ArchivDeutsches Ärzteblatt PP8/2007Integrierte Versorgung: Große Zurückhaltung

EDITORIAL

Integrierte Versorgung: Große Zurückhaltung

PP 6, Ausgabe August 2007, Seite 345

Bühring, Petra

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LNSLNS Psychisch kranke Menschen können von integrierten Versorgungsangeboten (IV) besonders profitieren. Denn oftmals sind gerade sie nicht in der Lage, die Probleme an den Schnittstellen zwischen den Sektoren und den Fachdisziplinen zu lösen oder Reibungspunkte zu glätten. Bisher gibt es jedoch nur wenige IV-Angebote für psychisch Kranke. Und nur vereinzelt sind Psychologische Psychotherapeuten (PP) oder Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten eingebunden.
Das GKV-Modernisierungsgesetz eröffnete 2004 die Möglichkeit, Verträge zur integrierten Versorgung nach § 140 SGB V abzuschließen. 3 671 solcher IV-Verträge registrierte die Bundesgeschäftsstelle Qualitätssicherung (BQS) zum Stichtag 31. März 2007 bundesweit – ohne weitere Unterteilung nach Krankheiten. Speziell für die Versorgung psychisch Kranker listet die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) auf ihrer Homepage 31 Projekte auf. Das ist nicht viel. Ein Großteil dieser Projekte zielt auf Patienten mit schweren psychischen Erkrankungen ab. Bei den meisten steht die Versorgung von Depressionen und Schizophrenien im Mittelpunkt. Dipl.-Psych. Prof. Dr. Dr. Martin Härter, Sektion Klinische Epidemiologie und Versorgungsforschung am Universitätsklinikum Freiburg, glaubt, dass es noch Zeit braucht, bis sich IV-Projekte auch im „Psych“-Bereich durchsetzen: „Gut Ding will Weile haben.“ Die Vernetzungsidee generell sei „gut und sinnvoll“, wie auch die stärkere Orientierung an Leitlinien. Härter war federführend beim Rahmenkonzept Integrierte Versorgung Depression der DGPPN, das Ende 2004 als Grundlage für regionale IV-Netze vorgestellt wurde (siehe PP Heft 1/2005).
Das Rahmenkonzept legt eine integrierte Versorgung nahe, an der Hausärzte, Psychiater, Nervenärzte, Psychotherapeuten und psychiatrische Krankenhäuser beteiligt sind. Umgesetzt wurde das Konzept beispielsweise in Aachen. Dort sind die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Aachen, die Institutsambulanz, Hausärzte, Psychiater und Nervenärzte im IV-Verbund vernetzt. Niedergelassene Psychologische Psychotherapeuten sind in Aachen nicht mit im Boot – wie in den meisten IV-Projekten. Psychologische Kompetenz kommt dabei in erster Linie aus den psychiatrischen Kliniken oder den Institutsambulanzen, wo Psychologen angestellt sind. In Aachen mögen „Vorbehalte der ärztlichen Kollegen“ eine Rolle gespielt haben für die fehlende Einbindung von PP, wie Härter vermutet. Generell falle es Psychotherapeuten und auch Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten jedoch schwer, sich für neue Versorgungsformen zu engagieren, weil „die wenigsten freie Ressourcen, aber lange Wartelisten haben“, sagt Dr. Christina Tophoven von der Bundes­psycho­therapeuten­kammer. Die Kammer weist auf das Fehlen von niedrigschwelligen präventiv orientierten IV-Angeboten für psychisch Kranke hin. Hier sind vor allem auch PP gefragt.
Immerhin ein erfolgreiches IV-Projekt, bei dem PP eingebunden sind, gibt es: das Netz für seelische Gesundheit in Mainz e.V. (NSG). Dort versorgen insgesamt 41 Psychiater, Psychotherapeuten, Hausärzte, eine Tagesklinik, ein psychotherapeutisches Ausbildungsinstitut sowie psychosoziale Einrichtungen interdisziplinär Patienten mit verschiedenen psychischen Erkrankungen, außer Sucht. Dr. med. Siegfried Stephan, Vorsitzender des NSG, hätte gerne mehr Psychologische Psychotherapeuten mit im Netz. Jedoch: „Sie sind noch sehr zurückhaltend.“
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