ArchivDeutsches Ärzteblatt13/1997Drogenpolitik: Vorhandene Therapieplätze nutzen

SPEKTRUM: Leserbriefe

Drogenpolitik: Vorhandene Therapieplätze nutzen

Cüppers, Ralf

Zu dem "Seite eins"-Beitrag "Schritt ins Abseits" von Norbert Jachertz in Heft 7/1997
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS . . . Es ist falsch, daß es viel zu wenig Therapieplätze für Drogenabhängige gibt. Richtig ist vielmehr, daß vorhandene Therapieplätze nicht genutzt werden.
Wenn ein Drogenabhängiger abstinent leben will, bin ich jederzeit in der Lage, einen Therapieplatz zur Verfügung zu stellen. Sollte es so sein, daß meine Klinik randvoll belegt ist, rufe ich einen Kollegen an und reiche den Therapieplatzbewerber weiter. Es ist in den letzten zehn Jahren nie vorgekommen, daß alle Fachkliniken für Drogenentwöhnungsbehandlungen gleichzeitig voll waren. Über die TherapieplatzInformationsbörse (TIB) in Köln erfahre ich unter der Telefonnummer 02 21-21 60 93 jederzeit, wo es freie Plätze gibt.
Wenn trotzdem die Lüge von den angeblichen Wartelisten immer wieder neu verbreitet wird, sehe ich dafür folgende Ursachen:
l Der Drogenabhängige hat eine zwiespältige Motivation zur Abstinenz und bewirbt sich nur in der Klinik, von der er weiß, daß sie voll ist, nach dem Motto: solange ich warten muß, habe ich einen Grund, weiter Drogen nehmen zu müssen, nehme ich Methadon oder Heroin "zur Überbrückung".
l Inflexible bürokratische Leistungsträger wie die BfA schreiben den Drogenabhängigen vor, daß nur Kliniken im selben Bundesland oder mit einem bestimmten Konzept von ihnen belegt werden. Auf diese Weise verhindern sie, daß ihre Versicherten sofort Hilfe zur Abstinenz bekommen. Böswillig formuliert: solange mein Versicherter auf irgendeiner Warteliste steht, verursacht er mir keine Kosten.
l Vereinzelt mag es leitende Ärzte geben, die selbst derart narzißtisch gestört sind, daß sie einen hilfesuchenden Drogenabhängigen lieber auf der eigenen Warteliste "verhungern" lassen, als daß sie ihn an eine andere Klinik, die gerade sofort aufnehmen kann, weiterleiten. Eine Klinik mit Warteliste ist nicht etwa Zeichen für Qualität, sondern Ausdruck schlechter Organisation und überheblicher Arroganz, solange nicht alle Häuser voll sind.
Durch die von der Kohl-Regierung zu verantwortenden Spargesetze sind die Leistungsträger gezwungen, 25 Prozent der Therapiekosten einzusparen. Infolgedessen werden durch Nichtgewährung von Kostenzusagen 25 Prozent der vorhandenen Therapieplätze leer stehen, solange sich die Versicherten dies gefallen lassen. In dieser Situation dem kostspieligen Ausbau neuer Therapieplätze das Wort zu reden. . . ist schlicht Unsinn. Ungewollt wird damit der Suchtmittelverteilungspraxis das Wort geredet.
Dr. med. Ralf Cüppers, Phönix-Haus Peers Hoop, Westerstraße 4, 24969 Sillerup
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote