ArchivDeutsches Ärzteblatt33/2007Ausbildung im praktischen Jahr: Die Lehre verbessern

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Ausbildung im praktischen Jahr: Die Lehre verbessern

Dtsch Arztebl 2007; 104(33): A-2303 / B-2039 / C-1971

Brauer, Robert; Mornau, Max; Ring, Johannes

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Foto: picture alliance/ZB
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Am Klinikum rechts der Isar wurden neue Konzepte für die Ausbildung im praktischen Jahr erarbeitet.

Durch die Einführung der 9. Novelle der Approbationsordnung für Ärzte entstand die Situation, dass das praktische Jahr (PJ) von den Studierenden nach dreijährigem klinischem Studium ohne weitere Zwischenprüfung angetreten werden kann. Das führt dazu, dass zahlreiche Studierende den PJ-Status erreichen, ohne über abgeprüftes Grundwissen zu verfügen. In der Folge kommt der Lehre – und auch der Vermittlung theoretischer und systematischer Inhalte – während des PJ eine neue und bislang oft so noch nicht empfundene Bedeutung zu.
Dies ist besonders wichtig im Hinblick auf das am Ende des Studiums – also nach Abschluss des PJ – zu absolvierende „Hammerexamen“. Durch die Lehrveranstaltungen im PJ in der bisherigen Form werden die Studierenden nur ungenügend auf diese alles entscheidende Prüfung vorbereitet.
Ein weiteres Problem ist die Heterogenität der Abteilungen und Krankenhäuser, in denen das PJ abgeleistet werden kann. Die Ausbildung kann sowohl am Universitätsklinikum als auch in akademischen Lehrkrankenhäusern der Fakultät oder an ausländischen Kliniken absolviert werden. Insbesondere Letztere unterliegen de facto keiner „Qualitätskontrolle“.
In Zusammenarbeit mit Vertretern der Fachschaft für Medizin der Technischen Universität München (TUM) und Mitgliedern des Arbeitsgruppe „Praktisches Jahr“ des Klinikums rechts der Isar wurden neue strukturelle und inhaltliche Konzepte entwickelt und zum Teil eingeführt:
Ausbildungsberechtigung im PJ. Es sollen verstärkt Kriterien festgelegt werden zur Qualitätssicherung der Ausbildung im PJ. Vor allem die Absolvierung von Tertialen im Ausland soll strengeren Kontrollen unterzogen werden. Angeregt wird, Kooperationsverträge mit bestimmten Kliniken im Ausland zu schließen. Sofern dies nicht möglich ist, ist die Vorlage von Ergebnissen und Daten des Krankenhauses zu prüfen, bevor eine Genehmigung zur Ableistung eines PJ-Tertials gegeben wird. Die Dauer soll auf ein Tertial im Ausland begrenzt werden. Nur mit Sondergenehmigung können weitere Tertiale abgeleistet werden. Mindestens zwei Tertiale müssen an den anerkannten Kliniken oder Lehrkrankenhäusern der Fakultät für Medizin der TUM absolviert werden.
Namensänderung. Die Bezeichnung PJ-Student wird oft abwertend von anderen Klinikangestellten verwendet. Die Einführung des Begriffs „Unterassistent“ oder „Medizinalassistent“ würde den Status des künftigen Arztes anheben und die Signale der Umstrukturierung verdeutlichen.
Vergütung. PJler sind per definitionem auch praktisch tätig und erbringen unter Aufsicht Leistungen für die Klinik. Dies sollte analog zu anderen Studiengängen durch ein Praktikantengehalt honoriert werden.
Inhaltliche Änderungen. Für größere klinische Fächer sollen Logbücher erarbeitet werden, die das Curriculum während des viermonatigen Zeitraums in der Abteilung beschreiben. Diese Logbücher sollen auch einen exemplarischen Tagesablauf nebst angebotener Lehrveranstaltungen und Ausbildungsinhalten enthalten. Die Logbücher werden als PDF-Dateien im Internet der Universität hinterlegt und können vor Wahl des PJ von den Studierenden zur Orientierung heruntergeladen werden. Praktische Lehrinhalte beschreiben etwa im chirurgischen Bereich Assistenzen bei Operationen oder die Durchführung von Hautnähten. PJler sollen an Routineuntersuchungen (zum Beispiel Ultraschalluntersuchungen, EKG, EEG) teilnehmen. In die praktische Ausbildung wird auch das Pflegepersonal mit einbezogen (Einweisungen in täglich benutzte Geräte sowie die Organisation von Patientenkurven, Anlegen von Verbänden etc.). Wenn möglich, soll innerhalb eines Tertials ein Rotationsplan erstellt werden. Die PJler werden in das Ärzteteam der jeweiligen Einheit integriert. Sie nehmen ungefiltert an der Patientenversorgung in der ersten Linie teil. Auch sollen die Studierenden an das Verfassen von Arztbriefen und Patientenvorstellungen herangeführt werden. Zur erfolgreichen Absolvierung eines PJ-Tertials ist die Erbringung von 70 Prozent der geplanten Logbuch-Leistung nachzuweisen. Anderenfalls gilt das praktische Jahr als „nicht erfüllt“ und verlängert sich um zwei Wochen.
Mentorenschaft. Jedem Studierenden wird ein erfahrener Mentor zugeteilt, der als Anlaufstelle für allgemeine berufsbegleitende Fragestellungen dient. Der Mentor soll sich mindestens einmal im Monat mit dem PJler zusammensetzen und die Ausbildungssituation besprechen.
Teilnahme am Nacht- und Bereitschaftsdienst. PJler sollen die Möglichkeit erhalten, an den Nacht- und Bereitschaftsdiensten teilzunehmen (mit Freizeitausgleich nach dem Arbeitszeitschutzgesetz).
Stärkung der Eigenverantwortung. Den Studierenden sollen im Rahmen ihrer Tätigkeit im PJ eigene Patienten zugewiesen werden, die sie vom Zeitpunkt der Aufnahme bis zur Entlassung mit betreuen. Sie sind in alle wesentlichen Schritte von Diagnostik, Therapie, Prävention und Entlassungsbrief einzubinden.
Einbindung in die Lehrveranstaltungen. PJler werden aufgefordert, an den Lehrveranstaltungen der jeweiligen Klinik teilzunehmen, auch an den Lehrvisiten/-besprechungen. Ferner müssen wöchentlich mindestens zwei Lehrveranstaltungen für PJ-Studenten von den Hochschullehrern der Klinik angeboten werden. Im Rahmen dieser Kolloquien werden die Studenten dazu angehalten, Kurzreferate über selbstständig erarbeitete Themen sowie Fallvorstellungen zu präsentieren. Die hierfür erbrachte Lehrleistung muss für die Hochschullehrer im Rahmen des Pflichtlehrdeputats anerkannt oder gesondert vergütet werden.
Evaluation. Jeder PJler ist verpflichtet, nach Ende des Tertials eine Evaluation im Hinblick auf Inhalt und Struktur vorzunehmen und dem Studiendekanat zu übermitteln.
Vorziehen des schriftlichen Teils der zweiten ärztlichen Prüfung vor Antritt des PJ. In allen Fachbereichen fällt seit der Umstellung auf die neue Approbationsordnung auf, dass ein großer Teil der Studierenden zu Beginn des PJ über einen geringeren theoretischen Kenntnisstand verfügt. Hier wäre eine Änderung wünschenswert. Das Vorziehen der theoretischen Prüfung vor das PJ würde gewährleisten, dass die Studierenden eine Art Eingangsprüfung bestehen müssten und vor einem generalisierten Patientenkontakt das theoretische Hintergrundwissen erarbeitet haben.
Einige dieser Verbesserungsvorschläge wurden bereits erfolgreich an der chirurgischen Klinik des Klinikums rechts der Isar eingeführt. Vor allem die Teilnahme der Studierenden am Nachtdienst, die Verdoppelung der Lehrveranstaltungen und die Einführung der Logbücher verbesserten die Ausbildung. Eine Klinik stellt inzwischen kostenfreies Mittagessen für die PJler bereit. Andere Veränderungen können nur politisch veranlasst werden und benötigen die Unterstützung auf breiter Basis.
Priv.-Doz. Dr. Robert Brauer, Dr. Max Mornau,
Prof. Dr. Johannes Ring
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