ArchivDeutsches Ärzteblatt36/2007Von schräg unten: Spezielle Pharmakotherapie

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Spezielle Pharmakotherapie

Dtsch Arztebl 2007; 104(36): [184]

Böhmeke, Thomas

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Einstmals, vor langer, langer Zeit, als ich noch jung und unverbraucht war, da zerrieb ich meine graue Hirnmasse an den Ungetümen der speziellen Pharmakologie. Ja, ich bin überzeugt davon, dass es zur Sozialisation des Arztberufs gehört, sich Buchstabenmonster wie Abciximab oder Pentaerythrityltetranitrat ohne sichtbare Schäden in das Gehirn zu brennen. Aber es war der Beginn eines etwas angespannten Verhältnisses zu diesen Substanzen, die sich anhören wie Glasscherben im Gehörgang. Vor weniger langer Zeit nun wetzte ich meine verbliebenen Windungen damit ab, in geeigneten Situationen diese unaussprechlichen Substanzen anzuwenden, sprich die richtige Diagnose dafür zu finden, auf dass diese Heilsames im Körper meiner Schutzbefohlenen bewirken mögen. Heute bin ich mit einer völlig neuen Perspektive der modernen Pharmakotherapie konfrontiert, die meinem abgeschliffenen Gehirn den Rest zu geben scheint.
Ich sitze in der Sprechstunde und versuche, ein Medikament gegen hohen Blutdruck aufzuschreiben. Diese, vor einigen Jahren noch mühelos zu bewältigende differenzialtherapeutische Aufgabe stürzt mich heute in unlösbare Konflikte. Soll ich meinem Patienten das neueste und teuerste, nach Aussagen der Pharmafirma und der Wissenschaft mutmaßlich beste Präparat verschreiben, so wie es sich getreu meinem fest verankerten Helfersyndrom gehört? Wenn ich großes Glück habe, treten keine lebensbedrohlichen Nebenwirkungen auf, sonst muss ich mir den Vorwurf gefallen lassen, man sei ja nur ein Versuchskaninchen für die Pharmaindustrie. Verweist man darauf, man habe es nur gut gemeint und erwähnt die sündhaft hohen Tagestherapiekosten, so wird einem unter die Nase gerieben, dass wir blöden Ärzte nur das hart erarbeitete Geld der Versicherten verschwenden würden. Außerdem seien wir der Pharmaindustrie hörig, würden bestenfalls nur auf deren Tricks hereinfallen. Am Ende bin ich aber der Gelackmeierte, weil ich die Kosten für das Präparat via Regress bezahlen muss. Verschreibe ich nun ein günstiges Generikum, so wird mir unterstellt, dass ich meine armen Patienten nicht mehr richtig versorgen will, sie nur noch mit billigem und unwirksamem Zeugs aus der Dritten Welt abspeise . . ., wer will das schon mit sich machen lassen. Ganz schwierig wird es erst, wenn der Patient in einem Krankenkassenvertrag eingeschrieben ist, der rabattiertes Rezeptieren verlangt. Anstelle die Bemühungen der Ärzte um Ressourcenschonung zu unterstützen, vermuten Interessenverbände sofort bösartige Kickback-Geschäfte und rufen reflexartig nach dem Staatsanwalt. Was mach’ ich nur, was mach’ ich nur . . .
Mein Patient beobachtet meinen länger anhaltenden rezeptblockinduzierten Stupor und meint mitfühlend: „Ach, Herr Doktor, Sie können mir offen sagen, dass die Blutdruckmedikamente viele bösartige Nebenwirkungen haben. Soll ich nicht erst mal ein paar Kilo abnehmen und schauen, was das bringt?“
Prima Idee! Wir sollten mehr auf unsere Patienten hören.


Dr. med. Thomas Böhmeke ist niedergelassener
Kardiologe in Gladbeck.
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