ArchivDeutsches Ärzteblatt PP8/2007Kontrollierte Abgabe Hinter Panzerglas

POLITIK

Kontrollierte Abgabe Hinter Panzerglas

PP 6, Ausgabe August 2007, Seite 356

Gerst, Thomas

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Die Lungengasse liegt im Zentrum von Köln, in unmittelbarer Nähe zum städtischen Gesundheitsamt und zum Neumarkt, der nach wie vor einer der Hauptumschlagplätze für illegale Drogen ist. Dort ist das Modellprojekt zur Versorgung Opiatabhängiger untergebracht. Die Fassade des Hauses hätte eine Renovierung verdient. Freundlicher ist das Ambiente, wenn man aus dem Treppenhaus in den Warte- und Aufenthaltsbereich der Heroinambulanz tritt.
38 Heroinabhängige, zwei Drittel davon Männer, kommen seit fünf Jahren in der Regel zweimal pro Tag hierher, um ihre Heroinration in Empfang zu nehmen. Es handelt sich dabei um Schwerstdrogenabhängige – häufig in enger Verbindung mit psychiatrischen Störungen oder Traumatisierungen in verschiedenen Lebensabschnitten –, bei denen andere Therapien nicht mehr funktionieren. Mario Vogel, der Leitende Prüfarzt des Modellprojekts, führt durch die Einrichtung. Er verweist auf die Sicherungsmaßnahmen: Der Zugang zur Ambulanz wird mit Kameras überwacht. Nach den Vorgaben des Bundeskriminalamts wird das Heroin – bezogen wird es aus der Schweiz – hinter Panzerglas aufbewahrt. Dort arbeiten auch die Krankenschwestern, die den Patienten ihre individuelle Ration unter dem Panzerglas hindurch zuschieben. Sie erhalten die fertig aufgezogene Spritze und müssen sich unter Aufsicht das Heroin injizieren. „Sichergestellt ist“, erklärt Vogel, „dass kein Heroin aus dem Haus geschmuggelt wird.“ Anders als bei der Methadonsubstitution gebe es keine Take-home-Rationen über einen bestimmten Zeitraum; über Vergabezeiten früh am Morgen und abends sei ein normales Arbeitsverhältnis möglich. Allerdings, schränkt Vogel ein, „befinden sich nur zwei Projektteilnehmer in einem geregelten Arbeitsverhältnis auf dem ersten Arbeitsmarkt“.
Kein Verständnis hat der Arzt dafür, dass trotz der positiven wissenschaftlichen Bewertung der Modellprojekte die für eine Aufnahme in die Regelversorgung erforderliche gesetzliche Neuregelung bisher an der Blockade aus der CDU/CSU-Bundestagsfraktion scheitert. Gerade auch das ordnungspolitische Interesse der beteiligten Kommunen sei sehr groß, sei doch ein Rückgang der mit dem illegalen Drogenhandel verbundenen Kleinkriminalität zu verzeichnen. Nun aber müssten die Kommunen zunächst aus eigenen Mitteln dafür sorgen, dass die Projekte weitergeführt werden. Denn eine Umstellung der Heroingruppe auf die Methadon-substitution „ist nicht vertretbar“; eine Studie in den Niederlanden habe gezeigt, dass die Mehrzahl der Beteiligten innerhalb weniger Wochen wieder zurück in der Illegalität sei.
Sonderweg in Köln
Köln hat sich eine besondere Lösung einfallen lassen. Die Arbeitsverträge der Mitarbeiter in der Heroinambulanz laufen im September aus, danach wird die Einrichtung durch die Methadonvergabestelle übernommen – eine Regelung, von der Vogel „wenig“ hält. Eine psychosoziale Betreuung der Abhängigen sei in der Form wie bisher nicht mehr möglich. Dies wird auch von Dr. med. Jan Leidl, dem Leiter des Kölner Gesundheitsamts, nicht bestritten: „Zu den besonderen Bedingungen der Erprobungsphase kann es nicht weiterlaufen.“ Thomas Gerst
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema