ArchivDeutsches Ärzteblatt30/2007Leben und sterben, wo ich hingehöre. Dritter Sozialraum und neues Hilfesystem.

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Leben und sterben, wo ich hingehöre. Dritter Sozialraum und neues Hilfesystem.

Dtsch Arztebl 2007; 104(30): A-2120 / B-1872 / C-1808

Dörner, Klaus

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Gesellschaft
Provokationen auf den zweiten Blick

Die öffentliche Debatte über alte Menschen in unserer Gesellschaft wird stark durch Begriffe wie „Krieg der Generationen“, „drohende Alterswelle“, „Pflegenotstand“ oder „Methusalem-Komplott“ geprägt, was wenig zur Lösung der Probleme beiträgt und stattdessen Angst, Abwehr und Hoffnungslosigkeit auslöst. Muss Hilfsbedürftigkeit immer mit quälender Abhängigkeit gleichgesetzt werden? Gibt es nur die Alternativen Großfamilie oder Pflegeheim? Ist die Selbstbestimmung wirklich das oberste Ziel und das Einzige, was den (alten) Menschen trägt und bewegt?
Der Arzt Klaus Dörner hat sich in den vergangenen zehn Jahren circa 1 500-mal aufgemacht, um in Diskussionsrunden und Vorträgen von Bürgerinnen und Bürgern in ganz Deutschland zu lernen, wie ein bürgerorientiertes Leben zwischen gesunden, chronisch kranken, helfensbedürftigen, alten und hilfsbedürftigen Menschen aussehen kann – fern von Alten- und Pflegeheimen, sondern in der Nachbarschaft und der Gemeinde. Diese und seine eigenen Erfahrungen bei der Deinstitutionalisierung einer psychiatrischen Klinik bilden die Grundlage seines neuesten Buchs.
In einem historischen Aufriss gelangt er von der Institutionalisierung der Moderne zur Phase der Deinstitutionalisierung seit Beginn der 80er-Jahre. Im zweiten Kapitel wird aufgezeigt, dass der Sprung in ein „neues Hilfesystem“ schon von vielen vollzogen wurde (zum Beispiel Umwandlung von Heimen in ambulante Wohngruppen bei Kindern, Behinderten oder psychisch Kranken), dass aber dieses im Bereich der Alten bisher nur punktuell verwirklicht wurde. Im „Herzstück des Büchleins“ beschreibt Dörner den „Dritten Sozialraum“: die Nachbarschaft. Hier im „Wir-Raum“ zwischen dem ersten Sozialraum des Privaten und dem zweiten Sozialraum des Öffentlichen gelingt ein bürgerorientiertes und solidaritäts-stabilisierendes Miteinander in gesunder Mischung der unterschiedlichen Hilfs- und Helfensbedürftigkeit am besten. Im vierten Kapitel nimmt er die Perspektive des hilfsbedürftigen Bürgers ein und beschreibt die heutigen Möglichkeiten, wie jeder Bürger dort leben, altern und sterben kann, wo er hingehört. Nach konkreten Vorschlägen für die Handlungsebene der Sozialprofis und des Staats schließt er seine Ausführungen mit einer Reflexion über sein eigenes Sterben und die möglichen Bedürfnisse in diesem letzten Lebensabschnitt.
Auf den ersten Blick vermisst man die ungemütlichen Dörnerschen Provokationen. Diese offenbaren sich erst auf dem zweiten Blick und kommen bei näherer Betrachtung einer kleinen Revolution unseres Miteinanders und unserer Kultur gleich: zum Beispiel im Anspruch eines jeden Menschen auf „Bedeutung für Andere“; in der (widerwilligen) Anerkennung der eigenen „Helfensbedürftigkeit“ (mein egoistisches Bedürfnis, anderen helfen zu wollen – zwar widerwillig und nur auf Nachfrage, aber mit überraschender Bereicherung für beide Seiten); in der Neueinführung der Nachbarschaft als den Ort, wo wir als Bürger in dem „neuen Hilfesystem“ am tragfähigsten solidarisch sein dürfen und können.
Bisher hat Dörner seine Bücher meistens mit der Profibrille geschrieben. In diesem Buch nimmt er die Bürgersicht ein – die vielen Beispiele und Adressen von Initiativen quer durch die Republik sind Ausdruck dessen. Das hat zum einen den Vorteil, dass sich das Buch gut und spannend lesen lässt. Zum anderen kann es unter anderem Ärzteprofis helfen, die künftige Rolle in dem neuen Hilfesystem mit einem gesunden Bürger-Profi-Mix besser zu finden, damit es in Zukunft möglich wird: Zu leben und zu sterben, wo ich hingehöre. Steffen Simon

Klaus Dörner: Leben und sterben, wo ich hingehöre. Dritter Sozialraum und neues Hilfesystem. Edition Jakob van Hoddis, Paranus, Neumünster, 2007, 220 Seiten, kartoniert, 19 Euro
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