ArchivDeutsches Ärzteblatt PP8/2007Alexander Mitscherlich: Das Grauen der Nazizeit bewältigen

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Alexander Mitscherlich: Das Grauen der Nazizeit bewältigen

PP 6, Ausgabe August 2007, Seite 368

Goddemeier, Christof

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LNSLNS Vor 25 Jahren starb der Arzt und Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich.

Zeitlebens setzte Alexander Mitscherlich sich für die Anerkennung psychologischen Denkens in der Medizin ein. Seine beiden Bände „Krankheit als Konflikt. Studien zur psychosomatischen Medizin“ (1966/67) haben Ärzten und Studierenden nahegebracht, dass körperliches Kranksein seelische Ursachen haben kann. Dabei ging er immer wieder den Zusammenhängen zwischen psychischen, familiären und gesellschaftlichen Konflikten nach. Mit beachteten Beiträgen meldete er sich im politischen Tagesgeschehen zu Wort. Schlüssel zum Verständnis seiner Weltanschauung sind die Erfahrungen im Nationalsozialismus. So ist seine therapeutische und theoretische Arbeit vor allem eine Bewältigung des Grauens, das die Hitler-Diktatur in ihm ausgelöst hat.
Am 20. September 1908 wird Alexander Mitscherlich in München geboren. Zunächst studiert er Geschichte, Philosophie und Literatur. Seine Doktorarbeit über Luther-Darstellungen im 19. Jahrhundert wird 1933 von der inzwischen „gleichgeschalteten“ Universität nicht angenommen. Mitscherlich geht nach Berlin, eröffnet eine Buchhandlung und studiert Medizin. Als die Gestapo auf ihn aufmerksam wird – Ernst Niekischs Buch „Hitler, ein deutsches Verhängnis“ erhält in seiner Buchhandlung ein Sonderfenster –, flieht er 1935 nach Zürich. Auf einer Reise nach Deutschland wird er festgenommen und für acht Monate in Nürnberg inhaftiert. Im Gefängnis liest er Viktor von Weizsäckers Studien zur Psychopathologie und beschließt, sein Studium in Heidelberg fortzusetzen, wo von Weizsäcker lehrt. Ihn und Sigmund Freud bezeichnet Mitscherlich fortan als seine „geistigen Väter“.
Der Begriff der Krise ist Mitscherlich aus der eigenen Lebensgeschichte vertraut. 1945 ist er in der amerikanischen Besatzungszone eine Zeit lang Minister für Ernährung und Gesundheit. Die Alliierten bieten ihm einflussreiche politische Posten an. In einem Interview sagt er dazu: „Das hat mir große Konflikte gebracht. (. . .) Aber was habe ich gemacht? Ich bin krank geworden. (. . .) Ich würde nicht im Geringsten zweifeln, dass dies die somatische Antwort auf eine psychische Krise war, in der ich mich nicht entscheiden konnte.“ 1973 macht er am Frankfurter Sigmund-Freud-Institut Psychodynamik und Krisen der „Lebensmitte“ zum Gegenstand einer wissenschaftlichen Untersuchung.
1947 ist Mitscherlich im Auftrag der Westdeutschen Ärztekammer als Sachverständiger beim Nürnberger Ärzteprozess zugegen. Hier werden „Untaten von so ungezügelter und zugleich bürokratisch-sachlich organisierter Lieblosigkeit, Bosheit und Mordgier“ verhandelt, dass die Eindrücke ihn „niedergedrückt von Scham und Verzweiflung“ zurücklassen. Mit Fred Mielke dokumentiert er den Prozess in „Medizin ohne Menschlichkeit“. Werden die Menschen jemals ohne Autoritätshörigkeit und solidarisch mit ihren Artgenossen ihr Schicksal in die eigene Hand nehmen? Diese Frage bestimmt wesentlich Mitscherlichs sozialpsychologische Schriften, etwa sein Buch „Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft“ (1963). Anknüpfend an Freuds Theorien über die Psychologie der Massen sprach der Psychoanalytiker Paul Federn bereits 1919 von der „vaterlosen Gesellschaft“ und sah in der Abschaffung der Vatergläubigkeit einen Ausweg aus den Katastrophen der Geschichte. Mitscherlich folgt Freud und Gustave Le Bon („Psychologie der Massen“, 1895) und zeigt die Gefahren auf, die aus einem Verlust der Vaterautorität in der „Massengesellschaft“ resultieren.
1960 wird Mitscherlich Direktor des Frankfurter Sigmund-Freud-
Instituts. Mit seiner Frau Margarete Mitscherlich-Nielsen veröffentlicht er 1967 „Die Unfähigkeit zu trauern“. Der Titel bezieht sich auf den Widerstand großer Teile der deutschen Bevölkerung, nach 1945 die Epoche des Nationalsozialismus angemessen zu verarbeiten. Wie individuelle Trauer kann auch kollektive Trauer misslingen und dann in einen Zustand des „sozialen Immobilismus“ münden. Trauer erfordert, die Realität, so schmerzhaft sie sein mag, zur Kenntnis zu nehmen; die von den Autoren konstatierte Verleugnung der Realität dient dagegen vor allem dem „Schutz (. . .) des Selbstgefühls vor schroffen Entwertungen“.
1969 erhält Mitscherlich den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. In seiner Rede regt er an, „für das Martialische in sich selbst“ hellhöriger zu werden. Eine Verharmlosung menschlicher Aggression hält er für unverantwortliches Wunschdenken. Wie Freud ist Mitscherlich skeptisch hinsichtlich der „Kultureignung“ des Menschen. Doch widerspricht er deutlich denen, die „aus einer angeblichen Unbeeinflussbarkeit der Aggression ein sozialdarwinistisches Weltbild ableiten“. Am 26. Juni 1982 starb Alexander Mitscherlich in Frankfurt am Main.
Christof Goddemeier
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