ArchivDeutsches Ärzteblatt PP8/2007Maurice Ravel (1875–1937): Zwischen Hoffnung und Mutlosigkeit

KULTUR

Maurice Ravel (1875–1937): Zwischen Hoffnung und Mutlosigkeit

PP 6, Ausgabe August 2007, Seite 385

Janowski, Klaus

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Durch die Pick-Krankheit verlor Ravel „nicht die Fähigkeit, Musik zu komponieren, sondern er verlor die Fähigkeit, sie auszudrücken“.

Am Morgen des 28. Dezember 1937 schlief Maurice Ravel nach längerer Krankheit ohne Schmerzen ein. Ravel litt an der Pick-Krankheit. Arnold Pick (Prag) beschrieb erstmals 1892 eine spezielle degenerative Hirnerkrankung mit umschriebener Atrophie im Frontal- und/oder Temporallappen sowie Beteiligung sowohl der grauen als auch der weißen Substanz, daher auch die Bezeichnung lobuläre Sklerose. Die Ventrikel sind später hydrozephal vergrößert.
Ravel beobachtete an sich seit 1918 eine zunehmende Schlaflosigkeit, ein vorzeitiges Ergrauen der Haare und seit 1927 apraktische Störungen mit Aphasie, Alexie und Agrafie. Anfang der 30er-Jahre traten Konzentrationsstörungen, Antriebslosigkeit und Depression hinzu. In den letzten Jahren kam es zunehmend zu einer Sprachverarmung. Er verlor also ganz langsam seine Fähigkeit, zu sprechen und Klavier zu spielen. Der französische Neurologe François Boller beschrieb es so: „Er verlor nicht die Fähigkeit, Musik zu komponieren, sondern er verlor die Fähigkeit, sie auszudrücken.“
Maurice Ravel, geboren am 7. März 1875, war der Sohn des Ingenieurs Joseph Ravel, einem Pionier des Automobilbaus. Mit seinem Bruder Edouard wuchs er in gesicherten Verhältnissen auf. Mit 14 Jahren besuchte er das Pariser Konservatorium. In der Kompositionsklasse war sein Lehrer Gabriel Fauré. Fauré ließ keine Gelegenheit aus, ihn ständig zu ermutigen und zu fördern. Ravel galt als „sehr begabt, fleißig und sehr intelligent“. 1905 verließ er das Konservatorium. Es folgte eine schöpferische Phase mit solch bedeutenden Werken wie „Rapsodie espagnole“, „Ma Mère l'Oye“ („Meine Mutter, die Gans“), „Daphnis et Chloé“ und die „Sonatine“. Mit 33 Jahren befand er sich bereits auf dem Zenit seiner Karriere als Meister origineller Orchestermusik. Er begann als Impressionist, ging durch die Spätromantik und gelangte in eine Art von Neoklassik. Von Anfang an hatte Ravel einen individuellen Stil gepflegt, den er während seiner Schaffensjahre wenig veränderte. Seine wohl berühmteste Komposition von 1928 ist der „Boléro“. Diese Ballettpartitur hatte einen kometenhaften Aufstieg zu einer Popularität, die in der klassischen Musik selten zu finden ist.
Maurice Ravel am Klavier, Fotografie, um 1930. Trotz aller Erfolge bereitete ihm sein Gesundheitszustand wachsende Sorge. Fotos: picture-alliance
Maurice Ravel am Klavier, Fotografie, um 1930. Trotz aller Erfolge bereitete ihm sein Gesundheitszustand wachsende Sorge. Fotos: picture-alliance
Trotz aller Erfolge bereitete ihm sein Gesundheitszustand wachsende Sorge. Er fühlte sich von Tag zu Tag müder und verbrachte die Nächte ohne Schlaf. In der Phase zwischen Hoffnung und Mutlosigkeit erhält Ravel 1929/1930 den Auftrag des Wiener Pianisten Paul Wittgenstein (der im Ersten Weltkrieg seinen rechten Arm verloren hat) für ein Konzert für die linke Hand, und er nimmt an. Parallel entstand noch ein anderes Klavierkonzert in G-Dur. Mitte 1933 bereitete es Ravel unerklärliche Mühe, zu schreiben und zu unterzeichnen. Manche Gebärden, manche Worte gehorchten nicht mehr ganz seinem Willen. Ravel beklagte sich selbst darüber, „im Nebel zu leben“. Da der Zustand Ravels sich weiter verschlechterte, brachte man ihn mit dem Verdacht einer Hydrozephalie mit zunehmender Hirndrucksymptomatik zu dem Hirnchirurgen C. Vincent. Am 19. Dezember 1937 öffnete Vincent den Schädel. Einen Gehirntumor fand er nicht; die linke Gehirnhälfte war in ihrer Kammer zusammengefallen. Eine Woche nach der Operation fiel Ravel sanft in Agonie und starb am 28. Dezember. Dr. med. habil. Klaus Janowski
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