ArchivDeutsches Ärzteblatt34-35/2007Altersepilepsien: Fehldiagnosen wegen unvertrauter Anfallsabläufe

MEDIZINREPORT

Altersepilepsien: Fehldiagnosen wegen unvertrauter Anfallsabläufe

Dtsch Arztebl 2007; 104(34-35): A-2325 / B-2057 / C-1989

Blaeser-Kiel, Gabriele

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LNSLNS Epidemiologisch wandelt sich die Epilepsie von einer Kinderkrankheit zur Alters(ko)morbidität. Die Differenzialdiagnose und die fachgerechte Behandlung von Senioren bedürfen spezieller Kenntnisse.

Die demografische Entwicklung bringt es mit sich, dass die Zahl der Epilepsie-Neuerkrankungen jenseits des 65. Lebensjahrs höher ist als bei Kindern und Jugendlichen. Von dieser Veränderung merken die Neurologen jedoch noch wenig. Besonders in den Spezialeinrichtungen sind alte Patienten eindeutig unterrepräsentiert. Im Epilepsiezentrum Bonn habe 2003 der Anteil dieser Klientel gerade einmal bei sechs Prozent gelegen, nannte Prof. Dr. med. Christian Elger Zahlen aus dem eigenen Haus. Er schätzt daher, dass etwa ein Drittel dieser Patienten gar nicht und von den übrigen vielleicht gerade einmal die Hälfte akzeptabel behandelt würden.
Eine mögliche Erklärung für diese Diskrepanz ist für ihn, dass viele Hausärzte sich kompetent genug fühlen, diese vermeintlich unkomplizierte Patientengruppe allein zu betreuen. Besonders wenn die Betroffenen bereits in einer Einrichtung leben und daher in ihrer Autonomie und Mobilität eingeschränkt sind, wird häufig der „Aufwand“ gescheut, sich Unterstützung von einem neurologischen Experten zu holen. Darüber hinaus befürchtet Elger, dass in vielen Fällen die Diagnose „Epilepsie“ gar nicht erst gestellt werde.
Abweichende Dauer der
postiktalen Phase
Fundierte Zahlen zur Behandlungssituation von erst im Alter an Epilepsie erkrankten Menschen gibt es nicht. Eine Initiative der Universität Bonn zur Bestandsaufnahme und Qualitätsanalyse in Altenheimen ist fehlgeschlagen. In keinem Haus habe man ihnen die Tür geöffnet, berichtete Elger. Typische Argumente der Heimleitung: „Anfälle haben unsere Bewohner nicht“ oder „Dafür ist der Hausarzt zuständig“. Die zuständigen Hausärzte hätten gleichermaßen gemauert – Standardaussage: „Ich behandele Epilepsie und Parkinson ebenso gut wie Hypertonie und Diabetes, das ist mein Job.“
Die Diagnostik wird durch einen ungewohnten Ablauf der epileptischen Exazerbationen im höheren Lebensalter erschwert. Vielfach handelt es sich um fokale Anfälle von kurzer Dauer und unspektakulärer Ausprägung. Daher werden sie häufig vom Betroffenen selber oder von – falls überhaupt in dem Moment anwesend – anderen Personen nicht als solche wahrgenommen. Auffällig wird der Patient erst in der postiktalen Phase.
Phänomene wie Parese oder Aphasie, die bei jungen Epilepsiekranken rasch abklingen, halten im Alter um den Faktor zehn bis 20 länger an. Da kann es leicht zu einer Verwechselung mit einem Schlaganfall oder anderem zerebralvaskulären Ereignis, wie transienten ischämischen Attacken (TIA) oder prolongiertem reversiblen ischämischen Defizit (PRIND), kommen. Gleichermaßen in die Irre führen können dauerhafte Verwirrtheitszustände, die ebenfalls Teil eines bereits abgelaufenen epileptischen Anfalls, aber auch Symptom eines akuten – in dieser Altersgruppe nicht ganz seltenen – nicht konvulsiven Status epilepticus sein können.
Häufig als „psychogen“ missinterpretiert würden die kontinierli-chen Myklonien einer Epilepsia partialis continua, macht Elger auf eine weitere Differenzialdiagnose aufmerksam. Nicht als epileptogen erkannt werde auch ein „De-novo-Absence-Status“, der mit einem variablen und ebenfalls nicht „epilepsietypischen“ klinischen Bild einhergehe. Hauptursache sei ein plötzlicher Benzodiazepin-Entzug.
Epilepsien auch auf Basis
degenerativer Erkrankungen
Eine erstmalig im fortgeschrittenen Alter auftretende Epilepsie hat nahezu ausnahmslos eine symptomatische Genese. Häufigste Ursachen sind Schlaganfälle, gefolgt von atherosklerotisch bedingten Komplikationen, Traumata, Tumoren und anderen Ereignissen, die um-schriebene Läsionen im Gehirn als potenzielle Ausgangspunkte für fokale Anfälle verursachen. Daneben gibt es aber auch eine – wahrscheinlich wachsende – Gruppe alter Patienten mit primär generalisierten Anfällen auf der Basis einer degenerativen Erkrankung. Es wird vermutet, dass jeder dritte Alzheimer-Kranke zusätzlich eine Epilepsie entwickelt.
Das pharmakologische Management von Epilepsien im höheren Lebensalter stellt besondere Anforderungen, da es sich in der Regel um multimorbide Patienten handelt, bei denen nicht nur das Anfallssyndrom und die neurologische Grunderkrankung einer Medikation bedürfen, sondern auch die fast regelhaft vorhandenen Störungen in anderen Organsystemen. Aus klinischen Untersuchungen ist bekannt, dass ein älterer Epilepsiepatient zwischen fünf und sieben Arzneimittel zusätzlich zu seinen Antiepileptika einnimmt, was ein hohes Risiko für Interaktionen darstellt.
Gabriele Blaeser-Kiel

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