ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2007Arztgeschichte: Der Schutzengel

SCHLUSSPUNKT

Arztgeschichte: Der Schutzengel

Dtsch Arztebl 2007; 104(31-32): [112]

Reutter, Wolf Peter

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Illustration: Elke Steiner
Illustration: Elke Steiner
Es kommt sicher nicht oft vor, dass man seinen persönlichen Schutzengel trifft.

Ein Kranführer war aus zwölf Metern Höhe abgestürzt. „Sturz aus zwölf Metern Höhe in eine Baugrube!“, kam die Meldung von der Leitstelle. Dies war keiner der üblichen Routineeinsätze. Der Fahrer des Noteinsatzfahrzeugs gab sein Bestes und kurvte uns sicher durch die Innenstadt. Nach drei Minuten waren wir am Unfallort. Aufgeregte Bauarbeiter geleiteten uns durch ein halb fertiggestelltes Haus in die tiefer gelegene Baugrube. Dort lag der verunglückte Kranführer auf einem eingedrückten Armierungsgitter. Bei dem Versuch, die verhedderte Laufkatze seines Krans vom Baugerüst zu lösen, war er kopfüber abgestürzt.
Mit einem unguten Gefühl untersuchte ich den Verunglückten. Er war jedoch wach, ansprechbar, kreislauf- und atmungsstabil und insgesamt in einem bemerkenswert guten Zustand. Es imponierten lediglich ein Spontannystagmus nach rechts und eine leichte Pupillendifferenz. Ich legte zwei großlumige Zugänge und die Rettungsassistenten brachten unter HWS-Extension einen Stiffneck an. Eine zweite, nun ausführlichere körperliche Untersuchung bestätigte den guten Zustand meines Patienten. Auf einer Vakuummatratze immobilisiert, warm eingepackt und mit ausreichend Volumen versehen, wurde er für den Abtransport vorbereitet.
Da gewahrte ich einen hünenhaften Bauarbeiter, der etwas abseits in der Baugrube stand. Er hatte offensichtlich starke Schmerzen und bewegte sich in gekrümmter Haltung. In der Meldung war nur ein Unfallopfer erwähnt worden. Seine umstehenden Kollegen lösten das Rätsel für mich auf: Der Kranführer war aus zwölf Metern Höhe genau auf diesen Riesen gestürzt, welcher sich in der ansonsten menschenleeren Baugrube aufhielt. Warum er genau zu diesem Zeitpunkt an diesem Ort gestanden hatte? – Ich weiß noch, wie mir das Wort „Schutzengel“ durch den Kopf schoss, während ich ihn ebenfalls untersuchte. Auch er war in einem sehr guten Zustand und konnte rasch zur Weiterversorgung ins Krankenhaus gebracht werden.
Unterdessen war die Feuerwehr zur Höchstform aufgelaufen und hatte den Kranführer mithilfe einer abgesenkten Drehleiter patientenschonend aus der Baugrube geborgen. Aufgrund seiner ZNS-Symptomatik wurde er per Helikopter in die nächstgelegene Neurochirurgie geflogen. Noch am selben Tag wurde ein subdurales Hämatom ausgeräumt, und eine Woche später wurde der Kranführer entlassen.
Sein „Schutzengel“ konnte das Krankenhaus ebenfalls bald wieder verlassen.
Es kommt sicher nicht oft vor, dass man seinen persönlichen „Schutzengel“ trifft. Der Kranführer hatte seinen „Schutzengel“ sogar punktgenau getroffen. Nur deshalb, da bin ich mir sicher, hatte er überlebt.
Dr. med. Wolf Peter Reutter
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