ArchivDeutsches Ärzteblatt36/2007Reform des EBM: Krankenkassen verlangen Abstriche

POLITIK

Reform des EBM: Krankenkassen verlangen Abstriche

Dtsch Arztebl 2007; 104(36): A-2377 / B-2103 / C-2035

Rieser, Sabine

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
„2008 wird das Tal der Tränen der Vertragsärzte“, sagt Dr. med. Andreas Köhler. Denn die Gesamtvergütung bleibt budgetiert. Derzeit ringen Kassen und KBV um die Weichenstellungen für die Zeit nach 2008. Foto: Jürgen Gebhardt
„2008 wird das Tal der Tränen der Vertragsärzte“, sagt Dr. med. Andreas Köhler. Denn die Gesamtvergütung bleibt budgetiert. Derzeit ringen Kassen und KBV um die Weichenstellungen für die Zeit nach 2008.
Foto: Jürgen Gebhardt
Kassenärztliche Bundesvereinigung und Kassen sind mit den Vorarbeiten zum neuen EBM noch im Zeitplan. Doch inhaltlich liegen sie so weit auseinander, dass nicht nur über mehr Geld, sondern auch über strukturelle Fragen gestritten wird.

Facharzt.de, 8. August 2007: „Eine Vergütungsvereinbarung für die Jahre 2005 und 2006 haben die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Brandenburg und der Landesverband der Betriebskrankenkassen Ost getroffen. Nach KV-Angaben erhöht sich die Gesamtvergütung um die maximal ansatzfähige Veränderungsrate der beitragspflichtigen Einnahmen sowie um weitere 1,15 Prozentpunkte für die West-Ost-Angleichung.“
Eine Meldung wie viele der letzten Jahre: zu zähen, rückwirkenden Einigungen über Gesamtvergütungen, zu umstrittenen Schiedsamtssprüchen, zu stets engen Spielräumen für die vertragsärztliche Vergütung. Dass alles besser wird, kann die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) den niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten trotz ihrer forcierten Arbeit am neuen Einheitlichen Bewertungsmaßstab (EBM) immer noch nicht versprechen.
Niedrigere Pauschalen
Vielmehr werden die Differenzen in den Verhandlungen immer größer. Nach Darstellung des KBV-Vorstandsvorsitzenden, Dr. med. Andreas Köhler, wollen die Kassen am 10. September in den Bewertungsausschuss einen eigenen Entwurf zu einem Einheitlichen Bewertungsmaßstab einbringen. Sie setzen offenbar alles daran, für die vertragsärztliche Honorierung nicht mehr Geld als bisher ausgeben zu müssen.
So schlagen die Krankenkassen vor, die von der KBV angesetzten Pauschalen um 15 bis 20 Prozent zu kürzen. Begründet werde dies damit, dass die Menge der erbrachten Leistungen zurückgehe, wenn diese im Rahmen einer Pauschale vergütet würden, so Köhler. Angesichts der politischen Forderungen nach einer verbesserten hausärztlichen Versorgung sei dies „ein Signal, das man nicht verstehen kann“.
Mehrbedarf: nicht akzeptiert
Die Krankenkassen akzeptieren zudem die Begründungen nicht, mit denen die KBV seit Wochen eine insgesamt höhere Bewertung der Leistungen und Kostenpauschalen im neuen EBM fordert. Relevante Parameter sind für Köhler die Erhöhung der Mehrwertsteuer, die Tariferhöhungen für die Ärzte an Krankenhäusern und der Mehrbedarf an Praxismitarbeiterinnen infolge der gestiegenen Anforderungen in der ambulanten Versorgung.
Auch in einzelnen strukturellen Fragen besteht immer noch Dissens. So sollen sich die Hausärzte statt auf vier auf drei altersabhängige Versichertenpauschalen beschränken. Einen Zuschlag für die Versorgung von multimorbiden/chronisch kranken Patienten lehnen die Kassen ab. Pauschalen Qualitätszuschlägen wollen sie ebenfalls nicht zustimmen, sondern lieber Einzelleistungen oder Leistungskomplexe vergüten. Für die Fachärzte wollen sie ein Konzept vorlegen, nach dem weitere Einzelleistungen in Grundpauschalen eingefügt werden sollen. Dazu fordern sie Begrenzungen der Gesprächsleistungsanteile.
Unterschiedliche Vorstellungen dominieren zudem die Vorarbeiten an einer stärkeren Morbiditätsorientierung der Vergütung. So verlangen die Krankenkassen, dass die Morbidität auf der Basis gesicherter Diagnosen gemessen wird. „Ein Hausarzt kommt aber nicht immer zu einer gesicherten Diagnose“, gab Köhler zu bedenken. Verdachtsdiagnosen seien doch Realität in Hausarztpraxen.
Dass der neue EBM den Hausärzten die Abrechnung erleichtern wird, weil er eine starke Pauschalierung vorsieht, ist ebenfalls noch nicht sicher. Nach Köhlers Darstellung bestehen die Krankenkassen auf einer transparenten Leistungserbringung. Im Extremfall dürften Hausärzte dann zwar Pauschalen abrechnen, müssten die dafür erbrachten Leistungen aber aufwendig einzeln dokumentieren. Die KBV arbeitet derzeit an einem Kompromissvorschlag. Im Kern ist geplant, dass einzelne Leistungsinhalte pro Gebührennummer in maschinell zu verarbeitender Form vorliegen. Sie könnten angeklickt und ihre Erbringung in einer elektronischen Patientenakte dokumentiert werden.
Nach Köhlers Worten lehnt die KBV zwar eine weitere Überbürokratisierung ab, will aber andererseits wissen, welche Leistungen erbracht werden: „Ich glaube schon, dass wir als Ärzte dokumentieren müssen, was wir tun.“ Anderenfalls könnten die Ärzte ins Hintertreffen gelangen, wenn es um Entscheidungen über eine stärker morbiditätsorientierte Vergütung oder aber den Nachweis von Leistungsverlagerungen aus dem stationären in den ambulanten Bereich gehe.
Sabine Rieser
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema