ArchivDeutsches Ärzteblatt30/2007Roman: Wie Orpheus und Eurydike

KULTUR

Roman: Wie Orpheus und Eurydike

Dtsch Arztebl 2007; 104(30): A-2143 / B-1896 / C-1832

Goddemeier, Christof

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LNSLNS Orpheus ist der berühmteste Poet und Musiker der griechischen Sage. In diesem Roman heißt er Ralph Zimmermann und sitzt an einem Samstagmorgen beim Frühstück im Stuttgarter Café Rösler. Zimmermann hat bewegte Jahre hinter sich. Nach ein paar Tassen Kaffee geht der 55-jährige Lehrer zügig zum ersten Wodka über. Der Mann hat ein Alkoholproblem, daran besteht kein Zweifel. Ein großer Musiker wie Orpheus ist er nicht, aber 1981 tourte er ein paar Monate mit der Underground-Sängerin Joey durch Europa. Im Mythos stirbt Eurydike, als sie auf der Flucht vor einem Vergewaltiger auf eine giftige Schlange tritt. Zimmermanns Geliebte Joey stirbt durch einen von ihm verursachten Unfall. Danach findet er nicht mehr ins Leben zurück.
Das alles und noch viel mehr lässt er im Café Rösler in einem gewaltigen „inneren Monolog“ an sich vorüberziehen. Da ist der Tod allgegenwärtig: 1960 holt er Zimmermanns elfjährigen Schulkameraden, 1979 seine Eltern bei einem Flugzeugabsturz, 1981 sein „Närrchen“ Joey. Wie im Mythos folgt Zimmermann seiner Eurydike ins Totenreich, doch geschieht es bei ihm ohne Absicht – eine Ösophagusvarizenblutung befördert ihn um ein Haar ins Jenseits. Seitdem sind die Toten, von Andy Warhol über Joey und Zimmermanns Eltern bis zu Rudolf Hess, an seiner Seite, doch nur für die Leser, Zimmermann kann sie nicht hören. Frech und geschwätzig kommentieren sie seinen Gedankenstrom. Aus dem biblischen „consummatum est – es ist vollbracht“ Jesus am Kreuz macht der vom Wodka Angezählte ein „Jungejunge, es ist vollbracht“ beim Bezahlen der Rechnung.
Ein eigenwilliger Text. 1998 erhielt Lewitscharoff für ihr Buch „Pong“ den Ingeborg-Bachmann-Preis. Gegenüber diesem in sich geschlossenen Meisterwerk überzeugt „Consummatus“ nicht vollständig.
Christof Goddemeier

Sibylle Lewitscharoff: Consummatus. Roman. Deutsche Verlags-Anstalt, München, 2006, 240 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, 18,90 Euro
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