ArchivDeutsches Ärzteblatt30/2007Marburger Bund: Klinikarzt – herrlich!
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Neuer Tarifvertrag, kein 24-Stundendienst mehr, wer nicht mehr als tariflich festgesetzt arbeiten will (oder kann), darf nicht benachteiligt oder drangsaliert werden. Es ist herrlich! In der wirklichen Klinikwelt machen Ärztinnen und Ärzte allerlei Verrenkungen, damit sie die Einkommensverluste wieder ausgleichen. Der Trend zum Zweitjob ist längst keine verzweifelte Aktion hoch verschuldeter Praxisgründer mehr, sondern Realität für Familienväter und -mütter, die sonst deutliche Abstriche in Erziehung, Ausbildung und Betreuung ihrer Kinder machen müssten. Da werden Vollzeitarbeitsverträge in Teilzeitverträge gewandelt, damit mehr Zeit für agenturvermittelte Vertretungen bleibt, die – zwar ohne Sozialleistung – deutlich besser honoriert werden als die Angestelltentätigkeit. Kliniken müssen sich Ärzte leasen, weil die klinikeigenen angestellten Ärzte während der neu gewonnenen Freizeit als Leasingarzt in einer anderen Klinik arbeiten, deren Ärzte wiederum woanders als Leasingarzt . . . so wandern und reisen wir wie unsere mittelalterlichen Kollegen landauf, landab oder ins Ausland. Fragt sich nur, ob die hohen Ansprüche des Qualitätsmanagements mit Wanderärzten umsetzbar bleiben. Die unterschiedlich raffiniert konzipierten Modelle ärztlicher Arbeitszeit verstärken die Entwicklung zum sozial isolierten Alleingänger ohne Familie oder andere Verpflichtungen. Wer fünf oder sechs Tage in der Woche 13 Stunden arbeitet, 30 bis 60 Minuten Wegezeit zum Arbeitsplatz benötigt, dem bleibt nicht viel übrig für Familie, Regeneration und Fortbildung. Wer in einem sozialen Gefüge lebt, der weiß, dass es auch mal Risse und Sprünge gibt . . . Der Höhepunkt der Neukonzeption ärztlicher Arbeit ist jedoch die Verminderung von Arbeitszeit durch Arbeit? Das ist höhere Mathematik. Nächtliche Arbeitszeit wird aufgeteilt in Regelarbeitszeit und Bereitschaftszeit, sodass der Arzt in 13 Stunden nur sechs Stunden Arbeitszeit erwirtschaftet. Bei fünf Nachtschichten in der Woche kommen also nur 30 Stunden zusammen, bei einer Wochenarbeitszeit von 42 Stunden sind das zwölf Stunden zu wenig. Macht nix, kommen wir eben öfter! Die Vergütung der nächtlichen Dienstzeit hat sich zwar auf dem Papier verbessert, aber nach wie vor wird die nächtliche oder Feiertagsarbeit eines Arztes geringer vergütet als wochentags. Sagen Sie das mal dem Mann vom Schlüsseldienst . . .
Constanze Rumpel-Sodoma, Irisgrund 1, 14552 Michendorf/ Wilhelmshorst
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