ArchivDeutsches Ärzteblatt33/2007Von schräg unten: Falschfahrt

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Falschfahrt

Dtsch Arztebl 2007; 104(33): [188]

Böhmeke, Thomas

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Die Sonne scheint, das Budget ist gedeckelt; höchste Zeit also, den Depressionen deutscher Medizin den Rücken zu kehren und in die Ferne zu fahren. Ich transferiere meine geliebte Frau in das Auto, stelle das Navigationsgerät auf den sonnigen Süden ein und fahre in die entgegengesetzte Richtung. Nach zwanzig Metern fordert mich das freundliche Navi-Girl auf: „Drehen Sie – wenn möglich – um.“ Ich genieße es. Wie sie es ohne einen malignen Nachsatz wie „Wenn Sie es nicht tun, dann kriegen Sie einen saftigen Regress!“ oder „Im anderen Falle zerre ich Sie vor die Presse oder den Staatsanwalt!“ mit stoischer Ruhe wiederholt: „Drehen Sie – wenn möglich – um.“ Ich suhle mich in dem unaufdringlichen freundlichen Ton der Navi-Tussi wie eine Endoskopiekapsel in den Dünndarmschlingen. Jede Wiederholung ist Balsam auf meiner medizinischen Seele, vergrößert den Abstand zu meiner täglichen Arbeit. Ist es nicht so, dass von uns verlangt wird, dass wir unseren Beruf in einer schier aberwitzigen Perfektion ausüben sollen? Dass Komplikationen oder Störwirkungen etwas sind, was uns als Fehler angelastet wird? Dass wir sogar dem Schicksal ein Schnippchen schlagen sollen? Und alles zu den immer schwindsüchtigeren Konditionen deutscher Bürokratenmedizin? Wenn es aber nicht funktioniert, wenn die Wartezeit für eine Operation oder eine MRT zu lang ist, wer ist daran schuld?! „Drehen Sie – wenn möglich – um.“ Man kann sich nach allen Regeln der Kunst bemühen und trotzdem nicht diesen Strangulationsileus lösen, der durch die Ansprüche moderner Medizin und der Rationierung deutscher Magermedizin entsteht. Muss man günstige Medikamente verordnen, schreien die Patienten auf; dauern die Wartezeiten für Untersuchungen zu lang, steht man in der Zeitung; tritt bei einer Operation eine Nachblutung auf, kriegt man Post vom Rechtsanwalt. Was man auch tut, man kriegt was um die Ohren, auch wenn man alles nach bestem Wissen und Gewissen macht. Aber jetzt sitze ich hier, fahre in die völlig falsche Richtung und lausche verzückt der angenehmen Stimme des Navi-Girls: „Drehen Sie – wenn möglich – um.“ Und sie schreit nicht mit mir, sie droht mir nicht, sie klagt mich nicht an – ist es nicht schön? Ach, wenn ich doch nur . . .
„Dieses Jahr ist es in der Praxis viel schlimmer als letztes, nicht wahr?“, reißt mich meine Frau aus meinen Gedanken. Stimmt, aber wie kommt sie darauf?
„Letztes Jahr bist du nur eine viertel Stunde falsch gefahren, jetzt sind es schon zwei . . .“


Dr. med. Thomas Böhmeke ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.
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