ArchivDeutsches Ärzteblatt34-35/2007Rabattverträge: Übermäßiger Aufwand für Ärzte und Apotheken

POLITIK

Rabattverträge: Übermäßiger Aufwand für Ärzte und Apotheken

Dtsch Arztebl 2007; 104(34-35): A-2316 / B-2051 / C-1983

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LNSLNS Seit dem 1. April gelten die neuen Rabattverträge. Was bedeutet das für den Alltag? Einige Stimmen aus der Praxis

In der Ewaldi-Apotheke im Kölner Norden sind 60 Prozent der Menschen, die hier ihre Medikamente abholen, Stammkunden. Stefanie Tiggelbeck kennt ihre Stammkunden fast alle mit Namen. Die 42-Jährige hört sich gern die Sorgen und Nöte der Menschen an und wird dafür von ihren Kunden sehr geschätzt. Seit dem 1. April hat die Geschäftsinhaberin der Apotheke allerdings weniger Zeit für ihre Kundschaft. Durch die neuen Rabattverträge zwischen Krankenkassen und Arzneimittelherstellern ist für Ärzte und Apotheker erheblich mehr Bürokratie entstanden. „Wir sind mit jedem Rezept nun wesentlich länger beschäftigt als vorher“, erklärt Tiggelbeck. „Es bleibt viel weniger Zeit, um sich wirklich um die Kunden zu kümmern.“
Die Software der Apotheke wird alle zwei Wochen aktualisiert. Nur so ist es möglich, den Überblick über die rabattierten Arzneien zu bewahren. Mit einem Knopfdruck können die Apotheker überprüfen, welches Medikament sie abgeben dürfen. „Besonders aufwendig ist es, wenn ein Kunde mehrere Medikamente braucht und kein Aut-idem-Kreuz gesetzt ist. Dann sind wir als Apotheker gefordert, und das bedeutet dann längere Wartezeiten für die anderen Kunden. Ich finde das inakzeptabel.“ Hat der Arzt hingegen die Substitution ausgeschlossen, darf nur dieses Medikament abgegeben werden, und die ganze Bürokratie entfällt. Fehlt das Kreuz, beginnt für die Apotheker die Sucherei in der Liste mit Medikamenten. Erst muss nachgesehen werden, ob das Medikament abgegeben werden darf, dann, ob es vorrätig ist. Die Software zeigt alle Arzneien der Anbieter an, mit der die jeweilige Krankenkasse Rabattverträge abgeschlossen hat. Kleinere Firmen haben durch die Fülle der Nachfrage teilweise Lieferschwierigkeiten. Es gibt häufiger sogenannte Defekte, also Storno oder nicht lieferbare Medikamente, als vorher. Mindestens eine Angestellte ist inzwischen täglich damit beschäftigt, den Großhändlern hinterherzutelefonieren. Ist die Ware lieferbar? Wo bleibt die Bestellung? „Meistens hängt man aber in der Warteschleife“, erklärt die Mitarbeiterin. In der Regel können die größeren Unternehmen zuverlässiger die geforderten Medikamente liefern.
Foto: Keystone Per Knopfdruck können sich die Apotheker einen Überblick über die rabattierten Medikamente verschaffen. Die entsprechende Software wird alle zwei Wochen aktualisiert.
Foto: Keystone
Per Knopfdruck können sich die Apotheker einen Überblick über die rabattierten Medikamente verschaffen. Die entsprechende Software wird alle zwei Wochen aktualisiert.
Apotheker bekommen den Unmut der Kunden zu spüren
„Ein weiteres Problem ist die Kundentoleranz“, sagt Tiggelbeck. Die Apotheken sind bei den neuen Rabattverträgen das letzte Glied in der Kette und „bekommen manchmal den ganzen Unmut der Kunden zu spüren“, beklagt die Apothekerin. „Nicht mit jedem, aber bestimmt mit jedem zweiten Kunden müssen wir diskutieren. Man hat da schon seinen Standardsatz.“ Viele sind erbost über den Wechsel der gewohnten Medikamente. Dies sei aber vor allem eine Generationsfrage, meint Tiggelbeck. „Generell sind junge Menschen da aufgeschlossener. Für ältere Patienten ist es häufig unverständlich, warum sie jahrelang eine blaue Pille nehmen mussten und nun plötzlich eine weiße.“ Selbstverständlich werde diesen Kunden dann erklärt, warum dies so sei, aber nicht immer stoße man damit auf Verständnis.
Ein älteres Ehepaar empört sich über die neue Gesetzgebung, während es die Herzmedikamente für den Mann abholt. „Ich finde das unmöglich. Nur um ein paar Cent zu sparen, muss mein Mann sich an ein neues Medikament gewöhnen“, schimpft eine ältere Dame über das neue Gesetz. Tiggelbeck kann den Unmut gut verstehen, ist aber machtlos. „Manchmal sind es nur zwei Cent Preisunterschied zwischen den einzelnen Medikamenten. Dadurch liegt das günstigere im unteren Preisdrittel der Medikamentenliste, und wir dürfen nur dieses abgeben. Solche kleinen Unterschiede machen uns das Leben schwer.“
Die Kunden fühlen sich zusätzlich durch Verpackungen und Namen der Medikamente irritiert. Diese können unterschiedlich aussehen und lauten, obwohl sie den gleichen Wirtstoff haben – es kommt eben darauf an, von welcher Firma sie produziert wurden. „Das sorgt bei den Patienten noch zusätzlich für Verwirrung und macht es schwieriger zu erklären, warum sie jetzt plötzlich ein anderes Medikament nehmen sollen.“
Die sogenannte Friedenspflicht gilt noch bis zum 30. September. Läuft sie aus, sieht Tiggelbeck noch mehr Chaos auf die Apotheken zukommen. Dann können diese nicht mehr ein anderes Medikament herausgeben, sollte das verschriebene nicht erhältlich sein. Dies bedeutet, dass auf die Apotheken Retaxationen zukommen können, sollten sie sich nicht an die vorgeschriebene Umsetzung der Rabattverträge halten.
Aber auch für Ärzte bedeuten die neuen Rabattverträge hauptsächlich mehr Bürokratie. Dr. med. Jochen Balkhausen, hausärztlicher Internist, kritisiert hauptsächlich die zusätzliche Arbeit, die bei Ärzten und Apothekern entstehe. „Die Arbeitszeit ist doch viel teurer als die tatsächliche Ersparnis. Das ist völlig unsinnige Verwaltungsarbeit.“
Gestörter Informationsfluss zwischen Arzt und Patient
Balkhausen sieht vor allem ein Problem in der völligen Verunsicherung der Patienten. Zudem sei der Informationsfluss zwischen Arzt und Patient gestört. Der Arzt wisse am Ende nicht, welches Präparat der Patient letztendlich eingenommen habe. „Wenn der Patient das Medikament dann überhaupt nimmt. Darauf kann man sich jetzt auch nicht mehr verlassen.“ Vor allem fehlt nun auch in der Praxis Zeit für den Patienten. „Einige Tätigkeiten kann man ja delegieren, aber vieles muss man auch im Gespräch mit dem Patienten klären – dazu hat man aber kaum noch die Möglichkeit.“ Darunter leide auch das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient. „Das Schlimme ist ja nicht, dass gespart wird, sondern dass es schlecht gemacht wird.“
Sunna Gieseke


Rabattverträge

Mit dem GKV-Wettbewerbsstärkungsgesetz vom 1. April 2007 hat der Gesetzgeber die Möglichkeiten für Rabattverträge zwischen Krankenkassen und Arzneimittelherstellern erweitert.
Apotheken sind nun verpflichtet, Arzneimittel abzugeben, für die die Krankenkasse einen Rabattvertrag abgeschlossen hat. Voraussetzung dafür ist, dass der Arzt die Substitution nicht durch Ankreuzen des Aut-idem-Felds auf dem Rezept ausgeschlossen hat. Der Arzt wiederum ist von der Bonus-Malus-Regelung ausgenommen, wenn er seinem Patienten ein rabattiertes Arzneimittel verordnet.
Ist das rabattierte Arzneimittel nicht verfügbar, hat der Apotheker im Rahmen der sogenannten Friedenspflicht die Möglichkeit, das Präparat gegen eines der drei preisgünstigsten Ersatzpräparate auszutauschen.
Dem Bundesministerium für Gesundheit zufolge hatten im Juli bereits 200 Krankenkassen mit 55 Arzneimittelherstellern Rabattverträge abgeschlossen. Die Allgemeinen Ortskrankenkassen haben bisher Rabattverträge mit Pharmaunternehmen geschlossen, deren Marktanteil in Deutschland bislang eher gering war. In diesem Zusammenhang wurde immer wieder über Lieferengpässe oder Wartezeiten berichtet. Die Friedenspflicht wurde bis zum 30. September verlängert. Dies bedeutet, dass der Apotheker nur noch für kurze Zeit eines der drei preisgünstigsten Ersatzpräparate abgeben darf. Ab Oktober muss er mit Retaxationen rechnen und das Ersatzmedikament aus eigener Tasche bezahlen.
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