ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2007Die Sammlung Tretjakow: Russlands Seele

KULTUR

Die Sammlung Tretjakow: Russlands Seele

Dtsch Arztebl 2007; 104(31-32): A-2214 / B-1961 / C-1895

Wanner, Ernst

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Ilja Repin: Porträt des Komponisten Modest Mussorgsky 1881, Öl auf Leinwand 71,8 x 58,5 cm. Fotos: Staatliche Tretjakow-Galerie
Ilja Repin: Porträt des Komponisten Modest Mussorgsky 1881, Öl auf Leinwand 71,8 x 58,5 cm. Fotos: Staatliche Tretjakow-Galerie
Eine Auswahl von 150 russischen Kunstwerken gibt zurzeit Gelegenheit, einen wichtigen Aspekt europäischer Kunst kennenzulernen.

Im Jahr 1856 erwarb der wohlhabende Moskauer Kaufmann Pawel Tretjakow seine ersten zeitgenössischen russischen Gemälde und legte so den Grundstock für ein einzigartiges Spiegelbild russischer Kunst bis zur Zeitenwende des Ersten Weltkriegs. Die 150. Wiederkehr der Gründung der Sammlung Tretjakow nutzte die nach ihm benannte Moskauer Galerie dazu, eine repräsentative Auswahl zur Präsentation im westlichen Ausland zusammenzustellen. Diese Auswahl von 150 russischen Kunstwerken gibt nun die Gelegenheit dazu, einen wichtigen Aspekt europäischer Kunst kennenzulernen. Nach den vorangegangenen Einzelausstellungen über russische Künstler, wie zum Beispiel über Michail Wrubel in Düsseldorf, wird in Bonn die russische Kunst in ihrer ganzen Vielfalt und Qualität gezeigt.
Eine geschickte Ausstellungsregie führt durch die wichtigsten Epochen russischer Kunst. Sie setzt zeitlich mit den Ikonen als Inbegriff des heiligen Russlands ein. Die strenge, in sich ruhende Spiritualität der 25 ausgestellten Ikonen offenbart die Wurzeln altrussischer Ästhetik. Die älteste Ikone stammt aus dem 13. Jahrhundert und gehört zu den wenigen Werken, die in Russland aus der Zeit vor dem Mongolensturm im Jahr 1237 erhalten sind. Die intime Hängung dieser Inkunabeln früher christlicher Kunst in Russland beschwört deren Aura und Authentizität herauf.
Deesis: Erlöser mit Gottesmutter und Johannes dem Täufer, Wladimir-Susdal, 13. Jahrhundert, Tempera auf Holz, 61 x 146 cm
Deesis: Erlöser mit Gottesmutter und Johannes dem Täufer, Wladimir-Susdal, 13. Jahrhundert, Tempera auf Holz, 61 x 146 cm
Den zeitlich folgenden Abschnitt der russischen Kunst bilden die Werke aus der Zeit des Zaren Peter des Großen, der Sankt Petersburg nicht nur gründete, sondern auch zum kulturellen Mittelpunkt des russischen Reiches machte. Aus dieser Glanzzeit ragen die großartigen höfischen Porträts, unter anderem von Fjodor Rokotow, heraus. Anschließend an die petrinische Zeit werden die russischen Romantiker mit ihren kleinformatigen Genreszenen aus dem alltäglichen bürgerlichen und bäuerlichen Milieu ausgestellt. Ebenso wie die beeindruckenden italienischen Landschaftsbilder leiten diese Abteilungen über zum Schwerpunkt der Sammlung Tretjakow, der Malerei der „Wandermaler“. Hier sind alle wichtigen Vertreter dieser Kunstrichtung des späten 19. Jahrhunderts in ihren besten Werken präsent. Die Wanderer, wie sich diese realistischen Maler (Ilja Repin, Wassili Surikow, Valentin Serow, Wassili Perow und Isaak Levitan) selbst nannten, sahen sich als Verfechter sozialer und politischer Reformen. Sie schufen neben Darstellungen des russischen Volkslebens auch eindrucksvolle Porträts der geistigen Elite Russlands. Dabei offenbart sich auch eine wichtige Quelle für die bis heute reichende Ausstrahlung dieser russischen Kunst: die selten erreichte Symbiose literarischer, malerischer, musikalischer und theatralischer Kunst.
Beeindruckend ist auch die Landschaftsmalerei, die einen wesentlichen Aspekt russischer Identität in ihrer unspektakulären, jedoch stimmungsvollen Schönheit der weiten Ebenen, der endlosen Wege und der schattigen Wälder wiedergibt. Die russische Identität spiegeln auch die Historienbilder von Ilja Repin und Wassili Surikow wider. Musikalische und literarische Tondokumente Tschaikowskys, Mussorgskys, Tolstois und Dostojewskis runden das Bild einer kulturellen Blütezeit des alten Europa ab.
Dr. Ernst Wanner


Die Ausstellung „Russlands Seele“ ist noch bis zum 26. August in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland zu sehen. Öffnungszeiten: dienstags und mittwochs von 10 bis 21 Uhr, donnerstag bis sonntags von 10 bis 19 Uhr; montags geschlossen. Eintritt: zwölf Euro, Eintritt für Familien: 19 Euro; Katalog: 28 Euro. Telefon:
0 91 71/2 00; E-Mail: info@kah-bonn.de; Internet:
www. bundeskunsthalle.de
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