ArchivDeutsches Ärzteblatt30/2007Erste Auswertung der Diabetiker-DMP: Viele Fragen sind noch offen

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Erste Auswertung der Diabetiker-DMP: Viele Fragen sind noch offen

Dtsch Arztebl 2007; 104(30): A-2103 / B-1856 / C-1792

Rieser, Sabine

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LNSLNS Bundesweit sind mehr als drei Millionen Menschen in Chronikerprogrammen eingeschrieben, darunter rund zwei Millionen Diabetiker. Doch handfeste Belege, dass dies ihre Gesundheit verbessert, fehlen noch.

Sage noch einer, Ärzte seien nicht fleißig. Würde man ihre zehn Millionen Dokumentationsbögen ausdrucken und übereinanderstapeln, die allein der AOK-Bundesverband Wissenschaftlern für eine erste Auswertung der Disease-Management-Programme (DMP) überlassen hat, dann ergäbe sich die stolze Höhe von fast einem Kilometer. Theoretisch ließe sich damit ein Bauwerk wie das Brandenburger Tor fast 40-mal gen Himmel stapeln.
Ganz im Gegensatz dazu wachsen die Erfolge mit den DMP noch nicht in den Himmel. Denn dass sich der Gesundheitszustand derjenigen Versicherten verbessert, die in ein Chronikerprogramm eingeschrieben sind, lässt sich noch nicht belegen. Das hat eine Fachtagung des AOK-Bundesverbands gezeigt, bei der Ende Juni erste Ergebnisse der wissenschaftlichen Begleitforschung zu DMP vorgestellt wurden.
Dafür hat ein Konsortium von infas, Prognos und dem Wissenschaftlichen Institut der Ärzte Deutschlands Daten aus 17 DMP der Allgemeinen Ortskrankenkassen für Typ-II-Diabetiker zusammengeführt und ausgewertet. Eingeflossen sind Angaben zu rund 1,25 Millionen Versicherten. Zwar lassen sich gewisse Verbesserungen der Blutzuckerwerte und des Blutdrucks bei den Versicherten nachweisen, die seit Längerem eingeschrieben sind. Auch der Anteil der Raucher ging zurück.
Doch die Ergebnisse sind verzerrt, weil viele der ursprünglich eingeschriebenen Patienten nach drei bis vier Jahren nicht mehr am Programm teilnehmen. Schrieben sich beispielsweise im zweiten Halbjahr 2003 noch rund 213 000 AOK-Versicherte in ein Diabetes-DMP ein, so schrumpfte diese Kohorte bis zum zweiten Halbjahr 2006 auf ungefähr 95 000 Versicherte. Doch wie sich gerade bei denjenigen, die durchhalten, die Zielwerte im Vergleich zum Anfang verändert haben, darüber gibt es keine Aussagen.
Dr. med. Bernhard Egger, Leiter des Stabsbereichs Medizin im AOK-Bundesverband, verwies darauf, dass die Evaluation bestimmten Vorgaben des Bundesversicherungsamts zu folgen hat: „Den Beweis, dass die DMP der besseren Versorgung dienen, kann diese Evaluation nicht leisten, schon weil die Kontrollgruppe fehlt.“
Der AOK-Bundesverband hat aber weitere eigene Forschungsarbeiten in Auftrag gegeben, so bei Prof. Dr. med. Joachim Szecsenyi, Leiter der Abteilung Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung am Universitätsklinikum Heidelberg. Er analysiert derzeit im Rahmen einer Studie, ob und worin sich die Versorgung von Patienten in optimal umgesetzten DMP, in Routine-DMP und außerhalb von DMP unterscheidet.
Erfahrungen mit den Diabetes-DMP im Bereich der Kassenärztlichen Vereinigungen Nordrhein und Westfalen-Lippe steuerte Gerhard Brenner vom Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (ZI) bei. Allein in Nordrhein hatten sich bis zum ersten Quartal 2007 mehr als 300 000 Versicherte in ein Diabetes-DMP eingeschrieben. Das ZI überprüft und verarbeitet die Daten, pseudonymisiert sie für die externe Evaluation, schickt aber auch Feedback-Berichte an beteiligte Praxen, stellt Qualitätszirkeln Auswertungen zur Verfügung und versucht im Austausch mit den Ärzten, Verbesserungspotenzial in der Patientenversorgung auszuloten.
Nach Brenners Darstellung haben die beteiligten Ärzte die weitaus meisten der vereinbarten Ziele erreicht. Ob Blutzuckerwerte, Blutdruckeinstellung, empfohlene Medikation – hier stimmten die Ergebnisse. Eine kleine Abweichung gab es bei der Augenarzt-Überweisung: Statt mindestens 80 Prozent der Patienten einen Besuch vorzuschlagen, wurden nur 73 Prozent darauf hingewiesen. Auffälliger: Zur Fußambulanz sollten vereinbarungsgemäß 65 Prozent der Patienten überwiesen werden, doch tatsächlich waren es nur 17 Prozent. Das ZI will nun ergründen, warum manche Ärzte zwar einen auffälligen Fußbefund dokumentiert haben, aber keine Überweisung zur Fußambulanz ausstellten.
Brenner schließt aus der bisherigen Arbeit des Instituts, dass man sich nicht damit begnügen dürfe, Daten zu evaluieren und Feedback-Berichte an die Ärzte zu verschicken. Wichtig sei der intensive, praxisnahe Austausch mit Ärzten. Sabine Rieser
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