ArchivDeutsches Ärzteblatt PP8/2007Serie: Max Klinger, Ein handschuh (2): Handlung

KUNST + PSYCHE

Serie: Max Klinger, Ein handschuh (2): Handlung

PP 6, Ausgabe August 2007, Seite 346

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2. „Handlung“ (1881), Opus VI, Blatt 2 (Singer 114), Radierung, 29,9 × 21 cm. Druck der 4. Auflage 1898. Foto: Eberhard Hahne
2. „Handlung“ (1881), Opus VI, Blatt 2 (Singer 114), Radierung, 29,9 × 21 cm. Druck der 4. Auflage 1898. Foto: Eberhard Hahne
Die statische Situation des ersten Bildes ist nun ins Rollen gekommen. Eine Frau lässt ihren Handschuh fallen, und der junge Mann – unverkennbar Max Klinger – bückt sich danach. Dabei zeigt sich der Künstler mit wehender Krawatte und am Boden liegenden Hut jenseits der steifen Etikette seiner Zeit. Vor allem: Auf dem linken Bein rollend und mit der rechten Hand nach dem Handschuh greifend, ergibt sich für ihn eine Situation des drohenden Ungleichgewichts. Dies wird noch unterstrichen durch die wechselseitigen Neigungen der Figuren nach links (Dreiergruppe oben), nach rechts (Fräulein T. in Rückenansicht) und dem nun wiederum nach links ins Bild ragenden Klinger. Dieses Pendeln der Figuren kann als Ankündigung des Grundthemas der ganzen Serie mit rein formalen Mitteln verstanden werden: Es geht um Ambivalenz, um ein Einerseits-andererseits, das Schwanken zwischen Hoffen und Bangen, zwischen Begehren und Verzicht. Hinzu kommt die Lichtregie dieses Blatts.
1. Ort
1. Ort
Die von Paris ausgehende Wiederbelebung der autonomen Künstlergrafik seit Mitte des 19. Jahrhunderts war eine wesentliche Voraussetzung für Klingers Selbstverständnis als grafischer Künstler. Gerade auf diesem Blatt kostet Klinger einen Licht-Schatten-Effekt aus. So wird bei aller Helligkeit der realen Szene die dämonisch-dunkle Seite der menschlichen Existenz bereits angekündigt. Der Hell-Dunkel-Kontrast ist zugleich auch ein formales Kriterium des titelgebenden Objekts. Von der Sonne beschienen liegt er gleißend hell auf der Rollschuhbahn – innen aber umschließt er ein Dunkel, etwas kaum Einsehbares. So wird der Handschuh zu einem Symbol für ein konventionelles Rollenverhalten, etwas, das man sich überstreift. Gleichzeitig wird dabei etwas verborgen oder geschützt. Ausgezogen kann der Handschuh als Sinnbild des gelockerten Betragens gesehen werden, als ein Ablegen von Konventionen. Vor allem aber kann er auch als sexuelles Symbol verstanden werden, als etwas, in das man hineinschlüpfen, das man ausfüllen, mit dem man eins werden kann. Dass wir es hier mit der Geschichte einer Liebe zu tun haben werden, steht nun bereits fest. Hartmut Kraft

Literatur (1)
Singer HW: Max Klinger. Radierungen, Stiche und Steindrucke 1878–1903 (EA 1909). Alan Wofsy Fine Arts. San Francisco 1991.
Gallwitz K, Stuffmann M (Hrsg.): Max Klinger 1857–1920. Ein Handschuh. Traum und künstlerische Wirklichkeit. Katalog der Städtischen Galerie im Städelschen Kunstinstitut. Frankfurt a. M. 1992.
Max Klinger – Die druckgraphischen Folgen. Katalog der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe. Edition Braus, Heidelberg 2007.
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