ArchivDeutsches Ärzteblatt33/2007OECD-Gesundheitsdaten: Kaum steigende Ausgaben in Deutschland

POLITIK

OECD-Gesundheitsdaten: Kaum steigende Ausgaben in Deutschland

Dtsch Arztebl 2007; 104(33): A-2239 / B-1981 / C-1913

Rabbata, Samir

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LNSLNS Gute Leistungen haben ihren Preis – so auch die im internationalen Vergleich gute Patientenversorgung in Deutschland. Von einer Kostenexplosion kann jedoch keine Rede sein.

Die Studie erregte Aufsehen: Nur auf Platz 25 listeten Experten der Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) das deutsche Gesundheitssystem. In der internationalen Vergleichsstudie unter 191 Staaten schnitten Malta und Portugal, sogar der Oman und Kolumbien besser ab. Das war im Jahr 2000. Mittlerweile ist unumstritten, dass das WHO-Ranking etlicher seriöser wissenschaftlicher Standards entbehrte. Der internationale Flurschaden für das deutsche Gesundheitswesen war dennoch immens.
Bei länderübergreifenden Vergleichsstudien ist grundsätzlich Skepsis angebracht – erst recht, wenn die Leistungsfähigkeit von komplexen Gesundheitssystemen bewertet wird. Kritisch betrachten muss man folglich auch die aktuellen Gesundheitsdaten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), der 30 Industriestaaten angehören. Allerdings: Anders als die WHO-Autoren seinerzeit, verzichtet die OECD in ihrer jährlich erscheinenden Rangliste auf eine öffentlichkeitswirksame, aber wissenschaftlich fragwürdige Gesamtbewertung der Systeme. Die OECD-Experten vergleichen vielmehr einzelne Kennzahlen. Dabei schneidet Deutschland besser ab, als oftmals vermutet.
Verschiebebahnhöfe treiben Ausgaben hoch
Dies gilt jedoch nur, wenn man Ausgaben- und Leistungsseite nicht getrennt voneinander betrachtet. So beliefen sich zwar die Gesamtausgaben für Gesundheit im Untersuchungsjahr 2005 in Deutschland auf 10,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts und lagen damit über dem OECD-Durchschnitt. Nur in den Vereinigten Staaten (15,3 Prozent), der Schweiz (11,6 Prozent) und Frankreich (11,1 Prozent) war der Anteil höher. Doch blieb in der Untersuchung unberücksichtigt, dass Deutschland über einen vergleichsweise üppigen Leistungskatalog der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung verfügt, der auch versicherungsfremde Leistungen, wie Haushaltshilfen, Kuren und Krankengeld, umfasst. Hinzu kommen zahlreiche finanzielle Verschiebebahnhöfe zulasten der Krankenkassen und zugunsten anderer Sozialversicherungszweige.
Vor diesem Hintergrund ist es bemerkenswert, dass die Deutschen pro Kopf im Durchschnitt nur knapp 3 300 US-Dollar für Gesundheit ausgeben und damit im Vergleich zu den anderen Industrieländern an zehnter Stelle rangieren (siehe Grafik). Hinzu kommt, dass die Ausgaben im öffentlichen und privaten Sektor zwischen 2000 und 2005 um allenfalls 1,3 Prozent pro Jahr gestiegen sind. Das war, verglichen mit den anderen OECD-Ländern, der geringste Anstieg in diesem Zeitraum. Mit dazu beigetragen haben die vergleichsweise moderaten Ausgaben für Arzneimittel. 2005 erreichten diese 15,2 Prozent der gesamten Gesundheitsausgaben und lagen damit ebenfalls unter dem Durchschnitt.
Ein gemischtes Bild zeichnet die OECD-Statistik dagegen beim personellen Einsatz im deutschen Gesundheitswesen. So bescheinigen die Experten den Krankenhäusern einen vergleichsweise effizienten Einsatz ihres Personals. Durchschnittlich sichern 10,8 Krankenhausmitarbeiter die Versorgung von 1 000 Einwohnern (siehe Beitrag „Wenn Sparen zum Risiko wird“ in diesem Heft). Deutlich mehr Personal benötigen Österreich, Irland und Italien. Mit 16,1 Mitarbeitern pro 1 000 Einwohnern beschäftigen US-amerikanische Kliniken das meiste Personal.
Geringe Wartezeiten in deutschen Arztpraxen
Insgesamt arbeiten in Deutschland jedoch überdurchschnittlich viele Menschen im Gesundheitswesen. So kamen im Untersuchungszeitraum 3,4 niedergelassene Ärztinnen und Ärzte auf 1 000 Einwohner. Im OECD-Durchschnitt waren es drei. Doch blieb in der Untersuchung unberücksichtigt, dass deutsche Patienten in der Regel schnell einen Arzttermin erhalten. Nach Angaben des Kieler Gesundheitsökonomen, Prof. Dr. med. Fritz Beske, gehört Deutschland sowohl nach Ermittlungen der Welt­gesund­heits­organi­sation als auch aufgrund einer von ihm im Jahr 2004 vorgenommenen Analyse von 14 Vergleichsländern zu den Staaten mit den geringsten Wartezeiten in Arztpraxen.
Ebenfalls positiv ist die nach Angaben der OECD hohe Lebenserwartung der Deutschen. Sie lag 2005 bei 79 Jahren (OECD-Durchschnitt: 78,6 Jahre). Die Säuglingssterblichkeit ist auf 3,9 Todesfälle je 1 000 Einwohner gesunken. Auch hier lag der Durchschnitt in den Industriestaaten mit 5,4 Todesfällen höher.
Samir Rabbata
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Trotz eines umfassenden Leistungskatalogs rangiert Deutschland bei den Pro-Kopf- Gesundheitsausgaben nur auf Platz zehn. Die Daten in der Grafik sind in US-Dollar angegeben und um Kaufkraftparitäten (KKP) bereinigt, was einen Ländervergleich auf einer gemeinsamen Basis ermöglicht. 1=2004; 2=Öffentliche Gesundheitsausgaben und private Gesundheitsausgaben sind laufende Gesundheitsausgaben. Quelle:OECD-Gesundheitsdaten 2007, Juli 2007
Grafik
Trotz eines umfassenden Leistungskatalogs rangiert Deutschland bei den Pro-Kopf- Gesundheitsausgaben nur auf Platz zehn. Die Daten in der Grafik sind in US-Dollar angegeben und um Kaufkraftparitäten (KKP) bereinigt, was einen Ländervergleich auf einer gemeinsamen Basis ermöglicht.

1=2004; 2=Öffentliche Gesundheitsausgaben und private Gesundheitsausgaben sind laufende Gesundheitsausgaben. Quelle:OECD-Gesundheitsdaten 2007, Juli 2007

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