ArchivDeutsches Ärzteblatt PP8/2007Gesundheitssystem Philippinen: Keine Ärzte für die Armen

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Gesundheitssystem Philippinen: Keine Ärzte für die Armen

PP 6, Ausgabe August 2007, Seite 375

Merten, Martina

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Bezirkskrankenhaus auf Südleyte: Warum hier als Arzt arbeiten, wenn im Ausland als Krankenschwester mehr Geld zu verdienen ist? Foto: Martina Merten
Bezirkskrankenhaus auf Südleyte: Warum hier als Arzt arbeiten, wenn im Ausland als Krankenschwester mehr Geld zu verdienen ist? Foto: Martina Merten
Der südostasiatische Inselstaat steckt in einer Krise: das ärztliche Fachpersonal wandert wegen niedriger Gehälter aus, auf dem Land übernehmen Krankenschwestern die Gesundheitsversorgung. Immerhin gibt es einige Leuchtturmprojekte.

Vor dem Anahawan District Hospital auf der philippinischen Insel Leyte kauert ein Mann, wohl Mitte 40. Mit leerem Blick schaut er in die Ferne. Auf die Frage, ob er auf einen Arzt warte, schüttelt Romeo den Kopf. Romeo wartet auf niemanden, vielleicht auf eine Eingebung, wie er mit seiner Situation umgehen soll. Seine Tochter, erzählt der Filipino, liege auf der Tagesstation der Klinik, sie leide an einem schweren Herzfehler. Die wenigen Ärzte hier, im Anahawan District Hospital, könnten ihr nicht helfen. Helfen könnten nur Ärzte an einer Spezialklinik in Manila. Doch die Hauptstadt des Archipels ist Tausende Kilometer entfernt, ein Flug dorthin würde Romeo mehrere Monatsgehälter kosten, ganz zu schweigen von den Behandlungskosten. „Was soll ich bloß machen?“, fragt der Mann.
Sein Schicksal ist das vieler Filipinos. Manche trifft es sogar noch härter. 50 Prozent der Bevölkerung haben keinen Zugang zur Gesundheitsversorgung. 30 Prozent der Einheimischen leben von weniger als zwei US-Dollar täglich. Die Bevölkerung ist gleichzeitig eine der am schnellsten wachsenden weltweit. „Die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung ist eine Frage der Prioritäten“, sagt der Generalsekretär der Health Alliance for Democracy (HEAD), Dr. med. Gene Alzona Nisperos, und die Priorität der Regierung sei nun einmal nicht das Gesundheitswesen. „Es wird lediglich Geld in diejenigen Bereiche gesteckt, in denen es sichtbar ist“, kritisiert Nisperos. Sichtbar ist die finanzielle Beteiligung des Gesundheits-ministeriums und anderer Ministerien an teuren Privatkliniken, denn diese bringen Prestige und ausländische Devisen. Deren Zahl ist in den vergangenen Jahren stetig gestiegen. Inzwischen befinden sich 700 der 1 700 Krankenhäuser des Inselstaates in privater Hand, von den 1 000 staatlichen Krankenhäusern finanziert der Staat 300. Die restlichen 700 – überwiegend kleinere Häuser wie das Anahawan District Hospital – werden nach offiziellen Angaben von den Kommunen getragen. „Oftmals versickert das Geld aber eher in den Taschen der Bürgermeister, als dass diese es in die Instandhaltung kleinerer Kliniken stecken“, sagt Nisperos.
Ein kurzer Blick in das Anahawan-Hospital reicht aus, um zu erkennen, dass in die Instandhaltung des Bezirkskrankenhauses seit Jahren kein Geld mehr investiert worden ist. Die Geräte sind alt, die Zimmer ärmlich ausgestattet, für das 50-Betten-Haus stehen zwei alte Computer zur Verfügung. Dr. med. Maya de Tesus ist eine von vier Ärzten, die im Krankenhaus tätig sind. Außerdem arbeiten hier noch 15 Krankenschwestern. „Nach neunjähriger Aus- und Weiterbildung verdiene ich 400 Dollar pro Monat“, erzählt de Tesus resigniert. Sie überlege, gemeinsam mit ihren Kindern in die USA auszuwandern. Dort verdient eine Krankenschwester das Dreifache eines Arztes auf den Philippinen – was bislang schätzungsweise 10 000 philippinische Ärzte dazu bewogen hat, ihr Land zu verlassen. Viele Auswanderer lassen sich, bevor sie gehen, noch zu Krankenschwestern oder -pflegern umschulen, denn als Krankenschwester bekommen sie vor allem in den USA und in Großbritannien schnell einen Job und verdienen gut. Inzwischen leben zehn Millionen Filipinos im Ausland und erwirtschaften 13,5 Prozent des heimischen Bruttoinlandsprodukts. Dass die Regierung vor dem Hintergrund dieser Zahlen nichts unternimmt, um den Trend zu stoppen, wundert nicht. Und schließlich, kürzt Arbeitsminister Arturo de Brion weitere für ihn unangenehme Fragen nach dem „Warum“ ab, handele es sich bei Filipinos um ein reisefreudiges Volk.
In Manila, der für viele verheißungsvollen Hauptstadt des Archipels, stehen die Chancen auf ein höheres Einkommen besser. Denn hier, etwa drei Flugstunden vom Anahawan-Hospital entfernt, entstehen neben wenigen staatlichen Krankenhäusern immer mehr Privatkliniken. Hier setzen große Firmen auf Callcenter und reiche Geschäftsleute auf Shopping-Malls nach US-amerikanischem Vorbild. In der 15-Millionen-Megacity prallen daher Gegensätze aufeinander, wie sie größer nicht sein könnten. Während sich in einigen Stadtteilen ein Slum an den anderen reiht, findet man wenige Straßenecken weiter vornehme Hochhausburgen renommierter Banken und abgezäunte Wohnviertel reicher Einheimischer. Während Wohlhabende es sich in Massagezentren gut gehen lassen und unter Palmen Kaffee für drei Euro die Tasse trinken, stehen kleine Kinder mit ausgestreckten Händen auf überfüllten Straßen und betteln um ein paar Cent. Sie sind 20 Stunden täglich Autolärm und verschmutzter Luft ausgesetzt. Meist mangelt es ihnen an sauberem Trinkwasser und ausreichender Nahrung. Wenn hier jemand krank wird – und das kommt den Umständen entsprechend häufig vor –, kann auf einen Schlag ein ganzes Monatsgehalt dahin sein. Oder die Krankheit wird aus Geldmangel verschleppt, chronifiziert sich und führt schlimmstenfalls zum Tod. Insbesondere Durchfallerkrankungen durch verschmutztes Trinkwasser führen der nationalen Krankenkasse zufolge am häufigsten zum Tod, auch Bronchitis, Lungenentzündungen, Grippe und Malaria enden bisweilen tödlich. Dem gegenüber stehen Zivilisationskrankheiten in den Reihen der Reichen, die denen der Menschen in Industrienationen ähneln: Diabetes, Bluthochdruck, Übergewicht.
50 Prozent ohne Zugang zu Arzneimitteln
Während die hohen Medikamentenpreise für Wohlhabende kein Problem darstellen, können sich 40 Prozent der Bevölkerung nach Angaben von Boehringer Ingelheim Philippines nur günstige Arzneimittel leisten. Für weitere 50 Prozent sind Arzneimittel außerhalb jeglicher Reichweite. Ein Großteil der Medikamente wird über Apotheken abgesetzt; insbesondere die Kette „Mercury Drug“ findet man an jeder zweiten Ecke. Die Marktmacht einzelner privatisierter Giganten führe dazu, dass die Arzneimittelpreise auf dem dreifachen Niveau von Thailand oder Indonesien lägen, sie seien fünf- bis 15-mal so hoch wie in Indien, berichtet eine Sprecherin des Ingelheimer Pharmakonzerns. Der Verkauf von Generika mache dagegen gerade einmal vier Prozent aus.
Prekäre Verhältnisse: Für einige Filipinos ist das Leben auf einer Müllkippe, hier auf den „Smokey Mountains“ in Manila, Alltag. Foto: Sabine Muscat
Prekäre Verhältnisse: Für einige Filipinos ist das Leben auf einer Müllkippe, hier auf den „Smokey Mountains“ in Manila, Alltag. Foto: Sabine Muscat
Mehr Menschen den Zugang zu günstigeren Arzneimitteln ermöglichen – dafür engagiert sich die Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ). Gemeinsam mit dem philippinischen Ge­sund­heits­mi­nis­terium und der Kreditanstalt für Wiederaufbau kümmert sie sich um den Aufbau von Apotheken nach dem Franchise-System. Margarett Luisa Mallari arbeitet in einer solchen Apotheke; hier auf den Philippinen nennt man sie „Health Plus Outlet“. „Health Plus“ lautet der Name des GTZ-Projekts, Outlet bedeutet so viel wie „Verkaufsstelle“. Inzwischen, berichtet Mallari stolz, gebe es in der gesamten Region der östlichen Visayas – einer Inselgruppe – 58 solcher „Arzneimittelverkaufsstellen“, in denen Mitarbeiter überwiegend nicht rezeptpflichtige Generika verkaufen. Das Ge­sund­heits­mi­nis­terium finanziert die Ausbildung der Mitarbeiter, darin werden Basiskenntnisse über Kräuterkunde und Erste Hilfe vermittelt. Basiskenntnisse helfen oftmals schon einen großen Schritt weiter, denn die Miniapotheken liegen in der Regel mitten auf dem Land umgeben von Lehmhütten, Palmen und Menschen, die von Reis und Kokosnüssen leben. Musste die hiesige Bevölkerung vor dem Aufbau der Outlets kilometerweite Fußwege zur nächstgelegenen Apotheke zurücklegen, hat sie jetzt immerhin eine Art „Sari-Sari-Apotheke“ um die Ecke. Und deren Anzahl, ist Mallari überzeugt, werde bis Ende des Jahres weiter steigen. Das Prinzip des Apotheken-Franchise ist schnell erklärt: Das Outlet gehört dem Kleinunternehmer, hinter dem als „Master Franchiser“ die National Pharmaceutical Foundation steht. Das ist eine private Stiftung, die vom „Bureau of Food and Drugs“ als Arzneimittelgroßhändler zugelassen ist. Von den monatlichen Einnahmen, erklärt Mallari, seien Kosten für das Inventar und die Mitarbeiter abzuziehen, außerdem ginge etwa ein Drittel der Einnahmen an den Master Franchiser.
Medizintourismus als Einnahmequelle der Zukunft?
Neben Leuchtturmprojekten wie diesem gibt es noch einen weiteren Streif am Horizont – wenngleich einen ethisch nicht unumstrittenen: den Medizintourismus. Vor dem Hintergrund einer alternden Bevölkerung, steigender Gesundheitskosten und langer Wartelisten in westlichen und anderen asiatischen Ländern könnten die Philippinen ihren Standortvorteil nutzen, befand die Regierung vor einigen Jahren. Schließlich lägen die Kosten hier um ein Vielfaches niedriger, viele Ärzte seien hervorragend ausgebildet und sprächen zudem fließend englisch. Darüber hinaus eröffne der Medizintourismus die Möglichkeit, durch neue, qualitativ hochwertige Arbeitsplätze auswanderungswillige Ärzte im Land zu halten. Die Marketingstrategie ähnelt der in Thailand, Singapur und Indien: Getreu dem Motto „Ever thought of doing them both – on the same trip?“ entstanden Onlineportale und Anzeigenkampagnen, über die Touristen einen Urlaub unter Palmen kombiniert mit einem chirurgischen Eingriff buchen können. Das Ge­sund­heits­mi­nis­terium hat Geld in den Aufbau von Massagezentren an Krankenhäusern gesteckt, einige besonders renommierte Privatkliniken haben ihre Gebäude nach den Maßstäben der US Joint Commission on Accreditation of Healthcare Organizations (JCAHO) errichtet. Krankenhäuser, die bei der renommierten US-Einrichtung akkreditiert sind, verfügen in der Regel über hohe Qualitäts- und Sicherheitsstandards. Trotz der Bemühungen – ein Boom an Medizintouristen blieb bislang aus. 2,6 Millionen Urlauber flögen jährlich auf die Philippinen, davon kämen lediglich 10 000 zu medizintouristischen Zwecken, schätzt die GTZ. Kenner der Szene glauben allerdings, dass der Markt noch anziehen wird.
Selbst wenn die Besucherzahlen in den nächsten Jahren steigen sollten: Romeo, dem Mann vor dem Anahawan-Hospital auf Leyte, würde das auch nicht mehr helfen. Denn selbst wenn die Regierung ihr Versprechen hält und zusätzliche Devisen in die Gesundheitsversorgung der eigenen Bevölkerung steckt – Romeos Tochter ist bis dahin längst tot. Martina Merten

Philippinen
- Einwohnerzahl: 86 Millionen (Deutschland: 82,4 Millionen)
- Bruttoinlandsprodukt 2005: 105,2 Mrd. US-Dollar (Deutschland: 2 240 Mrd. Euro)
- Arbeitslosenquote: 7,8 Prozent (Deutschland: 9,1 Prozent). Unterbeschäftigung liegt bei 20 Prozent.
- Anteil der Gesundheitsausgaben am Bruttoinlandsprodukt: etwa zwei Prozent (Deutschland: etwa 10,7 Prozent)
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