ArchivDeutsches Ärzteblatt PP8/2007Urteil im Prozess gegen Berliner Krankenschwester: Zur Herrin aufgeschwungen

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Urteil im Prozess gegen Berliner Krankenschwester: Zur Herrin aufgeschwungen

PP 6, Ausgabe August 2007, Seite 354

Rebien, Kerstin

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LNSLNS Lebenslange Haft wegen Mordes an fünf Patienten, entschieden die Richter. Die Frage nach dem Warum aber blieb auch im Prozess offen.

Die Richter gingen akribisch vor. Sie versuchten, das Ungeheuerliche und auch die Umstände der Mordserie an der Berliner Charité zu ergründen. Warum hatte sich die Krankenschwester Irene B. zur Herrin über Leben und Tod aufgeschwungen? Gab es Versäumnisse in der Klinik? Am Ende resümierte der Vorsitzende Richter Peter Faust: „Wir wissen nicht genau, warum Irene B. die Menschen getötet hat.“ Die Charité musste sich vorhalten lassen, dass offensichtlich Mängel vorgelegen hätten. Über das Arbeitsklima auf der kardiologischen Intensivstation habe man zum Teil „ernüchternde Erkenntnisse“ gewonnen.
Lebenslange Haft wegen Mordes an fünf Patienten, so urteilte das Berliner Landgericht. Die 55 Jahre alte Irene B. habe Schwerstkranke zu Tode gespritzt, „wenn sie meinte, sie müssten jetzt sterben“. Weder Mitleid noch Überforderung hätten eine Rolle gespielt. Irene B. habe ihre eigenen Vorstellungen von Leben und Würde zum Maßstab gemacht. „Aber es gibt kein mehr oder weniger schutzwürdiges Leben“, hielt Faust der so kühl und distanziert wirkenden Angeklagten entgegen.
Niemand hatte um einen
solchen „Dienst“ gebeten
„Dieser Fall hat absolut nichts mit Sterbehilfe zu tun“, stand für das Gericht fest. Keiner der zwischen Juni 2005 und Oktober 2006 Ermordeten oder der Angehörigen hatte Irene B. um einen solchen Dienst gebeten. Sie habe ihre Opfer – vier Männer und eine Frau – auch nicht schmerzverzerrt erlebt. Sie waren komatös oder bewusstlos. Von einer 48-jährigen Frau wusste die Krankenschwester sogar, dass sie zu Hause sterben wollte. Der Transport war vorbereitet, als Irene B. die Überdosis eines blutdrucksenkenden Medikaments verabreichte.
Irene B. hat vier Tötungen gestanden. Sie würde es wieder tun, meinte sie kurz nach ihrer Verhaftung. Sie habe ihre Opfer „sanft hinübergeleitet“, um deren „Würde wiederherzustellen“. Ein psychiatrischer Gutachter sagte im Prozess, die trotz einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung voll schuldfähige Frau habe sich als „Mitwirkende eines göttlichen Willens“ gesehen. Tiefgreifende Reue zeigte sie nicht. „Meine Taten waren ein absurder Irrtum“, erklärte die Angeklagte in ihrem Schlusswort. Von einem Fehler oder von Schuld sprach sie nicht.
Mit strengem Blick und zuweilen arroganten Zügen ließ Irene B. ihre ehemaligen Kollegen im Zeugenstand passieren. Sie, die 1995 in der Charité angefangen hatte, war nicht beliebt und eher eine Außenseiterin, wurde aufgrund ihrer immensen Erfahrung aber respektiert. Sie hätten die Angeklagte als fachkompetente Pflegekraft erlebt, die sich vor allem der Schwerstkranken angenommen habe, lobten Ärzte. Pfleger und Krankenschwester dagegen zeichneten ein differenzierteres Bild.
Von Ruppigkeiten gegenüber Patienten war die Rede. Mehrere Fälle von Tätlichkeiten wurden geschildert. Einer verwirrten Frau schlug sie auf die Finger, einem anderen Patienten boxte sie gegen den Arm. Auch sei Irene B. in den letzten zwei Jahren „verbal-aggressiv“ aufgetreten. Eine jüngere Kollegin war als Zeugin einer körperlichen Attacke zur Stationsschwester gegangen. Dort endete die Sache. Es gab nicht einmal ein Gespräch mit Irene B.
Monate später, Mitte August 2006, war es ein Pfleger, dem das Verhalten der Krankenschwester verdächtig vorkam. Irene B. stand damals am Bett eines 77-jährigen Patienten. Therapeutische Maßnahmen sollte es nicht mehr geben. Der Pfleger aber hörte, wie eine Ampulle in den Mülleimer flog. Minuten später war der Mann tot. Wie ein Ermittler sicherte der Pfleger die leere Ampulle. Zu einem Vorgesetzten aber ging er nicht. „In unserem Beruf geht es darum, Leben zu retten. Da schien es mir absurd, jemanden als Mörder zu verdächtigen“, versuchte er sich als Zeuge zu rechtfertigen.
Heftige Kritik des Gerichts an der Klinik
Man redete über Irene B., aber keiner mit ihr. Ärzte erfuhren Ende September von einem Tötungsverdacht. „In der Gesamtschau hatte es für mich die Priorität Gerücht“, erklärte ein Oberarzt. Es dauerte sieben weitere Tage, bis der Klinikchef informiert wurde. Noch am selben Tag wurde Irene B. verhaftet. Drei der verurteilten Morde geschahen nach dem ersten Verdacht.
Heftig fiel die Kritik der Richter an der Klinik aus. Beobachtete Ruppigkeiten in Wort und Tat, die ohne Konsequenzen blieben – „eine Administration, die das zulässt, macht sich mitschuldig und gegebenenfalls strafbar“, sagte Faust. „Die Protagonisten und Beobachter sind ungeeignet für ihre Arbeit und gehören entfernt.“ Das gelte auch für Kollegen der Angeklagten, die den ungeheuerlichen Tötungsverdacht hegten und dennoch schwiegen. Für „arbeitsrechtliche Bedenkenträgerei“ oder Angst vor ungerechtfertigten Verdächtigungen sei kein Raum, wenn das Leben von Menschen auf dem Spiel stehe. Kerstin Rebien
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