ArchivDeutsches Ärzteblatt33/2007Krankenhäuser: Wenn Sparen zum Risiko wird

POLITIK

Krankenhäuser: Wenn Sparen zum Risiko wird

Dtsch Arztebl 2007; 104(33): A-2241 / B-1983 / C-1915

Hibbeler, Birgit

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LNSLNS In den vergangenen zehn Jahren sind etwa 48 000 Stellen in der
Krankenpflege dem Rotstift zum Opfer gefallen. Einer Studie zufolge bleiben
Qualität und Sicherheit in den Krankenhäusern dabei auf der Strecke.

Obwohl die Qualitätssicherung in deutschen Krankenhäusern immer mehr an Bedeutung gewinnt, hat die Qualität der pflegerischen Versorgung offenbar deutlich nachgelassen. Der Abbau von Pflegepersonal wirke sich mittlerweile auf Pflegequalität und die Patientensicherheit aus. Diese Bilanz zieht das Deutsche Institut für angewandte Pflegeforschung (dip) in der Studie „Pflege-Thermometer 2007“. Das Kölner Institut hat die Angaben leitender Pflegekräfte aus 263 Krankenhäusern ausgewertet. Dem dip zufolge ist die Untersuchung repräsentativ.
Lagerung, Mobilisation, Verabreichung von Schmerzmitteln und die postoperative Überwachung sind laut der Umfrage nicht mehr in allen Krankenhäusern optimal möglich. Rund 30 Prozent der befragten Pflegedirektoren befanden, die Möglichkeit zu ausreichender Pflege sei in den vergangenen beiden Jahren gesunken. In nur jeder dritten Einrichtung sind den Angaben zufolge die grundpflegerische Versorgung und eine regelmäßige Lagerung der Patienten vollständig gewährleistet. In fast 40 Prozent wird die Verabreichung der Nahrung häufig nicht dem Esstempo des Patienten angepasst. In etwa drei Viertel der Einrichtungen kommt es vor, dass Patienten länger als 15 Minuten auf ein dringend benötigtes Schmerzmittel warten.
„Wenn in jeder dritten Klinik die Mobilisation der Patienten, etwa nach einer Operation, häufig nicht mehr fachgerecht durchgeführt werden kann, ist das mehr als besorgniserregend“, kritisiert Studienleiter Prof. Dr. Frank Weidner. Zudem weist er darauf hin, dass mehr als die Hälfte der Befragten damit rechneten, dass in den kommenden fünf Jahren weitere Stellen in der Pflege gestrichen würden, obwohl sie die Situation schon jetzt als sehr angespannt betrachteten.
Eine solche Prognose deckt sich mit dem Trend der vergangenen Jahre: Nach Angaben des Statistischen Bundesamts sind von 1995 bis 2005 etwa 48 000 Vollzeitäquivalente für Krankenpflegekräfte im akutstationären Bereich weggefallen. Das entspricht einem Abbau von 13,5 Prozent. Zwar ist die Anzahl der Betten im selben Zeitraum um etwa 85 000 gesunken, die Fallzahlen sind aber gestiegen, und die Verweildauer ist auf 8,6 Tage zurückgegangen. Es ist also davon auszugehen, dass die Arbeitsbelastung in der Pflege zugenommen hat – nicht zuletzt, weil immer mehr multimorbide Patienten behandelt werden. Im internationalen Vergleich ist die Personalausstattung in deutschen Krankenhäusern eher niedrig. Nach der aktuellen OECD-Gesundheitsstatistik (siehe Beitrag in diesem Heft) sichern 10,8 Mitarbeiter je 1 000 Einwohner die Versorgung. In Österreich sind es 15,3.
Nach Ansicht des Deutschen Pflegerats (DPR) zeigte die dip-Studie einmal mehr die sehr angespannte Personalsituation der Pflege in den Krankenhäusern. Der DPR fordert Politik und Selbstverwaltungspartner auf, den Stellenabbau zu stoppen. Weniger dramatisch sieht die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) die Situation. „Trotz sinkender Budgets und Einschränkungen beim Personal und der Bettenzahl bieten die deutschen Krankenhäuser einen erstklassigen Standard bei der Patientenversorgung“, stellte ein DKG-Sprecher auf Anfrage klar. Allerdings ist auch die DKG der Ansicht, eine weitere Personalverknappung gefährde die Versorgungsqualität. Allein im Jahr 2007 würden den Krankenhäusern rund 700 Millionen Euro entzogen – durch den Sanierungsbeitrag und das Arzneimittelversorgungs-Wirtschaftlichkeitsgesetz. Mit dieser Summe könnten 14 000 Pflegekräfte finanziert werden, gibt die DKG zu bedenken.
Das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium sieht unterdessen die Krankenhäuser in der Pflicht. Die Studie könne für die Verantwortlichen in den Krankenhäusern eine gute Orientierung zur Bewältigung ihrer Arbeit sein. Für die Regierung bestehe keine unmittelbare Handlungsmöglichkeit. „Die gesetzlichen Rahmenbedingungen zur Qualitätssicherung sind geschaffen und deutlich. Bei unzureichender Umsetzung sind hier erstmal die Krankenhausaufsicht der Länder und die Krankenhäuser selbst gefordert“, betont auch die Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Helga Kühn-Mengel. Vermehrte Beschwerden von Patienten wegen schlechter Pflege in Krankenhäusern hat sie bisher nicht festgestellt: „Natürlich wenden sich Patienten in diesem Punkt an mich, aber eine Zunahme ist nicht zu verzeichnen.“ Ganz anders sieht die Einschätzung von Verbraucherschützern aus. „Wir haben mehr Anfragen und mehr Beschwerden“, sagt Dieter Lang vom Verbraucherzentrale Bundesverband. Dafür gebe es allerdings zwei mögliche Ursachen, räumt er ein: veränderte Verhältnisse und die wachsende Bereitschaft der Patienten, ihrem Unmut Luft zu machen.
Durch die dip-Studie bestätigt sieht sich die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi. Schon mehrfach habe man auf die mit den Stellenkürzungen in der Pflege verbundenen Probleme hingewiesen. „Die Arbeitsbedingungen sind außerdem auch für die Mitarbeiter gesundheitsschädlich“, kritisiert Dirk Völpel-Haus, Verdi-Bundesfachgrupenleiter Krankenhäuser. Fehler, die auf Defizite in der Organisation in den Krankenhäusern zurückzuführen seien, kämen unterdessen nur selten ans Licht: „Da wird noch viel unter der Decke gehalten.“
Dr. med. Birgit Hibbeler

Das „Pflege-Thermometer“ im
Internet: www.aerzteblatt.de/plus3307
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