ArchivDeutsches Ärzteblatt36/2007Venezuela: Hilfe für den Barrio

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Venezuela: Hilfe für den Barrio

Dtsch Arztebl 2007; 104(36): A-2405 / B-2126 / C-2058

Metzger, Wolfram; Neuber, Harald

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Fotos: Christian Ditsch/ version-foto
Fotos: Christian Ditsch/ version-foto
Nach vier Jahren wird die Basisversorgung in den Armenvierteln erstmals von einheimischen Ärzten übernommen.

Vier Jahre nachdem die venezolanische Regierung mithilfe kubanischer Ärzte medizinische Notprogramme in den Armenvierteln des Landes aufgebaut hat, wird ein Teil dieser Arbeit erstmals von einheimischen Medizinern übernommen. Binnen weniger Jahre wurden die Hilfsprogramme damit zu einer flächendeckenden primären Gesundheitsversorgung ausgebaut. Am Ostermontag dieses Jahres haben 1 024 venezolanische Ärzte ihre Arbeit in den „Barrios“, den Armenvierteln, aufgenommen, in denen bis zu 70 Prozent der Bewohner des südamerikanischen Landes leben. Bei den „Médicos Generales Integrales“ – meist Allgemeinmediziner – handelt es sich um Ärzte, die eine dreijährige Zusatzausbildung vor Ort erhalten haben. Binnen sechs Jahren sollen nach Angaben von Adolfo Delgado, dem Präsidenten der „Venezolanisch-Bolivarianischen Gesellschaft für Integrale Allgemeinmedizin“ auf diese Weise bis zu 6 000 venezolanische Mediziner ausgebildet werden, um das neue Netz der Gesundheitsstationen in den Barrios zu unterhalten. Er hofft dadurch, bis zu 90 Prozent der bestehenden Gesundheitsprobleme präventiv verhindern oder ambulant behandeln zu können.
Derart positive Prognosen hat es in Venezuela in den vergangenen Jahren nicht immer gegeben. Seit das medizinische Hilfsprogramm „Barrio Adentro“ (siehe auch DÄ, Heft 26/2006) im Jahr 2003 mithilfe von rund 20 000 kubanischen Ärzten begonnen wurde, war es ein ständiger Streitpunkt zwischen Staatsführung und Opposition. Grund dafür ist vor allem der „Import“ der kubanischen Mediziner, die von Havanna im Rahmen eines bilateralen Abkommens gegen Erdöllieferungen nach Venezuela entsandt worden sind. Der entsprechende Vertrag wurde allerdings erst unterzeichnet, nachdem ein Aufruf an venezolanische Kollegen, sich am Aufbau der medizinischen Versorgung in den Armenvierteln zu beteiligen, erfolglos geblieben war. Trotzdem warfen Regierungsgegner dem linken Staatschef Hugo Chávez in den vergangenen Jahren wiederholt vor, mit dem Rückgriff auf kubanisches Personal das Gesundheitswesen politisieren zu wollen. So fand sich die venezolanische Ärzteschaft inmitten eines politischen Konflikts wieder, der das Land im April 2002 nach einem Putschversuch an den Rand einer Militärdiktatur brachte.
Barrio Adentro: Das medizinische Hilfsprogramm wurde 2003 mithilfe von 20 000 kubanischen Ärzten begonnen.
Barrio Adentro: Das medizinische Hilfsprogramm wurde 2003 mithilfe von 20 000 kubanischen Ärzten begonnen.
Jetzt ersetzen Venezulaner die kubanischen Kollegen
Die nun vereidigten venezolanischen Ärzte sind ein erster Beleg dafür, dass sich die Ärzteschaft des Landes aus der Umklammerung der Opposition löst. Vier Jahre nachdem ein erster Aufruf fehlschlug, werden die rund 1 000 neuen Gemeindeärzte kubanische Kollegen in den Barrios ersetzen – für Venezuela ein Novum. Zugleich wollen die Planer im Ge­sund­heits­mi­nis­terium die Erfahrungen der letzten vier Jahre nutzen. Sogenannte Defensores de Salud („Gesundheitsverteidiger“), „Health Worker“ im klassischen Sinn, sollen künftig an der primären Gesundheitsversorgung in den Gemeinden mitarbeiten. Das Ge­sund­heits­mi­nis­terium erfasst seit Ende vergangenen Jahres Tausende Gemeindeaktivisten, die seit Beginn von „Barrio Adentro“ ehrenamtlich mit den kubanischen Ärzten zusammengearbeitet haben. Auf diese Weise sollen rund 7 000 neue Arbeitsplätze im öffentlichen Gesundheitswesen entstehen. Neben den Familienmedizinern und den Defensores de Salud werden als dritter neuer Berufsstand in einem sechsjährigen neu eingerichteten Studiengang sogenannte Gemeindemediziner ausgebildet. Auch ihr Arbeitsschwerpunkt soll in den Bereichen Prävention, Rehabilitation und Gesundheitsbildung liegt.
Diese ambitionierten Medizinprogramme Venezuelas haben auch in Deutschland Interesse geweckt. Anfang dieses Jahres bot eine Berliner Gruppe von Physiotherapeuten und Heilpraktikern unter der Leitung des Berliner Physiotherapeuten Ulf Pape Einführungskurse in leicht zu erlernenden Massage- und Akupressurtechniken zur Behandlung chronischer Krankheitsbilder, wie Asthma, Rücken- und Kopfschmerzen, an. Das Projekt richtete sich vor allem an die Defensores de Salud und war von der deutschen Sektion der „Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges/Ärzte in sozialer Verantwortung“ (IPPNW) unterstützt worden. Veranstaltungsorte waren der für seine Armenviertel bekannte Stadtteil Petare in der Landeshauptstadt Caracas, der Andengebirgsort Mérida und Puerto Ayacucho, Hauptstadt des südlichen Bundesstaats Amazonas.
Beim Kontakt mit den Defensores wurde deutlich, dass sie während der Arbeit mit den kubanischen Ärzten bereits erhebliche Kenntnisse erworben haben. Nach eigenen Angaben kommt ihnen nicht nur die Organisation der Gesundheitsstationen in den Armenvierteln zu. Sie sind auch mit der Erfassung der Gesundheitsprobleme der Gemeinde und einfachen medizinischen oder pflegerischen Tätigkeiten betraut. Ein Viertel der Kursteilnehmer hatte bereits eine Ausbildung als Kranken- oder Hilfskrankenschwester absolviert. Doch das Interesse ist weitaus größer: Mehr als drei Viertel haben bereits an Kurzschulungen zu Themen wie Impfen oder Ernährung teilgenommen.
Von der Opposition nach wie vor strikt abgelehnt
Die Massage- und Akupressurkurse der Berliner Gruppe waren als Pilotprojekte in Absprache mit der Abteilung für Alternativtherapien des venezolanischen Ge­sund­heits­mi­nis­teriums konzipiert worden und wurden von einem professionellen Übersetzer begleitet. Sie dienten zugleich als Auftakt für die Ausbildung dieser neuen Gesundheitsarbeiter, die neben medizinischen und pflegerischen Tätigkeiten vor allem in der Prävention und Rehabilitation tätig sein sollen. Neben den Defensores, die mehr als zwei Drittel der Kursteilnehmer stellten, beteiligten sich auch kubanische und venezolanische Ärzte, Sozialarbeiter, Krankenschwestern und Aktivisten örtlicher Gesundheitskomitees.
Clinica Popular: In Volkskrankenhäusern und Polikliniken der Armenviertel werden die Patienten, wie hier im Bezirk Carcuao in Caracas, kostenlos behandelt.
Clinica Popular: In Volkskrankenhäusern und Polikliniken der Armenviertel werden die Patienten, wie hier im Bezirk Carcuao in Caracas, kostenlos behandelt.
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Die Kurse wurden mit einem einfach konzipierten und anonymen Fragebogen evaluiert (Tabelle). Gerade bei der Häufigkeit von Asthma, Hemiplegie und Schussverletzungen traten dabei deutliche Unterschiede zwischen den drei Regionen zutage. Gelegentlich kam es während der Kurse zu unvorhersehbaren Debatten. So musste in Amazonas, wo fast die Hälfte der Kursteilnehmer indigener Herkunft war, vor dem Kurs eine ausführliche Debatte über das professionelle Ausüben einer heilenden Tätigkeit geführt werden. Da der damit verbundene körperliche Kontakt zu fremden Menschen in manchen indigenen Kulturen tabuisiert ist, stellte dies zunächst ein Problem dar, das jedoch im Lauf der Gespräche behoben werden konnte. Eine weitere Evaluierung ist für Ende dieses Jahres geplant.
Während die neuen Medizinprogramme immer mehr venezolanische Ärzte ansprechen und sie vor neue Aufgaben stellen, wird „Barrio Adentro“ von der Opposition nach wie vor strikt abgelehnt. Spricht man mit Ärzten der oft privaten Kliniken, wird gemeinhin die fachliche Qualifikation der kubanischen Kollegen angezweifelt. Angesichts der doppelten Prüfung der Teilnehmer auf venezolanischer und kubanischer Seite ist das ein offensichtlich konstruierter Vorwurf, der zudem nie belegt werden konnte. Den Mythen tut das keinen Abbruch. So versuchte die regierungskritische Wochenzeitung „Tal Cual“ im vergangenen September das Programm der flächendeckenden primären Gesundheitsversorgung als Lüge zu enttarnen. Es wurde vorgerechnet, dass die dokumentierte Zahl von 2 500 Geburten innerhalb von drei Jahren einen Hinweis darauf gebe, dass Barrio Adentro die angegebenen 60 Prozent der Bevölkerung gar nicht abdecke. Es müssten eigentlich 300 000 Geburten im Jahr sein. Was der Leser nicht erfuhr: Geburten werden schwerpunktmäßig nach wie vor in den Krankenhäusern und nicht in den Gesundheitsstationen von Barrio Adentro durchgeführt.
Polemik gegen die Reform
Derartige Unsachlichkeit findet man nicht nur in politisch motivierten Kampagnen in der Laienpresse, sondern auch innerhalb der Ärzteschaft. „Bei unseren letztjährigen Kontakten mit venezolanischen Kolleginnen und Kollegen trafen wir auf ein stark gespaltenes Verhältnis zu der Gesundheitsreform, die erstmals in der Geschichte des Landes Zugang zur Gesundheitsversorgung für die ganze Bevölkerung schaffen soll, quasi als Menschenrecht“, sagt der deutsche Chirurg Christoph Krämer, der dem IPPNW-Vorstand angehört. Kollegen, die ihr ablehnend gegenüberstünden, täten dies oft „aus gut nachvollziehbaren, freilich wenig ärztlichen Motiven“. Krämer zählt dazu vor allem die „Angst im privaten Sektor vor der wirtschaftlichen – und auch moralischen – Konkurrenz durch die staatlich bezahlten Ärzte“. Dabei habe niemand auf Oppositionsseite eine Alternative zu „Barrio Adentro“ nennen können.
Diese Beobachtung teilen auch Vertreter der Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO). Mirta Roses Periago etwa, die Direktorin der Panamerikanischen Gesundheitsorganisation (OPS), des Regionalbüros der WHO, befürwortet das Projekt der kostenlosen Gesundheitsversorgung für die Armen. „Über Barrio Adentro“, schreibt Roses im Vorwort zu einer 162-seitigen OPS-Studie zu dem Gesundheitsprogramm, „gibt es viel Unwissen und viele verschiedene Darstellungen.“ Dabei setze das Programm, auch wenn es ein „historisches Produkt Venezuelas“ sei, die lateinamerikanischen und weltweiten Erfahrungen aus 25 Jahren um, die Gesundheitssysteme zugunsten einer gesundheitlichen Grundversorgung zu verändern. Roses bezieht sich hierbei direkt auf die Erklärung von Alma Ata im Jahr 1978. Damals formulierten 134 Mitgliedstaaten der WHO das Ziel „Gesundheit für alle“ bis zum Jahr 2000. Venezuela ist laut der OPS-Direktorin auf dem richtigen Weg zu diesem Ziel, „weil es Alternativen zu den konventionellen Strömungen schafft und sich dem Fundamentalismus des Marktes explizit entgegenstellt“.
Wolfram Metzger, Harald Neuber
1.
Plate, Markus: Entwicklungszusammenarbeit: Ärzte für Venezuela, Öl für Kuba. Dtsch Arztebl 2006; 103(26): A 1809. VOLLTEXT
2.
Organisación Panamericana de la Salud: Barrio Adentro: Derecho a la salud e inclusión en Venezuela. Caracas, Venezuela: Juli 2006. In Englisch, Französisch und Spanisch unter http://www.ops-oms.org.ve/
3.
Erklärung von Alma Ata in englischer Sprache: (11. 4. 2007). http://www.euro.who.int/AboutWHO/Policy/20010827_1
4.
Welt­gesund­heits­organi­sation: Gesundheit für alle im 21. Jahrhundert – Eine Einführung. Europäische Schriftenreihe „Gesundheit für alle“; Nr. 5. Kopenhagen 1998.
1. Plate, Markus: Entwicklungszusammenarbeit: Ärzte für Venezuela, Öl für Kuba. Dtsch Arztebl 2006; 103(26): A 1809. VOLLTEXT
2. Organisación Panamericana de la Salud: Barrio Adentro: Derecho a la salud e inclusión en Venezuela. Caracas, Venezuela: Juli 2006. In Englisch, Französisch und Spanisch unter http://www.ops-oms.org.ve/
3. Erklärung von Alma Ata in englischer Sprache: (11. 4. 2007). http://www.euro.who.int/AboutWHO/Policy/20010827_1
4. Welt­gesund­heits­organi­sation: Gesundheit für alle im 21. Jahrhundert – Eine Einführung. Europäische Schriftenreihe „Gesundheit für alle“; Nr. 5. Kopenhagen 1998.

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