ArchivDeutsches Ärzteblatt30/2007Documenta: Wort- und Kunstkaskaden

KULTUR

Documenta: Wort- und Kunstkaskaden

Dtsch Arztebl 2007; 104(30): A-2141 / B-1894 / C-1830

Jaeschke, Helmut

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Die Maske „Dogone“ von Romuald Hazoumé, 1996
Die Maske „Dogone“ von Romuald Hazoumé, 1996
Erstmalig in der Geschichte der Ausstellung wird die Gemäldegalerie im Schloss Wilhelmshöhe mit einbezogen.

Gut, dass 1 001 antike chinesische Stühle über alle Ausstellungsorte verteilt nicht nur zum Anschauen, sondern auch zum Ausruhen freigegeben sind, denn anstrengend ist der Parcours durch Roger M. Buergels 12. documenta in Kassel allemal, insbesondere wenn man die anspruchsvollen Wortkaskaden der drei Leitmotive, der Fragen nach der Moderne, nach dem bloßen Leben und nach der Bildung, nicht aus dem Kopf kriegt.
Da sollte man sich eher von der Leichtigkeit der Herkuleskaskaden und Reisterrassen im Bergpark Wilhelmshöhe inspirieren lassen. Dann versteht man zwar immer noch nicht, warum der chinesische Künstler Ai Weiwei im Rahmen seiner Performance „Fairytale" tausend und einen Chinesen nach Kassel bringen wird, bekommt aber eher ein Gespür für die Hoffnungen und Träume, die Romuald Hazoume´ mit seiner aus 421 Kunststoffkanistern gebauten Boot-Installation im Aue-Pavillon heraufbeschwört und ist vollends fasziniert von seinen Dogon-Masken. Diese Masken, deren frühe Vorfahren schon Picasso zu seinen kubistischen Porträts inspiriert haben, verraten erst auf den zweiten Blick, dass auch sie aus Kanistern und anderen modernen Abfallprodukten gebaut sind, und dennoch sind sie legitime und würdige Teile der viertausendjährigen afrikanischen Kultur.
Überhaupt ist die Ausstellung dort am stimmigsten, wo nicht Texttafeln im Vordergrund stehen, sondern alle Sinne angesprochen werden, so bei der Klanginstallation der Geistergitarren von Saädane Afif im Aue-Pavillon oder der Tanzperformance von Trisha Brown im Museum Fridericianum. Dort ziehen Tänzerinnen ihre Bahnen durch ein schwebendes Meer von Stoffen und korrespondieren damit zwanglos mit der lichten Installation von Iole de Freitas im Raum gleich nebenan. Die gebogenen Stahlrohre und durchsichtigen Polykarbonplatten scheinen ebenfalls durch den Raum zu tanzen und durchdringen an der Südwestseite des Gebäudes die Wände. Auf diese Weise beziehen sie die Außenhaut des Museums mit ein – ein schönes Sinnbild für die angestrebte Lockerheit der documenta und ein gelungenes Beispiel für den Slogan von der Migration von Formen.
Lobenswert ist auch die Idee, erstmalig in der Geschichte der documenta die Gemäldegalerie im Schloss Wilhelmshöhe mit einzubeziehen. Doch dort offenbart sich das Manko der buergelschen Inszenierung: Zuerst kommt das Konzept und dann die Auswahl der passenden Künstler. Nicht nur im Kontext mit den alten Meistern Dürer, Franz Hals, Rubens und Rembrandt verlieren die Gemälde der documenta-Künstler Yan Lei, Kerry James Marshall und Charlotte Posenenske. Auch ohne diese schwergewichtige Konkurrenz vermögen die Gemälde von Monica Baer oder Juan Davila im Aue-Pavillon nicht zu überzeugen. Wäre es wirklich so falsch gewesen, diejenigen Künstler zu zeigen, die nach dem Ende der Avantgarde das Tafelbild wiederbelebt haben, seien es die jungen Maler der Dresdener und Leipziger Schule oder Individualisten wie Peter Doig, Eric Fischl oder die Maler der Gruppe „Zebra“? Doch jeder ist aufgerufen, nach Kassel zu kommen und seine eigenen Entdeckungen auf dieser documenta zu machen. Es lohnt sich allemal.
Dr. med. Helmut Jaeschke

Die ausgestopfte Giraffe „Brownie“ von Peter Friedl starb im Jahr 2002 bei israelischen Angriffen im Zoo Qalqiliyah im Westjordanland. Sie ist eines der Wahrzeichen der documenta 12. Fotos: Gerda Jaeschke
Die ausgestopfte Giraffe „Brownie“ von Peter Friedl starb im Jahr 2002 bei israelischen Angriffen im Zoo Qalqiliyah im Westjordanland. Sie ist eines der Wahrzeichen der documenta 12. Fotos: Gerda Jaeschke

Ausstellungsdauer: bis 23. September. Öffnungszeiten: täglich von 10 bis 20 Uhr. Tageskarte: 18 Euro, Zweitageskarte: 27 Euro. Dauerkarte: 90 Euro. Informationen unter Telefon: 0 18 05/11 56 11.
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