ArchivDeutsches Ärzteblatt30/2007Von schräg unten: Roter Fleck

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Roter Fleck

Dtsch Arztebl 2007; 104(30): [188]

Böhmeke, Thomas

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Ich muss gestehen, dass ich von der Diagnose ziemlich überrascht worden bin. Jahrelang war er im Dunkeln herangewachsen, hat sich meinem akribischen diagnostischen Zugriff, egal ob mit den Mitteln der Elektrokardiografie, der Sonografie oder gar des Röntgenstrahls, erfolgreich entzogen. Nur so konnte es passieren, dass er im Stillen zu gewaltiger Größe heranreifen konnte und jetzt – quasi mit einem Paukenschlag – sogar einer Blickdiagnose unausweichlich ist. Die Rede ist hier nicht von einem tuberkulösen Senkungsabszess, wie Sie vielleicht meinen mögen, sondern von meinem mittlerweile erwachsenen Sohn, der erfolgreich das Abitur bestanden hat. Und das ohne große Hilfe von seinem Alten, dessen Präsenz durch Stations- und Nachtdienste, durch Praxis und Fortbildung einer Nulllinie gleichkam. Mit großem Stolz und noch größerem Eifer leuchte ich nun seine unterschiedlichen beruflichen Perspektiven in den schillernsten Farben aus: Arzt musst Du werden! Schließlich würde man in keinem anderen Beruf den Mitmenschen nicht nur jederzeit alle Fragen beantworten können, sondern man erlernt auch den souveränen Umgang mit allen erdenklichen Spielarten bürokratischen Unfugs! Mediziner ist das Ziel! Denn nur durch diese Arbeit würde man schon in der frühen Jugend in ausreichendem Maß auf die Härten der Globalisierung wirklich richtig vorbereitet werden – fit for future durch eine 60-Stunden-Woche bei mieser Bezahlung! Doktor muss man sein! Denn dann kann man nicht nur immer und überall richtige Diagnosen stellen, sondern sich auch endernagelharte Nerven antrainieren, weil man sich tagtäglich für seine Schutzbefohlenen aufreibt und trotzdem in der Presse niedergemacht wird!
Mein Sohn schaut mich kritisch an. Obwohl nicht bewandert in Irisdiagnostik, meine ich, aus seinem Blick einige Zweifel herauszulesen. Könnte es vielleicht sein, dass ich das Vertrauen dieses jungen Menschen verspielt habe, weil ich zu viele Nachtdienste in der Klinik gemacht oder zu viele Überstunden in der Praxis verbracht habe? An zu vielen Wochenenden auf Fortbildungen verschwunden war? Der Sohn rupturiert meine selbstquälerischen Gedankengänge. „Papa, ich habe da einen roten Fleck am Arm, sag’ mal, was kann denn das sein?“ Ich bin natürlich so blöd und falle auf den Test dieses Pisa-Studien-gestählten jungen Mannes herein. „Das ist ein . . . hmm . . . interessant . . . ja, das ist eindeutig ein roter Fleck . . . hm . . . differenzialdiagnostisch ein roter Fleck . . . äh . . . ich überweise Dich zum Dermatologen!“
„Ach Papa, ich studiere doch lieber was anderes.“ Was habe ich denn jetzt wieder falsch gemacht?!

Dr. med. Thomas Böhmeke ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.
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