ArchivDeutsches Ärzteblatt34-35/2007Das Porträt: Prof. Dr. Ernst-Ludwig Winnacker, Generalsekretär des Europäischen Forschungsrats – Nur der Exzellenz verpflichtet

POLITIK: Porträt

Das Porträt: Prof. Dr. Ernst-Ludwig Winnacker, Generalsekretär des Europäischen Forschungsrats – Nur der Exzellenz verpflichtet

Dtsch Arztebl 2007; 104(34-35): A-2314 / B-2050 / C-1982

Spielberg, Petra

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Foto: dpa Ernst-Ludwig Winnacker: „Die Nachwuchsförderung ist eine der großen Schwächen der europäischen Forschungsförderung.“
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Ernst-Ludwig Winnacker: „Die Nachwuchsförderung ist eine der großen Schwächen der europäischen Forschungsförderung.“
Als neuer Generalsekretär des Europäischen Forschungsrats setzt sich der 65-jährige Biochemiker für die Förderung der Spitzenforschung in der EU ein.

Der Seitenhieb sitzt: Glücklicherweise werde ihm nicht unterstellt, er sei mit 65 Jahren zu alt zum Denken, sagt Professor Ernst-Ludwig Winnacker mit Blick auf das gesetzliche Rentenalter. Im Gegenteil: Dem renommierten Biochemiker traut man zu, im Pensionsalter sogar noch Aufbauarbeit leisten zu können. Seit Januar dieses Jahres besetzt Winnacker den Posten des Generalsekretärs des Europäischen Forschungsrats (EFR) in Brüssel. Vorher war er neun Jahre lang Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Seine neue Aufgabe geht er mit Humor und der nötigen Portion Pioniergeist an. Die Büroräume des EFR in der fünften und sechsten Etage des Glaspalasts Madou Plaza nahe des Brüsseler Zentrums seien überraschend schön, bekennt Winnacker lachend. Überhaupt habe er festgestellt, dass es sich in der EU-Hauptstadt gut leben lasse, so der Genforscher, dessen internationale wissenschaftliche Laufbahn an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich begann.
In seiner Funktion als Generalsekretär des EFR muss sich der 65-Jährige allerdings nicht nur um den organisatorischen Teil beim Aufbau der neu geschaffenen Forschungseinrichtung der Europäischen Union (EU) mit rund 300 Mitarbeitern kümmern. Zusammen mit dem Präsidenten des EFR, dem ehemaligen Direktor des Europäischen Labors für Molekularbiologie in Heidelberg, Prof. Fotis Kafatos, sowie einem internationalen Gutachtergremium ist Winnacker auch dafür verantwortlich, künftig Spitzenforschung in Europa gezielt zu fördern.
Dafür stehen dem EFR zunächst bis Ende 2013 jährlich Forschungsgelder in Höhe von rund einer Milliarde Euro zur Verfügung. Rund 40 Prozent davon sollen an Forschungsvorhaben in der Medizin und den Lebenswissenschaften gehen. Den Rest teilen sich Forscher aus den Natur- und Ingenieurwissenschaften (45 Prozent) sowie den Geistes- und Sozialwissenschaften (15 Prozent).
Zuschüsse nur für die Besten
Die Zeit, um als erster Generalsekretär des EFR die richtigen Weichen zu stellen, ist denkbar knapp. Denn Winnacker muss sein Amt bereits Mitte 2009 an seinen Nachfolger übergeben. Hinzu kommt, dass mit der Einrichtung des EFR eine völlig neue Denkweise in der europäischen Förderpolitik einsetzen soll. Bislang wurden Fördergelder vor allem nach regionalem Proporz verteilt. Künftig sollen nur noch die besten Wissenschaftler Zuschüsse aus dem EU-Topf erhalten, unabhängig von ihrer Nationalität und letzten Wirkungsstätte. Entscheidend ist, dass sie in Europa forschen. Gefördert werden sollen außerdem vornehmlich interdisziplinäre Vorhaben, deren Ziel es ist, komplexe Systeme, wie das menschliche Gehirn, zu ergründen. „Wenn ein Großteil der Mittel künftig nach Großbritannien geht, dann ist das halt so. Wie wir das dann allerdings politisch durchstehen, ist eine andere Frage“, sagt Winnacker.
In der Vergangenheit hat der Wissenschaftler immerhin bewiesen, dass er die Konfrontation mit der Politik nicht scheut. So hat Winnacker als Mitglied des Nationalen Ethikrats wiederholt auf die „katastrophalen Folgen“ der Gentechnikgesetzgebung in Deutschland hingewiesen, durch die deutsche Forscher seiner Meinung nach international ins Hintertreffen gerieten. Er habe auch weiterhin vor, sich in die Politik einzumischen, kündigt Winnacker an. Dabei setzt er auch darauf, dass die EU-Kommission ihr Versprechen hält, die wissenschaftliche Autonomie des Forschungsrats zu schützen.
Besonders am Herzen liegt dem EFR-Generalsekretär, jungen Forschern in Europa neue Perspektiven zu bieten. „Die Nachwuchsförderung ist eine der großen Schwächen der europäischen Forschungsförderung“, kritisiert Winnacker. Bedarf an finanzieller Unterstützung scheint es jedenfalls ausreichend zu geben. 9 167 junge Forscher nutzten die Chance, bei einer ersten Bewerbungsrunde bis Ende April einen Antrag auf Forschungsförderung durch den EFR einzureichen. „Das hat all unsere Erwartungen weit übertroffen“, sagt Winnacker. „Wenn Sie alle Anträge auf dem Fußboden ausbreiten, füllt das locker zwei Büroräume.“
Die Auswahl ist streng. Mehr als 8 000 Kandidaten sind bereits durchs Raster gefallen. Bis Ende des Jahres soll feststehen, wer von den verbleibenden 559 Bewerbern Fördermittel bekommen wird. Nur schätzungsweise die Hälfte der Aspiranten kann auf Zuschüsse von bis zu 400 000 Euro jährlich über einen Zeitraum von fünf Jahren durch den EFR hoffen.
USA und Japan weiter vorn
Stolz fügt Winnacker hinzu, dass sich der EFR in die Riege der größten Förderorganisationen weltweit einreihen werde, wenn die demnächst beginnende Bewerbungsrunde für etablierte Wissenschaftler auf ebenso großes Interesse stößt.
Doch die unübersehbare Begeisterung für sein neues Amt trübt seinen Blick für die Realitäten keineswegs. Winnacker glaubt, dass die EU ihr selbst gestecktes Ziel, bis zum Jahr 2010 in der Spitzenforschung zu einem ernst zu nehmenden Konkurrenten für die Vereinigten Staaten und Japan zu werden, auch mit dem EFR nicht erreichen werde.
Petra Spielberg
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