ArchivDeutsches Ärzteblatt36/200760 Jahre nach dem Nürnberger ÄrzteProzess: Notwendige Erinnerung

POLITIK

60 Jahre nach dem Nürnberger ÄrzteProzess: Notwendige Erinnerung

Dtsch Arztebl 2007; 104(36): A-2385 / B-2110 / C-2042

Jachertz, Norbert

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LNSLNS Die Gedenkstätte Sachsenhausen dokumentiert „Medizin und Verbrechen“ und weist darauf hin, wie aktuell der Nürnberger Kodex ist.

Die beiden lang gestreckten Baracken des ehemaligen Krankenreviers des Konzentrationslagers (KZ) Sachsenhausen beherbergen eine einmalige Ausstellung: Am Ort der Tat werden Menschenversuche, Zwangssterilisation und -kastration, Euthanasie und NS-Rassenforschung dokumentiert und veranschaulicht. Anhand vieler Biografien von Opfern und Tätern und rund 1 000 Exponaten, viele unscheinbar und deshalb umso anrührender, ahnt der Besucher zumindest, welches Leid den einen zugefügt wurde, und wie menschenverachtend, nämlich den Menschen als Material behandelnd, die anderen vorgegangen sind.
Lehren aus dem Prozess
Medizin im Konzentrationslager ist ein Schwerpunkt der Gedenkstätte Sachsenhausen in Oranienburg bei Berlin. Am 23. August, drei Jahre nach Eröffnung der ständigen Ausstellung „Medizin und Verbrechen“, legten deren Kuratorin, Dr. phil. Astrid Ley, und Prof. Dr. phil. Günter Morsch, der Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, nun den Katalog dazu vor. Er konnte auch dank der finanziellen Unterstützung der Ärzteschaft gedruckt werden.
Das Datum der Präsentation wurde in Erinnerung an den Nürnberger Ärzteprozess gewählt, der vor 60 Jahren, am 20. August 1947, zu Ende gegangen war. Aus diesem Anlass wurde an der Gedenkstätte auch der Nürnberger Kodex, mit dem der Prozess 1947 abgeschlossen hatte, thematisiert. Hierin formulierte der Militärgerichtshof als Lehren aus dem Prozess zehn Bedingungen für die Forschung am Menschen.
Dr. phil. Michael Wunder, der für die Evangelische Stiftung Alsterdorf in Hamburg tätig ist und während zweier Legislaturperioden der Enquetekommission „Ethik und Recht der modernen Medizin“ des Bundestags angehörte, konzentrierte sein Referat in Sachsenhausen auf den berühmten ersten Satz. Dieser lautet kurz und klar: „Die freiwillige Zustimmung der Versuchsperson ist unbedingt erforderlich.“ (Im Original: „The voluntary consent of the human subject is absolutely essential.“) Damit ist das „Herzstück des Nürnberger Kodex“ (Wunder) angesprochen, der „informed consent“. Gemeint ist die persönliche Einwilligung des gründlich informierten Patienten/Probanden. Wunder legte anhand der Deklaration von Helsinki (des Weltärztebunds, 1964) und ihrer mehrfachen Revisionen und der Bioethik-Konvention (des Europarats, verabschiedet 1999, von Deutschland bisher nicht ratifiziert) dar, dass seit „Nürnberg“ immer wieder versucht werde, das Prinzip des informed consent einzuschränken. Prüfstein des informed consent sei der Umgang mit Menschen, die nicht einwilligen können. Schon die Deklaration von Helsinki sehe vor, dass beim Heilversuch der gesetzliche Betreuer zustimmen könne, falls die Versuchsperson einwilligungsunfähig sei. Für die fremdnützige Forschung sei die Deklaration zweideutig. Sie stelle auf den wissenschaftlichen Fortschritt ab und relativiere die Rechte des Individuums. Mit der letzten großen Revision (Edinburgh, 2000) werde fremdnützige Forschung an Nichteinwilligungsfähigen ermöglicht, ohne sie an eine Bedingung wie ein „minimales Risiko“ oder den mutmaßlichen Willen zu knüpfen.
Vermächtnis von Nürnberg
Die Bioethik-Konvention des Europarats hält Wunder gar für „den Schlusspunkt des Kampfs der Experimentalmedizin um die nicht einwilligungsfähigen Menschen“. Sie lasse die Einwilligung des Vormunds in fremdnützige Forschungsvorhaben zu, wenn ein Gruppennutzen zu erwarten sei und die Versuchspersonen nur einem minimalen Risiko und einer minimalen Belastung ausgesetzt seien. Wunder bezweifelte, dass es dabei lediglich um sanfte Methoden, wie Wiegen oder Mitnutzung von Blut-, Speichel- oder Urinproben, gehe, und zitierte einen namhaften Forschungspraktiker, der auch klinische Studien für möglich hält, „die theoretisch geignet sind, das Leben eines komatösen Patienten zu verkürzen und ihm Schaden zuzufügen“.
Demgegenüber postulierte Wunder in Sachsenhausen als „Vermächtnis von Nürnberg“, dass humane medizinische Forschung immer dem Wohl des konkreten Menschen verpflichtet sei. Übergeordnete Interessen oder das Wohl kommender Generationen rechtfertigten nicht, den Schutz des Einzelnen und das Prinzip des informed consent zu unterlaufen – „auch wenn dies möglicherweise eine Verlangsamung der Forschung bedeutet“.
Norbert Jachertz


Hinweise

Die Ausstellung in den früheren Krankenbaracken informiert nicht nur über Medizinverbrechen, sondern auch über die Krankenversorgung im KZ, die vorwiegend von Häftlingsärzten geleistet wurde. Weitere Schwerpunkte der Ausstellung sind die dubiosen Forschungen an Sinti und Roma sowie das Schicksal der in Sachsenhausen verhörten Beteiligten des 20. Juli 1944.
Die Ausstellung ist Teil der Gedenkstätte Sachsenhausen. Diese ist täglich von 8.30–18 Uhr (vom 15. Oktober bis zum 14. März nur bis 16.30 Uhr) geöffnet.
Telefon: 0 33 01/20 02 00, Fax: 0 33 01/20 02 01.
Umfangreiche Informationen im Internet unter: www.stiftung-bg.de, speziell zum Krankenrevier: Astrid Ley: „Krankenrevier und Konzentrationslager: Ort der Hilfe und des Mordens“, Deutsches Ärzteblatt, Heft 5/2007.
Der Katalog der Ausstellung ist im Buchhandel für 22 Euro erhältlich (für Besucher in der Gedenkstätte 13,30 Euro): Astrid Ley, Günter Morsch: „Medizin und Verbrechen. Das Krankenrevier des KZ Sachsenhausen 1936–1945“. 413 Seiten, Berlin 2007 (Metropol-Verlag), ISBN 978-3-938690-12-3.
Eine von vielen Übersetzungen des Nürnberger Kodex kann im Internet aufgerufen werden unter: www.ippnw-nuernberg.de/aktivitaet2_1.html
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