ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2007Geschlechtstest: Ethisch höchst bedenklich

THEMEN DER ZEIT

Geschlechtstest: Ethisch höchst bedenklich

PP 6, Ausgabe September 2007, Seite 418

Refardt, Katharina; Kentenich, Heribert

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Kontrovers diskutiert: www.maedchenoderjunge.de
Kontrovers diskutiert: www.maedchenoderjunge.de
Seit Januar wird im Internet für einen neuen frühzeitigen Test zur Geschlechtsbestimmung geworben. Er eröffnet Missbrauchsmöglichkeiten – bis hin zur pränatalen Geschlechtsselektion.

Die wichtigste Frage werdender Eltern lautet meist, ob das Kind gesund sein wird. Oft ist auch die Frage nach dem Geschlecht des Kindes für das Paar von Interesse. Eine nicht invasive Geschlechtsbestimmung ist normalerweise frühestens ab der 16. Schwangerschaftswoche durch eine Ultraschalluntersuchung möglich (1). Invasive Maßnahmen zur Geschlechtsbestimmung sind in der Pränataldiagnostik die Amniozentese (15. bis 16. Schwangerschaftswoche) und die Chorionzottenbiopsie (zehnte bis zwölfte Schwangerschaftswoche), die jedoch strenge Indikationsstellungen erfordern (2).
Seit Januar dieses Jahres wird im Internet unkritisch für einen neuen frühzeitigen Test zur Geschlechtsbestimmung geworben. Mit dem zum Patent angemeldeten molekulargenetischen „Gendertest“ der Kölner Firma PlasmaGen AG kann durch eine einfache Blutentnahme der werdenden Mutter ab der achten Schwangerschaftswoche das Geschlecht des Kindes mit 99-prozentiger Sicherheit bestimmt werden. Das Prinzip des Tests beruht darauf, dass die über die Plazenta in den mütterlichen Blutkreislauf gelangten kindlichen Geschlechtschromosomen teilweise identifiziert werden. Wird DNA des Y-Chromosoms nachgewiesen, kann daraus geschlossen werden, dass die werdende Mutter ein oder mehrere männliche Babys erwartet. Wird keine DNA des Y-Chromosoms nachgewiesen, handelt es sich um einen oder mehrere weibliche Föten. Innerhalb von zwei bis acht Tagen, nachdem zwei Milliliter EDTA-Blut der Patientin an das Labor von PlasmaGen geschickt wurden, erhält der Arzt die streng vertrauliche Auswertung. Aus Respekt vor dem ungeborenen Leben wird den Ärzten vom Unternehmen empfohlen, der Patientin frühestens nach der zwölften Schwangerschaftswoche Auskunft über das Ergebnis zu geben.
Die Kosten des Gendertests werden von der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung nicht übernommen, da der Geschlechtstest ausschließlich informativen Charakter hat und keine medizinisch notwendige Untersuchung darstellt, wie das Unternehmen selbst auf seiner Homepage mitteilt. Die Kosten liegen bei 149 Euro und werden von der Patientin direkt an PlasmaGen gezahlt – mit Geld-zurück-Garantie bei falschem Ergebnis. Der Arzt rechnet seine Leistungen in Anlehnung an die GOÄ ebenfalls mit dem Unternehmen ab (3, 4, 5).
PlasmaGen hält den frühen Geschlechtstest unter anderem für Überträgerinnen X-chromosomaler Erkrankungen für sinnvoll. Der werdenden Mutter könne bei frühzeitigem Wissen über das Geschlecht des Kindes bei weiblichen Föten eine Amniozentese oder Chorionzottenbiopsie mit der möglichen Komplikation eines Aborts (in beiden Fällen ein Prozent) erspart werden (2). In solchen Fällen könne der Arzt auch über eine vorzeitige Informationsweitergabe, also vor der zwölften Schwangerschaftswoche, entscheiden (3, 4, 5).
Laut PlasmaGen ist der Gendertest sowohl durch die zuständige Regierung als auch durch die Ethikkommission der zuständigen Ärztekammer geprüft worden. Von der Bezirksregierung Köln ist dem Unternehmen bestätigt worden, dass es sich beim Gendertest nicht um ein zulassungspflichtiges Medizinprodukt beziehungsweise In-vitro-Diagnostikum handelt. Er unterliegt demzufolge nicht den gesetzlichen Bestimmungen des Medizinproduktegesetzes und ist nicht zulassungspflichtig. Nachforschungen haben ergeben, dass die Ethikkommission der Ärztekammer Nordrhein lediglich das Verfahren der vorgeburtlichen Geschlechtsbestimmung beurteilt und dem Unternehmen nicht dessen ethische Unbedenklichkeit bescheinigt hat.
Die Deutsche Gesellschaft für Humangenetik (GfH) sieht in der frühzeitigen Geschlechtsbestimmung ein großes ethisches Problem. Es bestehe die Gefahr, dass vermehrt Babys des unerwünschten Geschlechts aus nicht medizinischer Indikation während der gesetzlichen Frist von zwölf Wochen abgetrieben würden, befürchtet der Vorsitzende der GfH, Prof. Dr. med. Peter Propping. Prof. Dr. med. Wolfram Henn vom Ethikrat der GfH bemängelt, dass der Gendertest eine Hintertür zur kriminellen pränatalen Geschlechtsselektion in Deutschland darstelle. Bedenklich sei vor allem, dass der frühe Geschlechtstest in Ländern wie Indien oder China auf rege Nachfrage treffen könne. Die GfH lehnte in einer Stellungnahme im März pränatale invasive und nicht invasive Testverfahren, die keinen medizinischen Zwecken dienten, definitiv ab und fordert aufgrund des großen Missbrauchspotenzials des Geschlechtstests ein gesetzliches Verbot (6, 7, 8).
In Deutschland ist der Schwangerschaftsabbruch bis zur zwölften Schwangerschaftswoche post conceptionem nach dem Beratungsmodell gemäß § 218 a Strafgesetzbuch straffrei, danach ist er nur aus medizinischer, psychologischer oder kriminologischer Indikation erlaubt (9). Um einem Missbrauch entgegenzuwirken, lehnte der 110. Deutsche Ärztetag im Mai die Anwendung neuer Labortests zur Geschlechtsbestimmung ohne ärztliche Indikation vor Ablauf der zwölften Schwangerschaftswoche post conceptionem ab. Des Weiteren sprach er sich entschieden gegen eine durch den Testbefund mögliche Geschlechtsselektion mittels Schwangerschaftsabbruch aus (10).
Gesetzlich ist die Schweigepflicht des Arztes bis zur zwölften Schwangerschaftswoche bei bereits vorliegendem Testergebnis allerdings nicht vorgegeben, sie liegt weitestgehend im Ermessen des Arztes. Ein Missbrauch kann so-mit auch durch Verpflichtungserklärungen, Arztvorbehalte und den Beschluss des Deutschen Ärztetages nicht verhindert werden.
In der westlichen Kultur sind Mädchen und Jungen gleichermaßen willkommen, sodass das Missbrauchsrisiko in Deutschland als relativ gering anzusehen ist. Es gibt allerdings Hinweise darauf, dass vor allem in Berlin gezielt Gynäkologen mit ausländischen Patientinnen von der PlasmaGen AG beworben werden. In einigen Ländern Asiens werden männliche Nachkommen aus ökonomischen und soziokulturellen Gründen präferiert. In Ländern wie China und Indien werden Mädchen systematisch abgetrieben beziehungsweise bei künstlicher Befruchtung vor der Übertragung in den Mutterleib selektiert.
In China, wo jedes Jahr rund eine Million Mädchen gezielt vor der Geburt getötet werden, tragen die männlichen Nachkommen den Familiennamen weiter und versorgen die Eltern im Alter. Die 1-Kind-Politik, die die Zwangsabtreibung von Kindern beinhaltet, deren Eltern bereits ein Kind haben, hat die selektive Abtreibung von Mädchen massiv gefördert. Nach einem neuen Gesetz drohen chinesischen Ärzten inzwischen jedoch bis zu drei Jahren Gefängnis, wenn sie das Geschlecht ungeborener Kinder preisgeben oder gar geschlechtsspezifische Schwangerschaftsabbrüche durchführen.
In Indien, wo jedes Jahr noch mehr Mädchen vor der Geburt getötet werden als in China, gibt neben der traditionellen Bevorzugung der männlichen Nachkommen häufig auch die obligatorische Mitgift, die Eltern bei der Heirat einer Tochter zahlen müssen, den Ausschlag. Auch dort ist die geschlechtsspezifische Abtreibung verboten.
Experten schätzen, dass für eine gesunde demografische Entwicklung weltweit bereits 90 bis 150 Millionen Frauen fehlen, überwiegend in Asien. Dieses demografische Ungleichgewicht wird auf die Dauer schwerwiegende politische und soziale Folgen haben. Die Geschlechtswahl aus sozialen Gründen, das sogenannte social sexing, bildet mittlerweile auch in einigen anderen Ländern, wie den USA oder Großbritannien, eine Indikation zur Präimplantationsdiagnostik (PID). Oft wird dies mit dem Ausbalancieren des Geschlechterverhältnisses („family-balancing“) gerechtfertigt (11). In den USA wird die PID an einer Vielzahl von In-vitro-Fertilisationskliniken praktiziert, Reglementierungen bestehen nicht. Dort wird die PID nicht nur zur Vermeidung von genetisch bedingten Erkrankungen eingesetzt, sondern sie ist auch zur Geschlechtswahl als weitgehend legitim anerkannt (12). In Deutschland ist die Präimplantationsdiagnostik nach dem Embryonenschutzgesetz verboten. Erlaubt ist die Polkörperbiopsie, die allerdings nur Aussagen über Erbkrankheiten zulässt, die durch mütterliche Gendefekte ausgelöst werden. Das Geschlecht des Kindes kann damit nicht bestimmt werden (13).
Fazit: Einem Missbrauch medizinisch nicht indizierter Untersuchungen sowohl im Rahmen der invasiven Pränatal- und Präimplantationsdiagnostik als auch im Rahmen des nicht invasiven Gendertests kann lediglich durch strenge, gesetzlich festgelegte Reglementierungen entgegengewirkt werden. Einstweilen sollten alle Gynäkologen davor gewarnt werden, diesen ethisch höchst fragwürdigen Test anzuwenden. Sonst werden die Paare in einen zusätzlichen Konflikt geführt.
Dr. med. Katharina Refardt
Prof. Dr. med. Heribert Kentenich
DRK Kliniken Berlin Westend, Frauenklinik Spandauer Damm 130, 14050 Berlin
E-Mail: frauenklinik@drk-kliniken-westend.de

Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit3607
Anzeige
1.
Sohn C, Tercauli S, Holzgreve W: Ultraschall in Gynäkologie und Geburtshilfe, 2., vollständig überarbeitete Auflage; Georg Thieme Verlag, Stuttgart New York 2003, 271
2.
Dudenhausen JW, Pschyrembel W: Praktische Geburtshilfe mit geburtshilflichen Operationen, 19. Auflage; Walter de Gruyter, Berlin New York 2001, 55–7
3.
PlasmaGen AG, Homepage (2006) www.plasmagen.de
4.
PlasmaGen AG (2006) www.maedchenoderjunge.de
5.
Ärztliche Praxis, Website (2007): Gendertest (www.aerztlichepraxis.de/ rw_2_ZIBB_Suche.htm)
6.
Deutsche Gesellschaft für Humangenetik e.V.: Stellungnahme zur pränatalen Geschlechtsbestimmung aus mütterlichem Blut in der Frühschwangerschaft. Beschlossen von der Mitgliederversammlung der Deutschen Gesellschaft für Humangenetik e.V. am 9. März 2007 http://www.medgenetik.de/sonderdruck/07_03_14_Stellungnahme.pdf
7.
Siefer W: Schwangerschaft – Sorge vor Geschlechtstest. Focus 19. 3. 2007, 11
8.
o. V.: Geschlechtsbestimmung – Humangenetiker fordern Testverbot. Dtsch Arztebl 2007; 104(13): A 826 VOLLTEXT
9.
Dudenhausen, Pschyrembel: Praktische Geburtshilfe mit geburtshilflichen Operationen, 19. Auflage; Walter de Gruyter, Berlin New York 2001, 320
10.
110. Deutscher Ärztetag: Keine Geschlechtsbestimmung vor Ablauf der 12. Schwangerschaftswoche post conceptionem ohne medizinische Indikation. Beschlußprotokoll des 110. Deutschen Ärztetages vom 15. – 18. 5. 2007 in Münster. (Drucksache V-43/ V-43a) VOLLTEXT
11.
Schneider I: Embryonen zwischen Virtualisierung und Materialisierung – Kontroll- und Gestaltungswünsche an die technisierte Reproduktion. Technikfolgenabschätzung 2002; 11(2): 45–55
12.
Klinkhammer G: Auf dem Weg zum Routineangebot – Die Entwicklung der genetischen Untersuchung in sieben ausgewählten Ländern. Dtsch Arztebl 2004; 101(33): A 2219–20 VOLLTEXT
13.
Diedrich K, Griesinger G, Behre H, Felberbaum R, Montag M, Ven HH van der, Strowitzki T, Otte S von: Neue Entwicklungen in der Reproduktionsmedizin. Dtsch Arztebl 2005; 102(9): A 587–91 VOLLTEXT
1. Sohn C, Tercauli S, Holzgreve W: Ultraschall in Gynäkologie und Geburtshilfe, 2., vollständig überarbeitete Auflage; Georg Thieme Verlag, Stuttgart New York 2003, 271
2. Dudenhausen JW, Pschyrembel W: Praktische Geburtshilfe mit geburtshilflichen Operationen, 19. Auflage; Walter de Gruyter, Berlin New York 2001, 55–7
3. PlasmaGen AG, Homepage (2006) www.plasmagen.de
4. PlasmaGen AG (2006) www.maedchenoderjunge.de
5. Ärztliche Praxis, Website (2007): Gendertest (www.aerztlichepraxis.de/ rw_2_ZIBB_Suche.htm)
6. Deutsche Gesellschaft für Humangenetik e.V.: Stellungnahme zur pränatalen Geschlechtsbestimmung aus mütterlichem Blut in der Frühschwangerschaft. Beschlossen von der Mitgliederversammlung der Deutschen Gesellschaft für Humangenetik e.V. am 9. März 2007 http://www.medgenetik.de/sonderdruck/07_03_14_Stellungnahme.pdf
7. Siefer W: Schwangerschaft – Sorge vor Geschlechtstest. Focus 19. 3. 2007, 11
8. o. V.: Geschlechtsbestimmung – Humangenetiker fordern Testverbot. Dtsch Arztebl 2007; 104(13): A 826 VOLLTEXT
9. Dudenhausen, Pschyrembel: Praktische Geburtshilfe mit geburtshilflichen Operationen, 19. Auflage; Walter de Gruyter, Berlin New York 2001, 320
10. 110. Deutscher Ärztetag: Keine Geschlechtsbestimmung vor Ablauf der 12. Schwangerschaftswoche post conceptionem ohne medizinische Indikation. Beschlußprotokoll des 110. Deutschen Ärztetages vom 15. – 18. 5. 2007 in Münster. (Drucksache V-43/ V-43a) VOLLTEXT
11. Schneider I: Embryonen zwischen Virtualisierung und Materialisierung – Kontroll- und Gestaltungswünsche an die technisierte Reproduktion. Technikfolgenabschätzung 2002; 11(2): 45–55
12. Klinkhammer G: Auf dem Weg zum Routineangebot – Die Entwicklung der genetischen Untersuchung in sieben ausgewählten Ländern. Dtsch Arztebl 2004; 101(33): A 2219–20 VOLLTEXT
13. Diedrich K, Griesinger G, Behre H, Felberbaum R, Montag M, Ven HH van der, Strowitzki T, Otte S von: Neue Entwicklungen in der Reproduktionsmedizin. Dtsch Arztebl 2005; 102(9): A 587–91 VOLLTEXT

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema