ArchivDeutsches Ärzteblatt13/1997Kassenärztliche Bundesvereinigung: Knappe Mehrheit für Dr. Winfried Schorre

POLITIK: Leitartikel

Kassenärztliche Bundesvereinigung: Knappe Mehrheit für Dr. Winfried Schorre

Maus, Josef

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Die Wahlen zum Vorstand der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) sind entschieden: Dr. Winfried Schorre setzte sich - denkbar knapp - gegen den Berliner KV-Chef Dr. Manfred Richter-Reichhelm durch. Auch die übrigen Wahlgänge verliefen äußerst spannend und endeten zumeist mit nur wenigen Stimmen Vorsprung. Die Gretchenfrage an alle Kandidaten lautete: Wie geht es weiter mit den Praxisbudgets? Eine Frage, an der sich die Geister schieden.


Einen derart großen Andrang auf die insgesamt neun Positionen im Vorstand der Kassenärztlichen Bundesvereinigung hatte es wohl nie zuvor gegeben: Immerhin 19 Kandidaten stellten sich in den verschiedenen Wahlgängen den Delegierten - einige davon gleich mehrfach. Es waren Richtungswahlen, an deren Ende einige faustdicke Überraschungen standen.
Der Wahltag begann mit einem schrillen Pfeifkonzert. Mehrere hundert Hautärzte bereiteten den Delegierten im Kölner Maritim Hotel mit Trillerpfeifen und Rasseln einen ohrenbetäubenden "Empfang" - mit Transparenten und Spruchbändern demonstrierten sie den aufgestauten Unmut über die Honorarsituation und beschworen angesichts der vorgesehenen Praxisbudgets den finanziellen Untergang der Kollegen.

Wechsel beimVV-Vorsitz
Die Wahlen zum Vorstand der KBV - das unterstrich die Demonstration der Dermatologen nachhaltig - standen unter dem Eindruck der EBM-Reform und ihrer Auswirkungen. Deutlich wurde dies schon im ersten Wahlgang um den Vorsitz der Ver­tre­ter­ver­samm­lung. Zur Wahl standen der bisherige Amtsinhaber, Sanitätsrat Peter Sauermann (KV Trier), und der Gynäkologe Dr. Helmut Klemm (KV Bayerns). Klemm bezeichnete sich bei seiner Vorstellung als erklärten Gegner der EBM-Reform und der Praxisbudgets - und gewann. 58 Delegierte votierten für ihn, während auf Sauermann lediglich 51 Stimmen entfielen. Zum stellvertretenden Vorsitzenden der Ver­tre­ter­ver­samm­lung wählten die Delegierten Dr. Michael Hammer (KV Nordrhein). Unmittelbar danach stand die Wahl des Ersten Vorsitzenden der Kassenärztlichen Bundesvereinigung an. Es kandidierten Dr. Winfried Schorre und der Berliner KV-Chef Dr. Manfred Richter-Reichhelm. Während Richter-Reichhelm die EBM-Reform als Katastrophe brandmarkte und die Praxisbudgets als puren Sozialismus bezeichnete, wertete Schorre das neue Vergütungsmodell als unverzichtbare Voraussetzung für alle weiteren Entwicklungen innerhalb der ambulanten Versorgung. Mit den Praxisbudgets habe die KBV der Politik bewiesen, daß die Kassenärzte das System aus eigener Kraft heraus regeln könnten, betonte der amtierende KBV-Vorsitzende. Schorre verwies in diesem Zusammenhang auf den konstruktiven Dialog mit dem Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter, der immerhin zu einigen Verbesserungen geführt habe. So seien 600 Millionen DM für die hausärztliche Vergütung und 240 Millionen DM für die Kollegen in den neuen Bundesländern zusätzlich zur Verfügung gestellt worden. Die anstehende Gesundheitsreform werde mit der Einführung fester Punktwerte und der Ablösung der Arzneimittelbudgets weitere Fortschritte bringen. Die Entscheidung fiel schließlich mit 56 Stimmen für Schorre gegenüber 54 Stimmen für Richter-Reichhelm denkbar knapp aus. Ebenso die Wahl des Zweiten Vorsitzenden: Dr. Eckhard Weisner, KV-Vorsitzender in Schleswig-Holstein, setzte sich mit zwei Stimmen Vorsprung gegen Dr. Werner Baumgärtner durch. Auch Baumgärtner hatte sich zuvor entschieden gegen die Praxisbudgets ausgesprochen und zugleich die Ablösung der "KBV-Verwaltungsspitze" gefordert.


Dr. Wittek ohne Chance
Ein prominentes Opfer forderten die Praxisbudgets dennoch: Dr. Lothar Wittek, KV-Vorsitzender in Bayern und Vorsitzender der KBV-Gebührenordnungskommission, schaffte den erneuten Sprung in den KBVVorstand nicht mehr. Er unterlag bei der Wahl des 1. Beisitzers Dr. Manfred Richter-Reichhelm und mußte sich auch bei einem zweiten Anlauf - diesmal gegen seinen bayerischen Gegenkandidaten Dr. Rüdiger Pötsch - geschlagen geben. Wittek hatte vergeblich versucht, die Praxisbudgets als den Ausgangspunkt auf dem Weg aus der Honorarbudgetierung zu markieren. Dem bayerischen KV-Vorsitzenden wurde vermutlich die Hauptverantwortung für die EBM-Reform und für die sich daran anschließenden honorarpolitischen Entscheidungen angelastet.
Neben Richter-Reichhelm und Pötsch wählten die Delegierten folgende Beisitzer in den KBV-Vorstand: Dr. Ulrich Oesingmann, Dr. Klaus Penndorf, Professor Dr. Wolfgang Brech, Dr. Michael Späth und Dr. Jürgen Bausch. Im neuen Vorstand gibt es keinen Vertreter der außerordentlichen Mitglieder (das sind die Krankenhausärzte) mehr. Dr. Oliver Funken, der diese Funktion bisher wahrgenommen hatte, scheiterte bei zwei Wahlgängen. Die Delegierten wählten Funken - gemeinsam mit Professor Dr. Detlef Kunze - statt dessen als Vertreter der außerordentlichen Mitglieder in den Länderausschuß. Nach dem Wahlmarathon über sechs Stunden sprach der alte und neue KBV-Vorsitzende "von einem ungewöhnlich spannenden Tag". Schorre zeigte sich zugleich zuversichtlich: "Es gibt kaum ein Problem, das nicht gelöst werden kann - jetzt, nachdem sich der Pulverdampf verzogen hat."


Dr. Schorre: Probleme gemeinsam lösen
Dem neuen Vorstand bleibt jedoch nicht viel Zeit, um sich zu finden. Immerhin stehen die parlamentarischen Beratungen der Seehoferschen Gesundheitsreform unmittelbar vor dem Abschluß. In dieser Phase muß die Kassenärzteschaft geschlossen auftreten, um dem Anspruch "Vorrang für die Selbstverwaltung" gerecht werden zu können.
Der alte und neue KBV-Vorsitzende formulierte das zum Abschluß der konstituierenden Ver­tre­ter­ver­samm­lung so: "Packen wir es an, lösen wir die Probleme gemeinsam und halten wir zusammen." Josef Maus

Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote