ArchivDeutsches Ärzteblatt33/2007Personalabbau in der Pflege: Nebensache Patient

MEDIZIN: Kommentare

Personalabbau in der Pflege: Nebensache Patient

Dtsch Arztebl 2007; 104(33): A-2242 / B-1984 / C-1916

Hibbeler, Birgit

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Wer Schmerzen hat, bekommt nicht sofort ein Schmerzmittel. Wer sich nicht drehen kann, liegt sich wund. Wer nicht selbst essen kann, wird zu schnell gefüttert. Sind das Einzelfälle in deutschen Krankenhäusern? Nein, meint das Deutsche Institut für angewandte Pflegeforschung (dip), solche Beispiele für schlechte Pflege gebe es häufig. In einer Studie, dem „Pflege-Thermometer“, kommt das dip zu dem Schluss, besonders Pflegebedürftige und frisch Operierte seien gefährdet. Ist also die Qualität aus den Krankenzimmern verschwunden, während in den Eingangsbereichen der Kliniken die Qualitätssiegel und Zertifizierungsurkunden an der Wand hängen?
Man kann daran zweifeln, ob die dip-Studie wirklich aussagekräftig ist. Aber die Zahlen des Statistischen Bundesamts sprechen für sich: Fast 50 000 Pflegestellen sind in den letzten zehn Jahren weggefallen, die Belastung in den Krankenhäusern nimmt unterdessen zu. Die Fallzahlen sind gestiegen, die Verweildauer gesunken. Immer mehr multimorbide Patienten müssen versorgt werden. Und gerade die brauchen eine gute Pflege. Sonst macht das Krankenhaus sie krank. Wenn alte Patienten nicht mobilisiert und Bettlägrige nicht umgelagert werden, dann ist das verheerend.
Trotzdem müssten Patienten künftig nicht damit rechnen, dass Krankenhäuser aus Sicherheitsgründen geschlossen werden, versichert die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG). Die Ergebnisse des Pflege-Thermometers will man nicht so recht bestätigen – immerhin würde man damit ja die eigene Qualität anzweifeln. Dementieren will die DKG die Auswirkungen der Sparmaßnahmen allerdings auch nicht. Denn die „höhere Arbeitsverdichtung in der Pflege“ ist ein gutes Argument gegen weitere finanzielle Belastungen, die auf die Krankenhäuser mit dem Sanierungsbeitrag und weiteren Spargesetzen zukommen. Mit dem Geld, das den Krankenhäusern dadurch in diesem Jahr entzogen werde, könne man 14 000 Pflegekräfte finanzieren. Aber will die DKG das überhaupt? Internationale Vergleichszahlen wertet die DKG wenige Tage nach der Veröffentlichung der dip-Umfrage als Beweis für die Effizienz deutscher Krankenhäuser. Da stört es plötzlich nicht mehr, dass man hierzulande mit relativ wenig Personal arbeitet. Dem Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium kann es nur recht sein, dass die DKG argumentativ in der Zwickmühle steckt: So dramatisch kann die Kostendämpfung ja nicht sein, wenn exzellente Qualität möglich ist.
Jeder versucht, dem anderen den Schwarzen Peter zuzuschieben. Das gilt auch für den Deutschen Pflegerat (DPR). Denn wer ist indirekt schuld am Personalabbau in der Pflege? Die Ärzte natürlich, die haben schließlich zusätzliche Stellen bekommen. Dass mehr Ärzte dringend notwendig waren und noch sind, ignoriert der DPR, er beklagt lieber die Überstunden in der Pflege. Gelegen kommt es dem DPR, dass die Pflegedirektoren vom dip auch zu möglichen neuen Tätigkeitsfeldern für Pflegeberufe befragt wurden. Erwartungsgemäß befürworteten sie mit breiter Mehrheit, die Pflegekräfte sollten Arbeiten aus dem ärztlichen Aufgabenbereich übernehmen.
Die Verknüpfung beider Themen in einer Untersuchung ist widersprüchlich. Was schließlich nutzt eine Pflegekraft, die alleinverantwortlich Wundmanagement betreibt, wenn niemand da ist, der den Patienten regelmäßig dreht? Ohne-hin scheint der Blick für den Patienten in der Debatte irgendwie verloren gegangen zu sein. Das ist bedenklich. Denn diejenigen, die unter einer schlechten Pflege leiden, sind Schwerkranke und Hilfsbedürftige. Gerade diese Patienten sind aber kaum dazu in der Lage, sich zu beschweren.

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