ArchivDeutsches Ärzteblatt PP8/2007Kindesvernachlässigung und -misshandlung: Viele Brüche in der Hilfekette

POLITIK

Kindesvernachlässigung und -misshandlung: Viele Brüche in der Hilfekette

PP 6, Ausgabe August 2007, Seite 353

Bühring, Petra

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LNSLNS Zum Schutz von Kindern sollen die Systeme des Gesundheitswesens und der Kinder- und Jugendhilfe besser miteinander verzahnt werden. Dazu soll auch das neue Nationale Zentrum Frühe Hilfen in Köln beitragen.

Ein 17-jähriges drogenabhängiges Mädchen bringt auf einer gynäkologischen Station ein Kind zur Welt und verlässt diese drei Tage später allein. „Was geschieht mit den beiden?“, fragte sich Dr. med. Ursula von der Leyen, die vor etwa 20 Jahren auf eben dieser Station als junge Ärztin tätig war. Die Situation ist der heutigen Bun­des­fa­mi­lien­mi­nis­terin noch sehr präsent. „Die meisten gehen immer noch so aus der Klinik.“ Es sei Zufall, wenn jemand interveniere.
Künftig will von der Leyen das Schicksal von Kindern aus Familien, deren Lebensalltag durch Sucht, Drogen, Alkohol, Gewalterfahrungen, Armut und Arbeitslosigkeit geprägt ist, nicht mehr dem Zufall überlassen, sondern systematische Hilfe anbieten. Schätzungen zufolge werden fünf bis zehn Prozent aller Kinder im Alter bis sechs Jahre vernachlässigt. Gerade die Vernetzung zwischen dem Gesundheitswesen und der Kinder- und Jugendhilfe funktioniert in Deutschland nicht besonders gut, denn die Systeme sind traditionell voneinander getrennt, die Sprache ist eine andere. Das haben nicht nur die spektakulären Fälle von Kindesmisshandlung in der letzten Zeit gezeigt: Bei Jessica, Dennis und Kevin gab es „ganz viele Brüche in der Hilfekette“, sagt von der Leyen. Das neu errichtete Nationale Zentrum Frühe Hilfen in Köln soll durch Fehleranalysen und Forschung helfen, die Systemgrenzen zu überwinden. Träger sind die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) und das Deutsche Jugendinstitut (DJI). Gefördert wird das Zentrum mit 3,9 Millionen Euro bis 2010 vom Bundesfamilienministerium; es soll ein zentraler Punkt im Bundesprogramm „Frühe Hilfen für Eltern und Kinder und soziale Frühwarnsysteme“ sein, für das der Bund weitere 6,1 Millionen Euro (bis 2010) aufwendet, davon 5,3 Millionen allein für Modellprojekte in den Bundesländern. Im Fokus stehen Risikofamilien mit Kindern bis drei Jahre.
Das Nationale Zentrum soll für Informationsaustausch und Bündelung der Erfahrungen der Modellprojekte sorgen. Nach Aussage der Ministerin gibt es inzwischen bundesweit 70 Best-Practice-Modelle. Das Zentrum soll das Entstehen lokaler und regionaler Netzwerke unterstützen, die die Hilfen des Gesundheitswesens mit den Strukturen der Kinder- und Jugendhilfe verknüpfen. Auch wenn in manchen Regionen der Leiter des öffentlichen Gesundheitsamts mit dem Leiter des Jugendamts „wunderbar kooperiert“, wie von der Leyen feststellte, „gibt es noch viele weiße Flecken“.
Ärzte und Hebammen sehen die Kinder oft als einzige Ärzten und Hebammen kommt beim Kinderschutz eine besondere Rolle zu. Denn sie sehen die problembelasteten Familien meist als erste – und oftmals auch als einzige in den ersten drei Lebensjahren des Kindes. „Gerade das Alter von null bis drei ist aber für die Entwicklung des Kindes entscheidend“, betont Prof. Dr. Elisabeth Pott, Direktorin der BZgA. „Solch kleine Kinder können die Probleme ihrer Eltern nicht kompensieren.“ Verhaltensauffälligkeiten, Entwicklungsverzögerungen oder auch Sprachlosigkeit des Kindes aufgrund von Vernachlässigung fallen meist erst auf, wenn es in den Kindergarten kommt. Deshalb sei es wichtig, dass Ärzte und Hebammen in der Geburtshilfe und Kinderärzte bei den Vorsorgeuntersuchungen besonders sensibilisiert werden, um einer Vernachlässigung vorzubeugen. Sei das Problem einmal erkannt, könne die Kinder- und Jugendhilfe effektiv tätig werden, betonte Prof. Dr. Rauschenbach, Direktor des DJI: „Von der Prävention durch Elternbildung bis zur intensiven sozialpädagogischen Begleitung in Krisensituationen.“
Der 17-jährigen drogenabhängigen Mutter könnte heute nach der Klinikentlassung eine Familienhebamme zur Seite gestellt werden, die ihr mit dem Kind hilft und schaut, ob sie überfordert ist. Idealerweile kooperiert die Hebamme mit dem Jugendamt. Die kritischste Zeit für Kindstötungen ist das erste Lebensjahr.
Petra Bühring
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