ArchivDeutsches Ärzteblatt34-35/2007Ärzte-Schach: Schach, Schach – Matt

SCHLUSSPUNKT

Ärzte-Schach: Schach, Schach – Matt

Dtsch Arztebl 2007; 104(34-35): [100]

Pfleger, Helmut

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Foto: Dagobert Kohlmeyer
Foto: Dagobert Kohlmeyer
Das „Dictionary of the English Language“ beschrieb Schach einst als „netten Zeitvertreib, bei dem zwei Gruppen von Püppchen aufeinandertreffen“. Bei Mihail Tal, dem ehemaligen und wohl freundlichsten aller Weltmeister, klingt das anders: „Wenn dein Gegner erbarmungslos angreift, steigt dein Blutdruck, du fühlst die Angst. Es ist, als setzte dir jemand das Messer an die Kehle – es ist nackter psychischer Terror.“ Und Bobby Fischer wusste: „Schach ist ein geistiges Catch-as-catch-can, bei dem sich nur der Brutale durchsetzen kann.“
Ähnliche Gedanken mögen wohl Dr. med. Ulrich Fincke durch den Kopf gegangen sein, als die vorletzte Runde des letzten Ärzteturniers vorbei war. Zweimal hintereinander winkte ihm der süße Siegeslorbeer, zweimal hintereinander verließ er geschlagen die Walstatt. Die Unbeständigkeit menschlichen Schicksals symbolisiert und verdichtet in wenigen Zügen auf dem Schachbrett. Schon der Kalif Al-Ma’mun konnte es kaum glauben: „Ich beherrsche die Welt vom Indus im Osten bis Al-Andalus im Westen, und doch versagen sich 32 Figuren auf einem kleinen Schachbrett meinem Willen.“
Was war geschehen? In der vorletzten Runde hatte ihm sein Gegner in hoher beiderseitiger Zeitnot, unerbittlich tickten die Sekunden weg, mit einer einzügigen Mattdrohung die Pistole auf die Brust gesetzt. Panik – und schon war’s vorbei. Dabei hätte er mit drei Schachgeboten hintereinander selbst mattsetzen können. Vielleicht ist es Dr. Fincke doch ein kleiner Trost, dass selbst ein Kortschnoi („Der schreckliche Viktor“) beim WM-Kampf 1978 auf den Philippinen gegen Karpow ein vierzügiges Matt übersah und sich in einer anderen Partie in Remisstellung elementar dreizügig mattsetzen ließ, und der Chronist 1985 bei der Mannschafts-WM in Luzern gegen den Argentinier Quinteros, das vierzügige Matt vor Augen, gerade das zweite der dazu nötigen Schachgebote gab, als sein Blättchen fiel, sprich, er durch Zeitüberschreitung verloren hatte. Da brechen Welten zusammen. Wie recht hat doch die heilige Teresa von Avila, die Schutzpatronin der spanischen Schachspieler: „Wer nicht Schach bieten kann, kann auch nicht mattsetzen!“ Punktum. Nun aber zur Runde zuvor.
In diesem Endspiel („natürlich“ wieder beiderseitige Zeitnot) hatte Dr. med. Michael Kirchhof als Weißer zwar eine imponierende Bauernkette am Königsflügel, aber der Doppel-Freibauer von Dr. Fincke in der c-Linie ist kurz vor der Umwandlung in eine neue Dame. Anfällig und stark zugleich. Nach 1. . . . c2? 2. Kd2 waren seine Tage gezählt, doch mit welcher Finesse hätte Dr. Fincke als Schwarzer den Sieg an seine Fahnen heften können?



Lösung:

Das Läuferopfer 1. . . . Lf4+! (das Schachgebot der Teresa!) hätte den weißen König entweder bei der Opferannahme 2. Kxf4 zu weit vom brandgefährlichen Freibauern c3 weggelockt oder bei 2. Ke2 das wichtige Feld d2 genommen – in jedem Fall hätte 2. . . . c2 mit unweigerlicher Verwandlung dieses Bauern in eine neue Dame für Schwarz gewonnen.
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema