ArchivDeutsches Ärzteblatt36/2007FotoAusstellung: Der Tod verwischt das Persönliche

KULTUR

FotoAusstellung: Der Tod verwischt das Persönliche

Dtsch Arztebl 2007; 104(36): A-2438 / B-2156 / C-2088

Belte, Annedore; KNA

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Fotos:Walter Schels
Fotos:Walter Schels
Oldenburger Museum zeigt Porträts von Hospizpatienten.

Da ist der Werbefachmann, dessen Kolleginnen mit klappernden Stöckelabsätzen ins Hospiz stürmen. Sie lassen Sektkorken an seinem Bett knallen und sagen Dinge wie „Das wird schon wieder“. Das Wort Sterben nehmen sie nicht in den Mund. Da ist die Mutter, die nur den Wunsch hatte, dass ihr Sohn vor ihr stirbt. Kurz nachdem die Ärzte einen Gehirntumor bei dem Sechsjährigen festgestellten hatten, wurde bei ihr Brustkrebs diagnostiziert. Nach seiner Beerdigung konnte die Mutter zum ersten Mal wieder durchschlafen. 25 Tage später starb sie.
Der Fotograf Walter Schels hat die Gesichter der Menschen zunächst im Leben eingefangen, manchmal Wochen, manchmal wenige Tage vor ihrem Tod. Seine Aufnahmen sind zurzeit im Oldenburger Museum für Kunst und Kulturgeschichte zu sehen. Der Sechsjährige hält sichtlich mühsam die Augen offen. Manchen Patienten ragen Schläuche aus der Nase. Die Ecken und Kanten der Persönlichkeiten lassen sich in den Gesichtern ablesen: Da wird eine Augenbraue ironisch in die Höhe gezogen, der Kopf schief gelegt, Lachfältchen umspielen die Augen. Eine Greisin scheint aufgebracht vor sich hin zu schimpfen.
In den Bildern der Toten hingegen ist das Individuelle der Schicksale verwischt, das Persönliche nivelliert. Stirnfalten und verkrampfte Lippen entspannen sich, die Lachfältchen weisen jetzt nach unten. Die geschlossenen Augen liegen tief in den Höhlen, die Mundpartie entgleitet auf eigentümliche Weise. Die Fotos nehmen dem Tod das Unheimliche und Verschwiegene. Die Gesichter der Toten hat Schels wie die der Lebenden vor neutralem dunklem Hintergrund fotografiert: nah, direkt, respektvoll.
Schels hat einmal für die Zeitschrift „Eltern“ Neugeborene fotografiert und sich gewundert, wie schrumpelig und mitgenommen sie aussehen. Im Gegensatz dazu, meint er, wirken die Toten meist schön und gelöst. Seine erste, traumatische Begegnung mit dem Tod anderer hatte der Hamburger mit neun Jahren im Bombeninferno des Zweiten Weltkriegs. Seither hat ihn das Thema nicht losgelassen. Inzwischen hat sich der Fotograf einen Ruf als Experte für die letzten Dinge erworben: So wurde er nach dem Tod des Malers Jörg Immendorff angerufen mit der Bitte, dessen letztes Porträt zu machen.
Die sichtbaren Unterschiede zwischen Leben und Tod relativieren sich aus der Sicht des Mediziners. Michael Schwarz-Eywill, Leiter des Palliativzentrums im Evangelischen Krankenhaus in Oldenburg, meint: „Sterbende Menschen verändern sich nach und nach. Es ist ein fließender Übergang.“ Die Initiative dazu, die bereits in vielen europäischen Städten gezeigte Ausstellung „Noch mal leben“ von Walter Schels und Texten der „Spiegel“-Redakteurin Beate Lakotta nach Oldenburg zu holen, ging von Medizinern des Palliativstützpunkts Oldenburg aus.
Dort werden Kompetenzen von Krankenhauspersonal, Hospizdienst, niedergelassenen Ärzten und ambulantem Pflegedienst gebündelt und für die Region koordiniert. Derzeit sind mehr als 80 Oldenburger als ehrenamtliche Hospizhelfer aktiv, begleiten Sterbende und entlasten Angehörige. Durch die Ausstellung hoffen die Mediziner, noch mehr Bürger zu finanziellem und ehrenamtlichem Engagement in der Hospizarbeit zu bewegen. „In unserer Arbeit geht es um das Leben, nicht um den Tod“, ist Schwarz-Eywill überzeugt.
Die Ausstellung ist bis zum 23. September im Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte, Oldenburger Schloss, zu sehen. Näheres im Internet unter: www.Landesmuseum-oldenburg.niedersachsen.de.
Annedore Belte/KNA
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