ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2007Theory of Mind: Eine unerlässliche Fähigkeit

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Theory of Mind: Eine unerlässliche Fähigkeit

PP 6, Ausgabe September 2007, Seite 430

Abler, Birgit

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Theory of Mind oder kurz ToM ist ein weit gefasster Begriff, der eine für das menschliche Zusammenleben unerlässliche und allgegenwärtige Fähigkeit bezeichnet. ToM bedeutet die Fähigkeit, sich und anderen mentale Zustände – Wissen, Glauben, Wollen, Fühlen – zuzuschreiben. Die ToM ist eine spezifisch menschliche Eigenschaft, die sich bei Kindern um das dritte Lebensjahr herum entwickelt – Primaten zeigen Ansätze, weisen jedoch keine voll entwickelte ToM auf. Das Wissen um die Absichten und Wünsche anderer und die Möglichkeit, eigenes Verhalten daran anzupassen, bestimmen unterschiedlichste Lebensbereiche, angefangen bei gewöhnlicher sprachlicher Kommunikation über Entscheidungsfindung hin zur bildenden Kunst. Defizite bei dieser Fähigkeit, wie zum Beispiel bei Autismus oder Schizophrenie, führen zu Problemen im zwischenmenschlichen Leben.
Förstl hat für sein Buch zahlreiche Autoren, darunter nicht nur hochrangige Psychologen und Mediziner, sondern auch etwa einen Kriminalhauptkommissar und eine Professorin für Kunstgeschichte gewinnen können, die die ToM aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln beleuchten. Das Buch ist in zwei Teile gegliedert – einen Grundlagenteil mit Kapiteln zu Einzelaspekten der ToM, unter anderem aus Sicht der Zoologie, Ethnologie oder Entwicklungspsychologie und im Hinblick auf Selbstbewusstsein und Identifikation. Der Teil Störung behandelt Defizite der ToM im Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus, im forensischen Bereich und bei psychiatrischen und neurologischen Störungen.
Der Reiz des Buchs liegt ganz sicher in der Vielfalt der Standpunkte, von denen aus das Konzept der ToM beleuchtet wird. Jedes der verhältnismäßig kurzen Kapitel ist klar gegliedert und gibt, meist einfach und gut verständlich, eine Einführung zum jeweiligen Aspekt der ToM. Das Buch ist kurzweilig, informativ und durch Tabellen, Grafiken und Abbildungen anschaulich zu lesen – auch wenn schon allein aufgrund der Konzeption kaum ein Teilbereich eingehend beleuchtet werden kann. Auch Gebieten, in denen das Verständnis der Bedeutung der ToM noch weitgehend in den Anfängen steckt, wie das der Kriminologie oder Depressionsforschung, wird Raum gegeben, sodass der Leser Einblick in aktuelle Erkenntnisse und Forschungsbereiche erhält.
Nachteilig wirkt sich gelegentlich aus, dass die Autoren entsprechend der eher unscharfen Begriffsdefinition der ToM häufig unterschiedlichen und nicht immer genau erklärten Definitionen folgen. In manchen Kapiteln wird die Bedeutung der ToM für das Thema explizit dargestellt, in anderen bleibt dies dem Leser überlassen.
Alles in allem ein lesenswertes Buch für jeden, der einen ersten Einblick in verschiedene Aspekte der ToM und eine Übersicht zum derzeitigen Stand der Überlegungen auf diesem Gebiet gewinnen möchte. Birgit Abler

Hans Förstl (Hrsg.): Theory of Mind. Neurobiologie und Psychologie sozialen Verhaltens. Springer, Heidelberg, 2007,
380 Seiten, gebunden, 49,95 Euro
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