ArchivDeutsches Ärzteblatt30/2007Krankenhausmanagement: Kleine Schritte bewegen viel

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Krankenhausmanagement: Kleine Schritte bewegen viel

Dtsch Arztebl 2007; 104(30): A-2108 / B-1861 / C-1797

Gieseke, Sunna

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Praktikum im Krankenhaus: Die Ambulanz ist dem Arzt Abraham Galuwapananji aus Malawi gut bekannt. In Deutschland macht er eine Fortbildung zum Krankenhausmanager. Fotos: Christian Hass
Praktikum im Krankenhaus: Die Ambulanz ist dem Arzt Abraham Galuwapananji aus Malawi gut bekannt. In Deutschland macht er eine Fortbildung zum Krankenhausmanager. Fotos: Christian Hass
Die Gesundheitssysteme in den meisten Ländern Afrikas gelten als defizitiär und chronisch unterfinanziert. 25 afrikanische Gesundheitsexperten lernen zurzeit die Grundlagen des Krankenhausmanagements in Deutschland.

Bevor ich nach Deutschland kam, wusste ich wie man Patienten behandelt – aber jetzt kann ich auch ein Krankenhaus führen“, sagt Abraham Joseph Galuwapananji. Der 40-jährige Arzt aus Malawi ist mit 24 weiteren Gesundheitsexperten aus Kamerun, Kenia, Ruanda und Tansania seit knapp einem Jahr in Deutschland. Hier nimmt er an dem von der Organisation InWEnt – Internationale Weiterbildung und Entwicklung e.V. angebotenen Trainingsprogramm „Krankenhausmanagement“ teil. Ziel dieser Zusatzqualifikation ist es, die gesundheitliche Versorgung in Afrika zu verbessern. „Hohe Säuglings- und Kindersterblichkeit, schlechte Müttergesundheit, HIV/Aids und Malaria bilden häufig die Rahmenbedingungen in Afrika“, erklärt Johannes Kleinschmidt, Projektleiter des InWEnt-Kurses. Es fehle vor allem an qualifiziertem Personal und Geld, um Verbandsmaterial und die notwendige Technik zu besorgen. Zudem seien viele Krankenhäuser marode. Besonders die öffentlichen Krankenhäuser spielten aber in den Entwicklungsländern eine entscheidende Rolle im staatlichen Gesundheitssystem. Hier würde ein Großteil des Gesundheitsbudgets der Länder eingesetzt werden. Trotzdem seien die Qualität und die Verfügbarkeit ihrer Leistungen sehr eingeschränkt. Die Teilnehmer des Trainingsprogramms sollen daher in Zukunft moderne Managementtechniken in ihren Krankenhäusern einsetzen können, um eine bessere Kostenkontrolle zu ermöglichen.
In den BG-Unfallkliniken in Tübingen lernt der malawische Arzt verschiedene Stationen wie beispielsweise das Labor kennen.
In den BG-Unfallkliniken in Tübingen lernt der malawische Arzt verschiedene Stationen wie beispielsweise das Labor kennen.
Verschiedene Stationen
Die Kursteilnehmer haben zunächst Sprachkurse in Nairobi und Saarbrücken besucht – hier wurden Vokabeln wie „Fallpauschale“ und „Krankenkasse“ gelernt –, danach ging es an die Fachhochschule in Neu-Ulm. In diesem Ausbildungsblock wurden Fächer wie Gesundheitsökonomie, Personalmanagement, Controlling und Buchhaltung unterrichtet. Das theoretisch Erlernte wurde anschließend in einem dreimonatigen Praktikum an deutschen Krankenhäusern angewandt.
Galuwapananji macht sein Praktikum an den Berufsgenossenschaftlichen (BG) Unfallkliniken in Tübingen. Drei Monate lang hat er verschiedene Stationen, wie Ambulanz, Verwaltung, Röntgenaufnahme und Labor, durchlaufen. Es sei schon eine Umstellung gewesen, in einem deutschen Krankenhaus zu arbeiten. Die deutschen Kollegen hätten ihn aber herzlich aufgenommen und seine Fragen gerne beantwortet, auch wenn er erst einmal häufig „Keine Zeit!“ als Antwort bekam. „In Deutschland ist Zeit Geld“, findet Galuwapananji. In Afrika gehe man zum Arzt, wenn man ein Problem habe. Hier müsse man aber auf einen Termin warten. Galuwapananji sind während seines Praktikums in Tübingen noch weitere Unterschiede aufgefallen. Die Dokumentation sei in Malawi nicht ganz so ausgefeilt wie in Deutschland, da es dort quasi kein technisches Equipment wie Computer gebe. Vor allem dauere es in Malawi einige Tage, bis Patienten ihre Laborwerte erhielten. In den BG-Unfallkliniken dauere es nur wenige Stunden. Die Auswertung gehe durch das technische Equipment einfach viel schneller. „Dies bedeutet auch für die Patienten mehr Komfort“, erklärt Galuwapananji. Es sei in Malawi zudem schwer überschaubar, was eigentlich eine Operation koste und wie lange die Patienten im Krankenhaus blieben. Daher sei es fast unmöglich, ein größeres Budget beim Staat zu beantragen. In Kenia beispielsweise, weiß die Kursteilnehmerin Irene Muronge zu berichten, entscheide der Arzt, wie lange der Patient im Krankenhaus bleibe. Es gebe keine Richtlinien. Es fehle vor allem an Daten, und das mache die Kostenerfassung zu schwierig. Eine vollständigere Dokumentation ermögliche aber eine bessere Planungsmöglichkeit und damit auch eine bessere Kostenkontrolle, sagt Galuwapananji. „Ein solches System zu etablieren braucht aber viel Zeit. In Deutschland ist das System auch langsam gewachsen. Wir dürfen in Malawi nicht den Fehler machen, direkt ein perfektes System zu erwarten“, erläutert Galuwapananji.
Es geht den Teilnehmern vor allem um Kostensenkung und eine bessere Kontrolle der Ausgaben. Galuwapananji bezweifelt, dass es möglich ist, die Einnahmen an dem staatlichen Krankenhaus, in dem er arbeitet, zu steigern. Es gebe in Malawi nur wenige Menschen, die eine Kran­ken­ver­siche­rung haben. Der Staat komme für die Kosten auf, aber das Geld sei knapp, und die Budgets deckten nicht unbedingt alle Kosten. Der Arzt müsse sich aber die erbrachten Leistungen von den Patienten quittieren lassen. Dies sei ein Vorteil gegenüber Deutschland: Er schütze vor Missbrauch.
Prozesse strukturieren: In seiner Abteilung im Queen- Elisabeth-Krankenhaus in Blantyre, Malawi, will Galuwapananji für eine bessere Dokumentation sorgen. Foto: flickr
Prozesse strukturieren: In seiner Abteilung im Queen- Elisabeth-Krankenhaus in Blantyre, Malawi, will Galuwapananji für eine bessere Dokumentation sorgen. Foto: flickr
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„Kurze Wartezeiten und Kummerkästen“
Das deutsche Gesundheitssystem habe ihn beeindruckt. „In Malawi wissen wir gar nicht, dass man aus Krankenhäusern auch Hotels machen kann.“ Er sei nur etwas enttäuscht von den Deutschen, die seiner Meinung nach ein hervorragendes Gesundheitssystem hätten und sich dennoch andauernd beschwerten. Sobald er wieder in Malawi ist, möchte er die Patienten noch mehr in den Mittelpunkt stellen und mehr über deren Wünsche und Bedürfnisse erfahren. „Kurze Wartezeiten und ansprechend eingerichtete Wartezimmer, die keine Langeweile aufkommen lassen, und Kummerkästen – so etwas brauchen wir auch in Malawi.“
Schon der Vater und Großvater von Galuwapananji haben kranken Menschen geholfen. Sie haben ihm beispielsweise gezeigt, wie mit Kräutern Malaria gelindert werden kann. Er wollte der Gesellschaft etwas zurückgeben und hat sich deshalb dazu entschlossen, Arzt zu werden. Seine Ausbildung absolvierte er am „Malawi College of Health Science“ in der Hauptstadt Lilongwe. Nun wolle er lernen, mit den knappen Mitteln in Malawi umzugehen. Ihm sei es wichtig, auf die Bedürfnisse der Patienten einzugehen, und das Geld so effizient wie möglich einzusetzen. Daher habe er sich auch für die Weiterbildung in Deutschland entschieden. 1986 und 1987 war er bereits in Großbritannien, Australien und Kanada. Zwischenzeitlich hat Galuwapananji aber auch seine Kenntnisse in der freien Wirtschaft eingesetzt und Angestellte in Firmen über die HIV-/ Aids-Risiken aufgeklärt. Zu dieser Zeit hatte er bereits InWEnt-Seminare zum Thema HIV/Aids in Südafrika besucht. Inzwischen arbeitet er in dem staatlichen Queen-Elizabeth-Krankenhaus in Blantyre, Malawi.
„Zurück in Afrika wird das Programm für die Teilnehmer der Fortbildung keinesfalls beendet sein“, erklärt InWEnt-Mitarbeiter Kleinschmidt. Jeder Teilnehmer habe sich ein kleines Projekt überlegt, dass er in seinem Heimatland umsetzen möchte. Auf diesem Weg soll das hier Erlernte im Heimatland sinnvoll umgesetzt werden. Die Projekte sind ganz unterschiedlich: Kostenkalkulation, Dokumentation, Motivation von Mitarbeitern. Galuwapananji hat sich vorgenommen, die Abläufe in seiner Krankenhausabteilung zu optimieren. „Ich möchte nicht direkt ein zu großes Projekt wählen. Es geht darum, in kleinen Schritten die Prozesse zu verbessern, um den Patienten besser helfen zu können.“ Er möchte vor allem Behandlungsrichtlinien erstellen und diese besser dokumentieren. Aber das Allerwichtigste sei zunächst eine fundierte Diagnose. Mit seinem Wissen im Krankenhausmanagement wird Galuwapananji ein wichtiger Multiplikator sein. Sunna Gieseke

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