienten und der Welt des Therapeuten, ist für sie das Schreiben angesiedelt.
Die Autorin stellt vier Therapieverläufe vor. Ihr Stil ist flüssig und atmosphärisch den jeweiligen Therapiegeschichten angepasst. So unterstützen die in den Text geworfenen Erinnerungs- und Traumsequenzen der Patientin Nelly (dritte Fallgeschichte) die Wahrnehmung beklemmender Gefühle, beschleunigen gleichzeitig das Lesetempo und hinterlassen eine Stimmung des Grauens. Dies muss auch der Leser aushalten.
Evers arbeitet tiefenpsychologisch fundiert mit maximal hundert Stunden, das Theoriegebäude der relationalen Psychoanalyse (Stephen A. Mitchell) sowie die interaktionelle Psychoanalyse („Prinzip Antwort“) von A. Heigl-Evers stehen ihr nah. Gleichzeitig ist sie für viele Ansätze offen, die sie in ihre Arbeit integriert. Neben dem theoretischen Gerüst lässt sie ihren Assoziationen zum Therapieprozess freien Lauf, bezieht Einfälle aus Erzählungen und Romanen, aus der Kunst, Filmen oder Gedichtanfängen in die Gespräche mit ein. Sie verwendet lebendige, nachvollziehbare Bilder und Metaphern in der Sprache mit den Patienten.
Das Buch ist bereichernd für erfahrene Therapeuten und kann jungen Kollegen als Anregung dienen. Ingritt Sachse

Gertraud Evers: Sprech-Stunden. Erzählte Psychotherapie. Schattauer, Stuttgart, 2006, 160 Seiten, gebunden, 29,95 Euro
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