ArchivDeutsches Ärzteblatt33/2007Restaurierungen: Kunstgeschichte mit Röntgen und Endoskopie

KULTUR

Restaurierungen: Kunstgeschichte mit Röntgen und Endoskopie

Dtsch Arztebl 2007; 104(33): A-2292 / B-2032 / C-1964

Klinkhammer, Gisela

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Köln, St. Maria im Kapitol, Gabelkreuz in der Chorumgangskapelle
Köln, St. Maria im Kapitol, Gabelkreuz in der Chorumgangskapelle
Das Gabelkreuz der Kölner Kirche St. Maria im Kapitol konnte mithilfe diagnostischer Verfahren aus der Medizin datiert werden. Im Inneren fand man mehr als 50 Reliquien.

Er wurde im letzten Jahr in der Kölner Presse als Sensation bezeichnet – der Reliquienfund im Gabelkreuz der Kirche St. Maria im Kapitol. Im Inneren des hölzernen Christus wurden mehr als 50 Reliquien gefunden, darunter die des Evangelisten Lukas, des heiligen Laurentius, der heiligen Odilia und der heiligen Christine. Doch wie ist es zu diesem Fund gekommen?
Ursprünglich sollte das Gabelkreuz, das in der Kunstgeschichte wegen des stark leidenden Ausdrucks als „Crucifixus dolorosus“ bezeichnet wird, „nur“ restauriert werden. Das Kruzifix gilt seit Langem als eines der Hauptwerke der europäischen Skulptur des frühen 14. Jahrhunderts. Seine Entstehung wird seit dem 17. Jahrhundert auf das Jahr 1304 datiert.
Im Zuge der Untersuchungen hatte man festgestellt, dass der Korpus eine stark verschmutzte Drittfassung aus der Neuzeit trug, die die darunterliegenden Schichten vom Untergrund zu lösen begann. Um Gefahr für den mittelalterlichen Bestand abzuwenden, musste sie entfernt werden. „Das geschah in mühseliger Arbeit mit dem Skalpell, weil sich die Verwendung von chemischen Lösemitteln mit Rücksicht auf die alte Fassung verbot“, berichtet der Kunsthistoriker Dr. phil. Godehard Hoffmann vom Landschaftsverband Rheinland – Rheinisches Amt für Denkmalpflege in der Einleitung des Buchs „Das Gabelkreuz in St. Maria im Kapitol zu Köln“*.
Doch mithilfe diagnostischer Verfahren kamen Kunsthistoriker und Restauratoren zu ganz neuen Erkenntnissen: Im Rahmen der Restaurierung wurde das Kruzifix auch geröntgt.
Köln, St. Maria im Kapitol, Gabelkreuz, Röntgenaufnahme des Hohlraums im Brustkorb. Hier ruhen die Reliquien, die im Röntgenbild jedoch nicht sichtbar werden. Abbildungen entnommen aus: Godehard Hoffmann, Das Gabelkreuz in St. Maria im Kapitol
Köln, St. Maria im Kapitol, Gabelkreuz, Röntgenaufnahme des Hohlraums im Brustkorb. Hier ruhen die Reliquien, die im Röntgenbild jedoch nicht sichtbar werden.
Abbildungen entnommen aus: Godehard Hoffmann, Das Gabelkreuz in St. Maria im Kapitol
Und diese Röntgenaufnahmen führten dann zu der Entdeckung der Reliquien in einem bisher nicht bekannten Hohlraum im Brustkorb. In seinen „Staurologia Coloniensis“ hatte der Kölner Stiftsherr Aegidius Gelenius zwar schon im Jahr 1636 vermerkt, dass sich im Crucifixus dolorosus aus St. Maria im Kapitol zahlreiche Reliquien befinden würden und zählte diese namentlich auf. Im Jahr 1304 seien sie durch Weihbischof Heinrich anlässlich der Weihe des Kreuzes am 4. Dezember hineingelegt worden. Die Reliquien selbst kannte aber niemand. Es galt nicht mal als sicher, dass sich im Korpus überhaupt (noch) Reliquien befinden würden.
Erst mithilfe von Röntgenaufnahmen und anschließenden endoskopischen Untersuchungen konnten die eingeschlossenen Reliquien überprüft werden. Der Hohlraum war zerstörungsfrei zugänglich durch die Seitenwunde, durch die, so Hoffmann, ein Endoskop ungehindert eingeführt werden konnte. Die in überwiegend rosa und teilweise grünem Seidenstoff eingewickelten Reliquien sind größtenteils mit Cedulae, Pergamentstreifen mit den Namen der Reliqien, versehen. Im Rahmen der videoendoskopischen Untersuchung ließen sich 32 Cedulae einzeln filmen. „Es kann kein Zweifel bestehen: Es handelt sich nicht um die Reliquien, die Gelenius 1636 aufgezählt hat, denn von dem bei Weitem größten Teil der bei ihm verzeichneten Reliquien finden wir in dem Kreuz keine.“ Damit ist auch die Datierung in das Jahr 1304 fraglich. Als Entstehungszeit ist Hoffmann zufolge jedoch in jedem Fall das späte 13. oder frühe 14. Jahrhundert anzunehmen.
* Godehard Hoffmann: Das Gabelkreuz in St. Maria im Kapitol zu Köln und das Phänomen der Crucifixi dolorosa in Europa, Arbeitsheft der rheinischen Denkmalpflege 69,Wernersche Verlagsgesellschaft, Worms, 2006, 208 Seiten, ISBN 3-88462-240-4, 39 Euro
* Godehard Hoffmann: Das Gabelkreuz in St. Maria im Kapitol zu Köln und das Phänomen der Crucifixi dolorosa in Europa, Arbeitsheft der rheinischen Denkmalpflege 69,Wernersche Verlagsgesellschaft, Worms, 2006, 208 Seiten, ISBN 3-88462-240-4, 39 Euro
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Die Restaurierung und Überprüfung eines Kruzifixes mithilfe von Skalpell, Röntgengerät und Endoskop ist keine Seltenheit. Der Landschaftsverband Rheinland untersucht zum Beispiel zurzeit ein etwa aus dem Jahr 1000 stammendes Kruzifix aus Düsseldorf-Gerresheim. Durchleuchtet wird es, wie Hoffmann erläutert, mit einem Röntgengerät aus dem früheren Landeskrankenhaus in Pulheim-Brauweiler, dessen Benutzung für Patienten heute nicht mehr zulässig wäre.
Gisela Klinkhammer

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