ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2007Kinder- und Jugendadipositas: Das dicke Kind – Prinz oder Bettelknabe

THEMEN DER ZEIT

Kinder- und Jugendadipositas: Das dicke Kind – Prinz oder Bettelknabe

Dtsch Arztebl 2007; 104(31-32): A-2184 / B-1933 / C-1867

Petersen, Antje; Bindt, Carola; Petersen, Christiane

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Gesellschaftlicher Wandel: Hauptsächlich Jungen über 14 Jahre aus wohlhabenden Familien, die in Städten leben, sind in China adipös. Fotos: dpa
Gesellschaftlicher Wandel: Hauptsächlich Jungen über 14 Jahre aus wohlhabenden Familien, die in Städten leben, sind in China adipös. Fotos: dpa
In China ist das zunehmende Übergewicht bei Kindern ein Wohlstandsphänomen, in Deutschland meist ein Problem sozial schwächerer Schichten: ein Erfahrungsaustausch.

China wandelt sich. In dem Riesenreich hat aufgrund der schwierigen Lage der Agrarregionen, in der nicht mehr alle Menschen Arbeit finden, die sie ernährt, inzwischen eine Landflucht eingesetzt, die vor allem die großen Städte zu spüren bekommen. Der Alltag in der zurzeit mit mehr als 31,8 Millionen Einwohnern größten Stadt der Welt, Chongquing, ist geprägt von Gegensätzen. Der offen zur Schau getragene Reichtum spiegelt sich nach außen in riesigen Privatkarossen, luxuriösen Modeaccessoires und teuren Restaurants wider. Daneben findet die Armut ihren unmittelbaren Ausdruck in einem Heer von Wanderarbeitern, die oft nicht mehr besitzen als das, was sie am Leib tragen, und die von der Hand in den Mund leben, das heißt von fleischarmem, preisgünstigem Essen, das die zahlreichen Garküchen in den Straßen anbieten.
Obwohl China über die zweitgrößten Währungsreserven der Welt verfügt, herrscht im Land ein Neokapitalismus, bei dem die Schwachen auf der Strecke bleiben. Aufgrund der gewaltigen sozialen Verwerfungen ist China eines der Länder mit den größten Einkommensunterschieden. Wer Geld hat, kann sich gegen „cash“ zum Beispiel eine neue Niere transplantieren lassen, wer keins hat, könnte in China durchaus an einer Appendizitis sterben, weil er sich den Kranken­haus­auf­enthalt nicht leisten kann.
Medizinische Versorgung
Trotz des „Konzepts der Harmonisierung der Gesellschaft“ (Harmonisierung zwischen Ost und West, Nord und Süd, Stadt und Land) gibt es noch keine landesweiten Konzepte zur Finanzierung des Gesundheitswesens, da die herkömmlichen Nachbarschafts- und Gemeindekollektive, die sowohl die schulische als auch die medizinische Versorgung trugen, zum Teil in Auflösung begriffen sind. Es gibt allerdings staatliche Früherkennungs- und Präventionskonzepte für Kinder, die über die in Deutschland praktizierten U-Untersuchungen hinausgehen. So sind Impfungen bei Säuglingen und Kleinkindern verpflichtend, und Schüler werden jährlich auf ihren gesundheitlichen Zustand hin untersucht – was für die Eltern kostenpflichtig ist. Die Fünffachimpfung bei Kleinkindern hingegen ist kostenlos.
Städtisches Übergewicht
Die Mitarbeiter der großen medizinischen Zentren beobachten seit Jahren die gesundheitlichen Auswirkungen gesellschaftlicher Veränderungen in China: In der Kinderklinik Peking, die über 400 Betten verfügt, werden täglich auch 1 500 ambulante Patienten behandelt. Dort, wie auch in den Krankenhäusern in Schanghai und Chongquing, werden die großen staatlichen Studien überwacht und ausgewertet. Die sogenannten National Surveys werden seit 1986 alle zehn Jahre durchgeführt. Im Rahmen dieser Studien wurde in den letzten Jahren festgestellt, dass durch die geänderten Lebensbedingungen in den großen Städten die Prävalenz für Fettsucht in Mittel- und Südchina, insbesondere aber in Schanghai, besonders hoch ist. In den ländlichen Regionen dagegen war kaum eine Zunahme der Übergewichtigkeit zu verzeichnen. Hauptsächlich Jungen im Alter über 14 Jahre sind in den Städten zu dick, weil sie dann aus dem staatlichen Überwachungssystem sowie den Kindergarten- und Schulspeisungen herausfallen.
In einer großen Studie in Peking, über die die Ärztin Jie Mi berichtete, wurden körperliche Ursachen für das metabolische Syndrom bei sieben- bis 18-jährigen Schulkindern im Zusammenhang mit sozialen Faktoren untersucht. Gemessen wurden neben Gewicht, Größe, Bauchumfang, Blutdruck, Puls, Herzrhythmus, Blutzucker (nüchtern) Serumtriglyzeride und Serumcholesterin. Gefragt wurde unter anderem nach körperlichen Aktivitäten, Schlaf, Gesundheitsgefühl, nach Menarche beziehungsweise Spermarche. Außerdem wurde das jeweilige Tanner-Stadium bestimmt. Bei der klinischen Untersuchung wurde der Organstatus erhoben und auf Auffälligkeiten wie Ödeme, Xanthome und Acanthosis nigricans geachtet.
Die Studie ergab, dass mehr als 20 Prozent der Schulkinder in Peking übergewichtig oder fettleibig sind. Zehn Prozent der adipösen Kinder weisen zwei oder mehr Risikofaktoren des metabolischen Syndroms auf. In den Jahren von 1992 bis 2002 war in China unter Erwachsenen die Prävalenz für Übergewicht (basierend auf den Kriterien der Welt­gesund­heits­organi­sation) von 14,6 Prozent auf 21,8 Prozent gestiegen. Nun befürchtet man, dass die Kinder, die bereits jetzt übergewichtig sind, als Erwachsene ebenfalls am metabolischen Syndrom und seinen Folgen erkranken.
Die Pekinger Studie verglich außerdem die Ergebnisse aus vier Städten mit denen aus drei ländlichen Regionen. Dabei wiesen Letztere wesentlich günstigere Ergebnisse auf. In den Städten kommt Übergewicht etwa doppelt so häufig vor wie auf dem Land. Außerdem sind mehr Jungen als Mädchen übergewichtig oder fettleibig.
Ein Zeichen des Wohlstands: Nur gut situierte Menschen können es sich in China leisten, regelmäßig Fast Food zu essen.
Ein Zeichen des Wohlstands: Nur gut situierte Menschen können es sich in China leisten, regelmäßig Fast Food zu essen.
Kleine Prinzen in den Familien
Was aber führt den chinesischen Experten zufolge zu dieser Entwicklung? Eine einmütig immer wieder geäußerte Hypothese war die, dass die Ein-Kind-Politik der chinesischen Regierung, die inzwischen bereits deutlich „aufgeweicht“ ist, über Jahre hinweg stark zur Förderung von „kleinen Prinzen“ in den Familien geführt hat. Traditionell wurde der männliche Stammhalter herausgefüttert, weil man annahm, dass dicke Kinder besonders lebenstüchtig und gesund sind. Dabei galt und gilt es mit steigendem Einkommen als chic, die Babys möglichst kurz oder gar nicht zu stillen und früh zuzufüttern. Das trifft besonders in den Städten zu, während in den einkommensschwächeren Landregionen länger gestillt wird. Festzustellen war, dass gestillte Kinder weniger häufig übergewichtig wurden als nicht oder nur kurz gestillte Kinder. Die chinesischen Ärzte berichteten, dass in China viele Eltern davon überzeugt sind, dass Jungen mehr Essen vertragen als Mädchen. Da Mädchen verheiratet würden beziehungsweise heiraten wollten, dürften diese hingegen nicht zu übergewichtig sein.
Das Essen in China ist abwechslungsreich und gesund: Es besteht aus vielen verschiedenen Gängen mit vielen verschiedenen Gemüsesorten, die gekocht, gedünstet, geschält, gefüllt mit Reis oder in Teig gebacken sind. Dazu gibt es Fleisch, Fisch, Geflügel, Muscheln, Wasserschnecken, Tofu in verschiedenen Varianten, meist klein geschnitten, sowohl süß-sauer als auch scharf und für europäische Zungen manchmal ungewohnt. Als Beilage gibt es Reis, in Nordchina Nudeln. Sie gelten als preisgünstige Sattmacher. Wenn die Zeiten schlecht sind und das Einkommen knapp ist, gibt es mehr Beilagen. Wem es gut geht, der leistet sich viel Fleisch, oft triefend in gewürztem Bratfett oder gewaltigen Soßen. Fleisch zu essen ist ein Statussymbol. Wem es finanziell richtig gut geht – und das sind eher die Bewohner großer Städte, die zu Wohlstand gelangt sind – kann es sich leisten, ausländische Restaurants wie McDonald’s aufzusuchen, um sich dort zu zeigen und „westlich“ zu essen. Das geschieht nicht auf die langsame traditionelle Art mit Stäbchen. Ein hochkalorischer Hamburger ist ruckzuck verzehrt und macht Appetit auf mehr. Die McDonald’s-Restaurants in Peking sind voll: Die Menschen stehen Schlange, um am fremden Essensflair teilzuhaben. Auch Süßgetränke wie Coca-Cola und Limonade lösen hier den traditionell zu allen Gelegenheiten gereichten ungesüßten Jasmintee ab. Man muss sie sich nur leisten können.
Die chinesischen Ärzte halten die zunehmende Übergewichtigkeit von Kindern und Jugendlichen mit daraus immer häufiger resultierenden Fällen von metabolischem Syndrom und Typ-II-Diabetes für eine Begleiterscheinung des neuen Wohlstands in den Städten. In besser situierten Familien wird gehaltvoller gegessen, auch Fast Food ist finanzierbar. Wer wohlhabender ist, hat Fernseher und Computer, vielleicht auch einen Roller oder ein Auto, und das führt wie in westlichen Ländern zu Bewegungsmangel.
Doch der Gesundheitsapparat des Riesenreichs China reagiert: Inzwischen gibt es vor allem in den großen Städten Präventionskonzepte, die sich bereits im Stadium der Erprobung als Erfolg versprechend erweisen. So werden zum Beispiel im Rahmen der „ten happy minutes“ täglich im Schulablauf zehnminütige Pausen eingelegt, in denen die Kinder unter Anleitung Bewegungsspiele machen. Eltern übergewichtiger Kinder werden gemeinsam mit ihren Sprösslingen zur Beratung in Adipositasambulanzen geschickt. Dort werden spezielle „Bewegungsrezepte“ für die Teilnahme an Bewegungsprogrammen ausgestellt, die allerdings kostenpflichtig sind. Die Möglichkeit, dass Adipositas in Einzelfällen als Essstörung mit psychosomatischem Hintergrund gesehen werden könnte, zogen die chinesischen Ärzte kaum in Betracht. In China orientiert man sich bei den Behandlungs- und Präventionsstrategien offenbar eher am Bedarf der Gesellschaft und weniger am Individuum.
Unterschiedliche Gründe
Dabei sind die Gründe für das zunehmende Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen in China und Deutschland durchaus gegensätzlich. Dicke Kinder sind in Deutschland weniger Prinzen als vielmehr Bettelknaben. Sie stammen meist aus den unteren sozialen Schichten, wo in den Familien oft nicht mehr traditionell und ausgewogen gekocht und gemeinsam gegessen wird. Die Kinder stillen ihren Hunger deshalb oft in Fast-Food-Restaurants, was in Deutschland erschwinglich ist. Präventionsprogramme müssen vor diesem Hintergrund auf unterschiedliche soziale Ätiologien und somit auf jeweils unterschiedliche Zielgruppen abgestimmt sein. Hinsichtlich der Behandlung der Folgeerkrankungen (metabolisches Syndrom, Diabetes mellitus) ist es sinnvoll, sich auch in Zukunft auszutauschen.

Dr. med. Antje Petersen
Fachkrankenhaus Nordfriesland
25821 Bredstedt

Dr. med. Carola Bindt
Klinik und Poliklinik für
Kinder- und Jugendpsychosomatik
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Martinistraße 52, 20246 Hamburg

Dr. med. Christiane Petersen
Präventionszentrum Moby Dick
Lilienstraße 36, 20144 Hamburg
Internet: www.mobydicknetzwerk.de
E-Mail: info@mobydickhamburg.de



Erfahrungsaustausch: 14 deutsche Ärzte haben während ihrer Delegationsreise Einblicke in die alltagsmedizinischen Probleme Chinas erhalten. Foto: Dr. Antje Petersen
Erfahrungsaustausch: 14 deutsche Ärzte haben während ihrer Delegationsreise Einblicke in die alltagsmedizinischen Probleme Chinas erhalten. Foto: Dr. Antje Petersen
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Austausch

14 Ärzte und andere Mitarbeiter im Gesundheitswesen, die sich schwerpunktmäßig mit dem Thema Kinder- und Jugendadipositas beschäftigen, haben im vergangenen Jahr an einer zwölftägigen Delegationsreise nach China teilgenommen. Der deutsch- chinesische Erfahrungsaustausch stand unter der Schirmherrschaft der Bundestagsabgeordneten Dr. med. Marlies Volkmer und wurde durch das Deutsch-Chinesische Sozialwerk e.V. und den Allchinesischen Jugendverband ermöglicht. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer reisten nach Schanghai, Chongquing und Peking und besuchten dort Kindergärten, ein Heim für schwer körperlich und geistig behinderte Kinder, Krankenhäuser und Ambulatorien sowie die Deutsche Botschaft. In Fachgesprächen mit Professoren, Dozenten und Mitarbeitern der städtischen übergeordneten Gesundheitseinrichtungen und Repräsentanten des Ge­sund­heits­mi­nis­teriums konnten sie Einblicke in die sozialen und alltagsmedizinischen Probleme des aufstrebenden Landes gewinnen.

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