ArchivDeutsches Ärzteblatt36/2007Mammografie-Screening: Großer Informationsbedarf

POLITIK

Mammografie-Screening: Großer Informationsbedarf

Dtsch Arztebl 2007; 104(36): A-2378 / B-2104 / C-2036

Rabbata, Samir

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Foto: Jana Jederman
Foto: Jana Jederman
Die bundesweite Einführung des Brustkrebs-Screenings steht vor dem Abschluss. Ärzte und Kassen kritisieren unterdessen, dass Frauen durch vermeintlich falsche Informationen verunsichert würden.

Die flächendeckende Einführung des Brustkrebs-Screenings kommt gut voran. Inzwischen seien 73 der geplanten 94 Screening-Einheiten zertifiziert. „Ich gehe davon aus, dass die Einführung des Mammografie-Screenings zum ersten Quartal 2008 abgeschlossen sein wird“, sagte die Parlamentarische Staatssekretärin im Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium, Marion Caspers-Merk (SPD), bei ihrem Besuch eines Screening-Zentrums in Berlin.
Gemischte Zwischenbilanz
Brustkrebs ist in Deutschland mit rund 55 000 Fällen jährlich die häufigste Krebserkrankung bei Frauen. Um die Sterblichkeit bei Brustkrebspatientinnen zu senken, beauftragte der Bundestag die Selbstverwaltung bereits vor sieben Jahren, ein flächendeckendes Mammografie-Screening einzuführen. Zielgruppe für die Diagnostik sind Frauen zwischen 50 und 69 Jahren. Sie werden alle zwei Jahre von der „zentralen Stelle“ ihrer Region – einer gemeinsamen Einrichtung der Krankenkassen und der Kassenärztlichen Vereinigungen – zur Diagnostik in eine sogenannte Screening-Einheit vor Ort eingeladen.
„Screening kann Leben retten, vorausgesetzt die Qualität stimmt“, sagte Dr. med. Lisa Regitz-Jedermann, Leiterin des „Referenzzentrums Mammografie Berlin“. Die Ergebnisse nach einem Jahr Screening in der Hauptstadt seien erfreulich und erschreckend zugleich. Als positiv bezeichnete es die Ärztin, dass von den 47 000 eingeladenen Frauen rund 22 000 die für sie kostenfreien Früherkennungsuntersuchungen wahrgenommen hätten. Bei 200 Berlinerinnen sei ein Karzinom diagnostiziert worden. „Dies legt den Schluss nahe, dass bei den Frauen, die nicht zum Screening gekommen sind, eine ähnlich hohe Zahl von Tumoren unentdeckt blieb“, so Regitz-Jedermann. Warum sich Frauen oftmals gegen das Brustkrebs-Screening entscheiden, hat nach Auskunft der Ärztin verschiedene Gründe: „Manche Frauen haben Angst vor einem schlechten Diagnoseergebnis. Andere sind entweder gar nicht oder sogar falsch über die Untersuchung informiert.“
Zur Verunsicherung der Frauen dürfte auch die wissenschaftliche Diskussion in der Fachwelt über Nutzen und Grenzen der verschiedenen Verfahren zur Brustkrebsdiagnose beigetragen haben, die gern von den Publikumsmedien aufgegriffen wird. So hat erst kürzlich eine aktuelle Studie von Prof. Dr. med. Christiane Kuhl von der Universität Bonn zum Aussagewert der Magnetresonanztomografie (MRT), die als das treffsicherste bildgebende Verfahren in der Mammadiagnostik gilt, für beträchtlichen Wirbel gesorgt (Lancet 2007; 370: 485–92). Dies veranlasste die „Bild-Zeitung“ zu der Überschrift: „Sicherste Brustkrebsdiagnose zu teuer?“
Die Ergebnisse der Studie im Hinblick auf die Treffsicherheit der MRT würden sich jedoch „nur“ auf die Diagnostik von duktalen Carcinomata in situ (DCIS) – einer Vorstufe von Brustkrebs – beziehen, betonte die für die Einführung des Screenings verantwortliche Kooperationsgemeinschaft Mammografie – eine gemeinsame Einrichtung der Krankenkassen und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. In der „Bild-Zeitung“ habe es hingegen geheißen, dass die MRT besser sei, aber aus
Kostengründen nicht zum Einsatz
käme. Diese verkürzte Aussage sei falsch und führe zu Unsicherheiten. Tatsächlich hat Studienautorin Kuhl ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die Ergebnisse ihrer Arbeit nicht als Argumente gegen das Mammografie-Screening missverstanden werden dürften. Die Mammografie sei derzeit als Basisuntersuchung zur Früherkennung unverzichtbar, das müsse in Zukunft jedoch nicht so bleiben (DÄ, Heft 34–35/2007).
Nutzen untersuchen
Allerdings müssten vor dem Hintergrund knapper werdender Ressourcen im Gesundheitswesen hohe Anforderungen an Screening-Programme gestellt werden, forderte Dr. med. Klaus Giersiepen vom Bremer Institut für Präventionsforschung und Sozialmedizin (DÄ, Heft 14/2007). Nach der Einführung eines Screening-Programms sei die kontinuierliche wissenschaftliche Bewertung der kompletten Untersuchungskette vom Test über die Therapie oder andere Interventionen bis hin zur Todesursache essenziell. Es müsse dabei ersichtlich werden, dass der gewünschte Nutzen erreicht wird.
Samir Rabbata
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