ArchivDeutsches Ärzteblatt30/2007Der Zweiklassenstaat: Feindbilder
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. . . Die Zweiklassenmedizin dürfte allenthalben, in Arztpraxen wie in Krankenhäusern, Wirklichkeit geworden sein, aber anders als von Lauterbach argumentiert, sind die Ärzte mit absoluter Sicherheit nicht diejenigen, die für die zwei Klassen gesorgt haben, sondern ein Gesundheitssystem, das die Unterscheidung zwischen privat und gesetzlich Versicherten geradezu fordert. Nicht nur bei den niedergelassenen Ärzten, sondern auch in Krankenhäusern werden und können gesetzlich versicherte Patienten nur entsprechend einem vorgegebenen Budget behandelt werden, das nicht überschritten werden darf, egal wie viele Patienten ein einzelner Arzt bzw. ein einzelnes Krankenhaus behandeln kann oder will. Die Budgets sind überall so bemessen, dass die Einnahmen bei den gesetzlich Versicherten nicht ausreichen, um mit den notwendigen Ressourcen eine gute Behandlung zu gewährleisten. Alle, Niedergelassene und Krankenhäuser, sind darauf angewiesen, möglichst viele Privatpatienten zu behandeln, weil bei den Privaten einerseits mehr Erlöse erzielbar sind und andererseits diese keinem Budget unterliegen. Es gibt so gut wie keine einzige Praxis in Deutschland, die existieren könnte, wenn sie nur gesetzlich versicherte Patienten behandeln würde. Das weiß Prof. Lauterbach sehr wohl, und es wundert mich, dass er in seinem Artikel etwas anderes behauptet. Die von ihm genannten „Einkommen“ sind Träumereien, weil es sich hier um Umsätze, nicht um Einkommen handelt – schließlich sind aus den Erlösen Praxispersonal, Einrichtung, Geräte, Mieten usw. zu bezahlen. Sehr wenige niedergelassene Ärzte haben 10 000 Euro und mehr monatlich zu versteuern, und Lauterbach macht das, was Politiker gerne tun, nämlich Ausnahmen hervorzuheben, um eine ganze Berufsgruppe anzugreifen und zu diskreditieren. Auch die Millionen verdienenden Universitätsprofessoren oder Chefärzte gehören schon seit Langem der Vergangenheit an – dass es diese vor 20 Jahren und mehr gegeben hat, streitet niemand ab. Jeder Bürger dieses Landes kann im „Google“ „Besoldungsgruppe C 4“ eingeben um festzustellen, dass das Gehalt eines Lehrstuhlinhabers und Klinikdirektors genau 79 000 Euro jährlich einschließlich aller Zulagen beträgt. Ohne die Möglichkeit, einen Teil der Erlöse bei Privatpatienten dazuzuverdienen, könnten die von Lauterbach in höchsten Tönen so gelobten Experten nicht mehr verdienen als die meisten Handlungsreisenden . . . Lauterbach hat völlig recht, wenn er beanstandet, dass sich die größten Experten dieses Landes mit Patienten beschäftigen müssen, die aufgrund ihres Versichertenstatus zu ihnen kommen und nicht aufgrund komplexer Erkrankungen . . . Es grenzt an Unwürdigkeit, wenn ein national und international anerkannter Experte sein Geld mit einfachsten medizinischen Problemen verdienen muss, die jeder Arzt, auch ein Anfänger, genauso gut lösen könnte. Aber kein Experte würde ernsthaft darauf bestehen, wenn er einerseits eine seiner Position angemessene Vergütung bekäme, die unabhängig vom Versichertenstatus der Patienten wäre und andererseits nicht von seiner Verwaltung/Geschäftsführung dazu angehalten wäre, das zu tun. Natürlich liegt hier ein Fehler im System vor – aber Anstalten von Seiten der Politik, das zu ändern, sind seit Jahrzehnten Fehlanzeige. Das einzige, was sowohl von der Politik als auch von der sogenannten „Ärztegewerkschaft“ (Marburger Bund) seit Jahren diesbezüglich geführt wird, ist eine Neiddebatte, die jenseits jeglicher Realität die „Ärztemillionäre“ in den Mittelpunkt zu rücken versucht – Millionäre, die man in unserem Land wahrscheinlich an einer Hand abzählen kann. Schuldig an den Kosten unseres Gesundheitswesens ist nach Lauterbach die Gruppe der niedergelassenen Fachärzte, die alles teurer werden lässt. Jemanden wie mich, der immer schon im Krankenhaus gearbeitet hat, und der mit Unverständnis und Ohnmacht sieht, dass die Ambulanzen großer Kliniken, auch Universitätskliniken, seit Jahren abgebaut werden, müsste seine Aussage freuen: Alle Facharztpraxen schließen und die Patienten in die Ambulanzen der Krankenhäuser schicken! Denkt Lauterbach allen Ernstes, dass sich durch eine derartige Verlagerung irgendetwas verbessert oder „billiger“ wird? Die Patienten, die von einem Facharzt gesehen und behandelt werden müssen, wird es in gleicher Anzahl geben, auch wenn sie nicht mehr in Praxen, sondern in Krankenhäusern behandelt werden. Warum erwähnt er die Tatsache nicht, dass beispielsweise Hochschulambulanzen, die wir dringend für Patienten mit komplexen Krankheitsbildern, aber auch zur Ausbildung unserer Ärzte brauchen, mit absolut lächerlichen Patienten-pauschalen (ca. 50 Euro pro Patient pro Quartal, alle Untersuchungen inklusive) ausgestattet sind? . . . Wenn Lauterbach die Ärzte als Hauptschuldige für die Fehler in unserem Gesundheitssystem hinstellt, ist das nicht mehr und nicht weniger als eine politische Ersatzhandlung, er braucht Sündenböcke, Feindbilder. Das von ihm gezeichnete Bild eines Arztes, der durch und durch böse, unfähig und geldgierig ist, bleibt eine Karikatur und hat mit der Realität nichts zu tun . . .
Prof. Dr. Dr. Serban-Dan Costa,
Direktor der Universitäts-Frauenklinik,
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg,
Gerhart-Hauptmann-Straße 35, 39108 Magdeburg
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