ArchivDeutsches Ärzteblatt30/2007Strahlenbelastung: Von vielen Ärzten unterschätzt

TECHNIK

Strahlenbelastung: Von vielen Ärzten unterschätzt

Dtsch Arztebl 2007; 104(30): A-2145 / B-1899 / C-1835

Krüger-Brand, Heike E.; Rub

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
CT-Aufnahme des Herzens: Die Computertomografie trägt mehr als die Hälfte der gesamten Strahlendosis durch röntgendiagnostische Maßnahmen in der Bevölkerung bei. Foto: RUB
CT-Aufnahme des Herzens: Die Computertomografie trägt mehr als die Hälfte der gesamten Strahlendosis durch röntgendiagnostische Maßnahmen in der Bevölkerung bei. Foto: RUB
Experten warnen vor dem übermäßigen Einsatz von CT und Röntgen in Deutschland.

Nach einer Untersuchung des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS) wurden 2004 rund 135 Millionen radiologische Untersuchungen durchgeführt – rund 1,6 Untersuchungen je Einwohner. Nach Meinung von Bundesumweltminister Sigmar Gabriel und dem Präsidenten des BfS, Wolfram König, ist das eindeutig zu viel. Sie wollen die Strahlenbelastung der Bevölkerung senken. Bei der Vorstellung des BfS-Jahresberichts in Berlin kritisierte Gabriel: „In Deutschland wird zu viel geröntgt. Wir beobachten dabei mit Sorge, dass für Untersuchungen mit dem Computertomografen, beispielsweise bei den sogenannten Manager-Check-Ups, zunehmend geworben wird.“ Vor allem diese verstärkte Anwendung der dosisintensiven CT sei für die hohe durchschnittliche Strahlenbelastung in Deutschland verantwortlich.
Das BfS hatte eine Statistik mit den Daten für den Zeitraum von 1996 bis 2004 ausgewertet. Dabei wurde ein Anstieg der dosisintensiven Computertomografie um 65 Prozent festgestellt. Zwar erscheint der Anteil der CT an der Gesamthäufigkeit aller Röntgenuntersuchungen im Jahr 2004 mit sieben Prozent gering, doch schlägt er sich in einer hohen Strahlenbelastung nieder: Die CT trägt mehr als die Hälfte der gesamten Strahlendosis durch röntgendiagnostische Maßnahmen in der Bevölkerung bei.
„Röntgenuntersuchungen gehören nicht in eine Vorsorgeuntersuchung. Sie sollen nur durchgeführt werden, wenn sie zu diagnostischen Aussagen führen, die Folgen für die Art der Behandlung haben“, so König. Außerdem sei stets zu überlegen, ob mit alternativen Verfahren ohne Anwendung von Röntgenstrahlen, zum Beispiel der Sonografie, Endoskopie oder MRT, nicht gleichwertige oder sogar bessere diagnostische Informationen gewonnen werden könnten.
Studie in Bochum
Die Ergebnisse des BfS werden auch durch eine Umfrage der Ruhr-Universität Bochum bekräftigt. So unterschätzten 72 Prozent aller in einer Studie des Instituts für Radiologie in den BG-Kliniken Bergmannsheil befragten Klinikärzte (Nicht-Radiologen) die Strahlendosis der CT im Vergleich zur konventionellen Röntgenaufnahme. Der unkritische Einsatz des Verfahrens ist die Folge. Medizinstudium und radiologische Fortbildungsmaßnahmen sollten Ärzte aller Fachrichtungen stärker für die Strahlenbelastung sensibilisieren und die Hemmschwelle, eine solche Untersuchung zu initiieren, anheben, rät daher die Studie.
119 Ärzte aus Chirurgie, Innerer Medizin, Anästhesie und Neurologie des Universitätsklinikums hatten sich an der Befragung beteiligt. 39,5 Prozent der Befragten schätzten die Strahlendosis einer konventionellen Röntgenaufnahme des Brustraums mit 0,01 bis 0,1 Milli-sievert (mSv) richtig ein; nur 33,6 Prozent der Ärzte wussten, wie hoch die Strahlenbelastung einer CT des Brustraums beim Erwachsenen ist: 1 bis 10 mSv. Zum Vergleich: Die Strahlenbelastung eines Menschen durch natürliche Quellen wie kosmische Strahlung beträgt etwa 2,1 mSv pro Jahr. Noch weniger Befragte waren sich der Höhe der Strahlendosis einer Herz-CT und einer CT-Untersuchung beim Säugling (je 10 bis 100 mSv) bewusst (26 beziehungsweise 27 Prozent).
Bezeichnung führt in die Irre
Wie unsicher sich die Ärzte hinsichtlich der Strahlendosis der Untersuchungsverfahren waren, zeigte sich auch darin, dass einige ihre Einschätzung offenbar vom Namen des Verfahrens abhängig machten: Ein Drittel der Befragten nahm an, die Strahlendosis einer „Low-Dose-CT“ sei kleiner oder gleich der einer herkömmlichen Röntgenaufnahme – tatsächlich verhält es sich umgekehrt. Der Begriff „High-Resolution CT“ rief offenbar den Eindruck einer hohen Strahlenbelastung hervor. Hier schätzten 90 Prozent aller Befragten die Strahlenbelastung korrekterweise höher ein als die der konventionellen Röntgenaufnahme. Berufserfahrung, Position oder Fachrichtung der Befragten machten keinen Unterschied bei den Ergebnissen.
Die weit überwiegende Zahl der CT-Untersuchungen ordnen Nicht-Radiologen an. Nach Ansicht der Radiologen gehen diese in manchen Bereichen zu unkritisch damit um. So bestätigt sich zum Beispiel der Verdacht auf eine Lungenembolie durch gezielte Embolie-CT nur bei zehn bis 30 Prozent aller untersuchten Patienten – mehr als 70 Prozent der Patienten werden umsonst der Strahlung ausgesetzt.
KBr/Rub
Informationen:
BfS-Jahresbericht: www.bfs.de/bfs/druck/
jahresberichte/jb2006.html
Bochumer Studie: Dr. med. Christoph Heyer,
Institut für Radiologie und Nuklearmedizin,
Berufsgenossenschaftliches Universitätsklinikum Bergmannsheil, Klinikum der Ruhr-Universität
Bochum, Bürkle-de-la-Camp-Platz 1,
44789 Bochum, E-Mail: christoph.heyer@rub.de
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema