ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2007Krankenhaus der Zukunft: Standardisierung schafft Freiräume für Investitionen

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Krankenhaus der Zukunft: Standardisierung schafft Freiräume für Investitionen

Dtsch Arztebl 2007; 104(31-32): A-2180 / B-1928 / C-1863

Krüger-Brand, Heike E.

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Im „Future Hospital“- Programm erprobt der Asklepios-Konzern, wie sich mit Informationstechnik Behandlungs-, Management- und Kommunikationsprozesse optimieren lassen. Das Projekt hat Modellcharakter auch für andere Krankenhäuser.

Wenn der Standortwechsel eines Druckers zwei Räume weiter innerhalb der Radiologie das Krankenhaus 5 000 Euro kostet, muss etwas faul sein im System. So geschehen in den alten Räumlichkeiten der Asklepios-Klinik Barmbek (vormals ein Haus der Hamburger LBK-Kliniken) vor dem Umzug in einen Neubau Anfang 2006. Der Grund dafür lag darin, dass im Radiologieinformationssystem die Internet-Protokoll-Adresse des Ge-räts als eindeutige Adresse im Netzwerk fest verdrahtet war und daher nicht einfach als Teilsegment eines anderen Netzwerks genutzt werden konnte. „Das sind Dinge, die gehen nicht“, erklärt Jörg Focke, Leiter des Innovationcenters der Asklepios- Kliniken und Sprecher des „Asklepios Future Hospital (AFH)“-Programms. Um diese Defizite und Medienbrüche in der technischen Infrastruktur grundsätzlich anzugehen, hatte der private Klinikkonzern zusammen mit den Industriepartnern Microsoft und Intel bereits Anfang 2005 das AFH-Projekt konzipiert, das nun schrittweise mit weiteren Partnern umgesetzt wird. „Medienbrüche führen einerseits zur Verkürzung der Information, die weitergegeben wird, andererseits zu einem Effizienzverlust und betreffen sowohl die Qualität als auch die Wirtschaftlichkeit der Versorgung“, erläutert Focke. „Eines der ersten Ziele war daher eine interoperable medienbruchfreie Kommunikation zwischen allen Leistungserbringern.“
Zweckbau mit Hightech
Die Probe aufs Exempel begann Anfang 2006, als sich mit dem Umzug des zuvor auf viele Gebäude verstreuten LBK-Klinikums Barmbek die Chance bot, informationstechnische und organisatorische Innovationen zu erproben. Zwar ist der Neubau mit rund 670 Betten kein architektonisches Juwel, sondern mutet eher schlicht und zweckmäßig an. Innen jedoch findet man eine informationstechnische Infrastruktur, die sich sehen lassen kann. Ansatz der Veränderungen war zunächst die Standardisierung der IT-Infrastruktur im Informationstechnik-Migrationsprojekt „OneIT“.
OneIT-Projekt
Im Krankenhausumfeld werde zwar vieles unter IT-Standardisierung verkauft, „aber so konsequent, wie wir es hier gemacht haben, hat sich das noch niemand getraut“, meint Focke. So hat man zunächst in Barmbek und dann in allen übrigen Kliniken des LBK Hamburg – mit rund 1 600 Ärzten und 6 000 Pflegekräften der größte zusammenhängende Klinikverbund in Europa – eine einheitliche Plattform für sämtliche Kliniken geschaffen, um Administration und Zusammenarbeit der Fachbereiche zu vereinfachen. Dezentrale Strukturen wurden durch einen zentralen Verzeichnisdienst ersetzt, heterogene Systeme und Dateninseln beseitigt. Nur noch ein Rechenzentrum ist für alle Asklepios-Häuser in Hamburg zuständig und verwaltet das zentrale Datenarchiv, das monatlich um rund ein Terabyte wächst (das entspricht einer Million Megabyte oder auch 1 000 Gigabyte). Insgesamt wurden rund 25 Prozent der vorhandenen 5 000 Computerarbeitsplätze ausgetauscht, die Zahl der Server von 120 auf 20 verringert, ebenso die Zahl der Softwareapplikationen von deutlich mehr als 200 auf 150 gesenkt. Zuvor waren in den Fachabteilungen häufig unterschiedliche Softwareprodukte mit derselben Funktionalität im Einsatz. Jede Applikation erfordert jedoch Wartung und Know-how. „Gerade das sind versteckte Kostentreiber, die man mit einer Standardisierung beseitigen kann“, so Focke. Dies stößt nicht immer auf Gegenliebe bei den Anwendern, denn diese müssen zugunsten der Gesamtarchitektur auch Kompromisse eingehen und sich eventuell von lange gewohnten Speziallösungen verabschieden. Aber: „Wir brauchen das ,Big Picture‘. Lösungen, die heute ins Krankenhaus eingebracht werden, müssen sich in dieses einfügen lassen, andernfalls sind sie fürs Krankenhaus ungeeignet“, ist Focke überzeugt. Ein Architekturboard prüft und entscheidet, welche Softwarelösung am besten geeignet ist und über die Schnittstellen nahtlos in die Kommunikationsinfrastruktur passt. Zwar muss nicht jedes Haus der Klinikkette, das eine abweichende Software einsetzt, diese sofort ablösen. Doch im Hinblick auf künftige Investitionen oder neue Projekte sind die Entscheidungen des AFH-Gremiums für alle Häuser des Konzerns bindend. Ähnliche Bemühungen um Standardisierung sind auch im Bereich der medizintechnischen Geräte und der Schnittstellenanbindung an die klinischen Informationssysteme erforderlich. Durch Kooperation mit anderen privaten Klinikbetreibern will Asklepios in Zukunft den Druck auf die Hersteller erhöhen, damit diese proprietäre Produkte interoperabel gestalten.
Hinter einer nüchternen Fassade (oben der Eingangsbereich) verbirgt sich eine innovative IT-Infrastruktur. Über Dashboards können die Mitarbeiter wichtige Informationen „im Vorbeigehen“ aufschnappen und weiterverarbeiten (rechts).
Hinter einer nüchternen Fassade (oben der Eingangsbereich) verbirgt sich eine innovative IT-Infrastruktur. Über Dashboards können die Mitarbeiter wichtige Informationen „im Vorbeigehen“ aufschnappen und weiterverarbeiten (rechts).
Fotos: Asklepios
Fotos: Asklepios
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Schneller Datentransfer
Eine wesentliche Komponente der IT-Infrastruktur in Barmbek ist ein drahtloses Hochgeschwindigkeitsnetzwerk (WLAN), das den standortübergreifenden schnellen Zugriff auf die elektronische Patientenakte des Klinikums ermöglicht. Die Vorteile weiß Dr. med. Siegbert Faiss, Chefarzt der Gastroenterologie, zu schätzen: „Das Krankenhaus ist schnelllebiger geworden: Alle Daten zu einem Patienten, Laborwerte, Endoskopiebefunde, Röntgenbilder, Pathologie und Mikrobiologie, sollen zeitnah an einem Ort – sprich: beim Patienten – zur Verfügung stehen. Das ist hier umgesetzt. Wenn ich beispielsweise weiß, dass eine Patientin um zwölf Uhr ins CT geht, dann schaue ich um 12.30 Uhr im Rechner nach und kann mir bereits Bilder und Befund des Radiologen ansehen.“ Über Tablet-PCs stehen Krankenakten, Labordaten, Befunde, Arzneimittelverordnungen und Röntgenbilder auch direkt am Krankenbett zur Verfügung. „So kann ich bei der Visite dem Patienten sein Röntgenbild zeigen und ihm den Befund erläutern“, sagt Faiss.
Die Bilddaten aus der Radiologie werden unkomprimiert über das leistungsfähige Netzwerk übertragen und sind über das Krankenhaus-informationssystem (KIS) in der Patientenakte aufrufbar. Die Radiologie profitiere in besonderem Maß davon, dass sämtliche Daten nur noch digital produziert würden, meint Dr. med. Roland Brüning, Chefarzt des Röntgeninstituts. Er sieht die Radiologen in erster Linie als Dienstleister für die anderen Fachbereiche, die er mit schneller „Zuarbeit“ unterstützt. Seine Befunde diktiert der Radiologe per Spracherkennung direkt ins System. Eine Schreibkraft ist allenfalls noch für stilistische oder Rechtschreibkorrekturen erforderlich. Für den Radiologen erhöht die effiziente Verknüpfung von Bild und Befund nicht nur die Schnelligkeit, sondern auch die Qualität, weil der interdisziplinäre fachliche Austausch unterstützt wird. Über Verfahren wie Telekonsilien und Teleradiologie lassen sich darüber hinaus auch kleinere Häuser der Kette anbinden und kostengünstig mit Know-how von Spezialisten versorgen.
Eine weitere technische Neuerung ist die automatisierte Echtzeitvisualisierung von dokumentierten Informationen mittels Dashboard-Technologie. Zunächst wurden Dashboards – Großbildschirme, die über die HL7-Schnittstelle mit dem KIS verbunden sind – in der zentralen Notaufnahme des Klinikums erprobt. Angebracht über den Fluren, ermöglichen sie dort den Ärzten und Pflegekräften einen schnellen Überblick über die Belegung und erleichtern die Zuweisung von Patienten in den richtigen Behandlungsraum. Auf dem Monitor sind über farbige Kennzeichnungen belegte und freie Betten auf dem Grundrissplan der Notaufnahme ablesbar, die mit anonymisierten Patientendaten hinterlegt sind. In einer Skala von 1 (lebensbedrohlich) bis 5 (unkritisch) wird eine Ersteinschätzung angezeigt. Weitere Symbole geben beispielsweise an, ob ein Befund eingetroffen oder eine Reinigung erforderlich ist. Derzeit wird an einer Ausdehnung dieser Technologie auf den OP-Bereich und die Stationen gearbeitet, um auch dort Informationen schneller zur Verfügung zu stellen und wertvolle Zeit einzusparen, die etwa für die Suche nach Geräten oder Patienteninformationen verloren geht. Als nächste Entwicklungsstufe wird die Integration der drahtlosen Funktechnologie RFID (Radio Frequency Identification) für das Geräte- beziehungsweise Inventartracking getestet. Mit Funketiketten lassen sich beispielsweise Medizinprodukte, wie etwa Blutkonserven, kennzeichnen und diese sicher den jeweiligen Patienten zuordnen. Auch die Patientenidentifikation und -ortung innerhalb des Klinikums wäre künftig über Armbänder mit integriertem Funkchip erleichtert denkbar.
Die Standardisierung der Medizintechnik, beispielsweise im OP-Saal, ist die nächste große Herausforderung (oben). Mittels Tablet-PCs (unten) stehen Patientendaten genau dort zur Verfügung, wo sie gerade benötigt werden.
Die Standardisierung der Medizintechnik, beispielsweise im OP-Saal, ist die nächste große Herausforderung (oben). Mittels Tablet-PCs (unten) stehen Patientendaten genau dort zur Verfügung, wo sie gerade benötigt werden.
Foto: Intel
Foto: Intel
Ein anderes Projekt beschäftigt sich mit der Optimierung von Krankenbetttransporten. Die Transporteure empfangen über WLAN auf PDAs (Personal Digital Assistants) mehrere Aufträge ohne Priorisierung. Zu jeweils vier Zeitpunkten müssen sie den jeweiligen Status eines Transports elektronisch erfassen: beim Eintreffen des Transporteurs auf der Station, bei der Übernahme des Patienten, beim Eintreffen am Ziel und bei der Übergabe des Patienten an das medizinische Personal. Auf diese Weise hofft man, Schwachpunkte innerhalb des Transportprozesses leichter aufspüren und beseitigen zu können. Auch dieser Ablauf könnte künftig per Dashboard visualisiert werden, sodass der Aufenthaltsort eines Patienten zu jedem Zeitpunkt abrufbar wäre.
Arztportal
Im zweiten Halbjahr 2007 fällt darüber hinaus der Startschuss für den Echtbetrieb des Arztportals, über das auch die elektronische Fallakte (eFA) pilotiert werden soll. Die eFA ist ein Gemeinschaftsprojekt der privaten Klinikketten und der Deutschen Krankenhausgesellschaft, mit dem diese die fallbezogene sektorübergreifende Kommunikation zwischen unterschiedlichen Leistungserbringern vorantreiben wollen. In einem ersten Schritt werden 100 niedergelassene Ärzte in Hamburg – zunächst über ein Portal im Internet, später direkt aus ihrer Praxisverwaltungssoftware heraus – auf die elektronischen Krankenakten zugreifen können, um etwa Arztbriefe, Befunde, Laborergebnisse und Diagnosen ihrer Patienten abzurufen oder selbst Dokumente einzustellen. Für den sicheren Datenzugriff erhalten sie eine Chipkarte (die später durch den elektronischen Arztausweis ersetzt wird), ein Kartenlesegerät und eine PIN. „Vor allem die Niedergelassenen haben ein großes Interesse daran, auf die Krankenhausdaten zuzugreifen, etwa, um sich bei der Arzneimittelverordnung abzusichern“, betont Focke. Das Portal soll den Informationsfluss zwischen Krankenhaus und niedergelassenen Ärzten erheblich verbessern. Ärzte erhalten mehr Befunde als früher. Dem Patienten werden darüber hinaus unnötige Doppeluntersuchungen erspart.
Eine erste Wirtschaftlichkeitsrechnung, die Asklepios zusammen mit den Partnern Intel und Microsoft an der Klinik Barmbek nach knapp einem Jahr durchgeführt hat, hat selbst die Initiatoren des Projekts überrascht: Nach dem Total-Cost-of-Ownership(TCO)-Modell, das auch „versteckte“ Kosten wie Schulungen und Ausfallzeiten der IT berücksichtigt, sind die Aufwendungen je Arbeitsplatz durch die Standardisierung um 36,7 Prozent gesunken. „Für ein Haus der Maximalversorgung addieren sich die Einsparungen leicht auf siebenstellige Beträge jährlich“, sagt Uwe Pöttgen, Leiter Zentrale Dienste IT und Mitinitiator des AFH-Programms. So hatte die Klinik in Barmbek trotz einer 62-prozentigen Steigerung der IT-Durchdringung beim Umzug in den Neubau nur eine Kostensteigerung von 3,8 Prozent zu verzeichnen, weil die Kosten für Unterhalt und Betrieb (Maintenance) durch das OneIT-Projekt deutlich gesenkt werden konnten. Auf der Basis des Konzepts können sich Investitionen in eine neue Infrastruktur weit schneller amortisieren als in rund zwei Jahren, von denen Experten bis zum Erreichen der Gewinnschwelle in der Regel ausgehen. Einsparungen können direkt wieder in Innovationen fließen.
Auch auf die medizinische Routine in der Klinik wirkt sich das Modell effizienzsteigernd aus: So konnte beispielsweise die Dauer, innerhalb derer Radiologieaufnahmen einschließlich Befunde für den behandelnden Arzt verfügbar sind, um 89 Prozent gesenkt werden. Der Zeitaufwand, um benötigte Patientendaten in der Intensivmedizin zusammenführen, hat sich halbiert.
Vor diesem Hintergrund soll OneIT jetzt schrittweise in allen 90 Häusern des Konzerns umgesetzt und auch darüber hinaus vermarktet werden. Man stoße auf sehr großes Interesse bei anderen Klinikbetreibern, versichert IT-Manager Focke.
Heike E. Krüger-Brand

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