ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2007Psychoanalyse: Subjektive Perspektive des Patienten

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Psychoanalyse: Subjektive Perspektive des Patienten

PP 6, Ausgabe September 2007, Seite 431

Gerlach, Alf

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Josef D. Lichtenberg ist als Protagonist der psychoanalytischen Selbstpsychologie bekannt. Nachdem sein 1992 in Englisch erschienenes Buch „Das Selbst und die motivationalen Systeme. Zu einer Theorie der psychoanalytischen Technik“ die deutschen Leser mit der Übersetzung im Jahr 2000 in das theoretische Fundament seiner Technik eingeführt hatte, versucht er nun eine an der therapeutischen Praxis orientierte Handlungsanweisung zu geben. Dabei bezieht er seine Richtlinien für die Technik nicht nur auf die Psychoanalyse im engeren Sinn, sondern auf alle aufdeckenden Psychotherapien, unabhängig von der Stundenfrequenz und der zeitlichen Begrenzung. Er geht von einer Vorstellung des therapeutischen Prozesses aus, in dem die Patienten in der Regel durch unsichere Bindungserfahrungen, gefährdete Sicherheitsgefühle und Ängste vor erneuter Traumatisierung eingeschränkt sind und in dem die Therapeuten sich so genau wie möglich auf die subjektive Verfassung beider an der therapeutischen Dyade Beteiligten einzustimmen versuchen sollen.
Im Mittelpunkt der therapeutischen Haltung steht für ihn die Konzentration nicht nur auf die sprachlichen, sondern auch auf die nonverbalen Interaktionen, wobei der Therapeut immer wieder auf empathische Weise versuchen solle, die innere Welt des Patienten aus dessen Perspektive heraus wahrzunehmen. Folgerichtig führen die in zehn Kapiteln angeordneten Ratschläge für die Technik den Leser immer wieder an die subjektive Perspektive des Patienten heran; die therapeutische Wirksamkeit wird im Wesentlichen aus dem Erkennen und Diskutieren des subjektiv erlebten Affekts erhofft. Diese Vorgehensweise wird an vielen Beispielen verdeutlicht, auch an Verbatim-Protokollen.
Kritisch bleibt anzumerken, dass sich Lichtenberg mit seinen Richtlinien weit von einem Verständnis von Psychoanalyse entfernt hat, das auf die Aufhellung unbewusster Konflikte abzielt und dessen Technik sich an den zentralen Begriffen Übertragung, Gegenübertragung und Widerstand orientiert. Stattdessen wird der Erfolg des therapeutischen Bemühens ganz an der systematischen Anwendung des empathischen Wahrnehmungsmodus festgemacht. Diese Haltung ist aber auch von der Gesprächstherapie in ihrer Forderung nach Echtheit, Empathie und dem Verbalisieren von Erlebensinhalten formuliert worden und lässt sich als eine notwendige Grundvoraussetzung für alle Therapierichtungen begreifen. Wenn Lichtenberg nun von „aversiven motivationalen Systemen“ statt vom „Widerstand“ und dessen Bearbeitung im therapeutischen Prozess spricht, vergibt er die Chance, den spezifisch psychoanalytischen Zugang zum Patienten, die Aufdeckung und die Arbeit an dessen unbewussten Konflikten in den Mittelpunkt des therapeutischen Herangehens zu stellen. Alf Gerlach

Joseph D. Lichtenberg: Kunst und Technik psychoanalytischer Therapien. Brandes & Apsel, Frankfurt am Main, 2007, 232 Seiten, Hardcover mit Fadenheftung, 29 Euro
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