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ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2007Merja Herzog-Hellstén: Angebot zur Kommunikation

KULTUR

Merja Herzog-Hellstén: Angebot zur Kommunikation

Kaufmann-Pompetzki, Dorothea

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LNSLNS Bereits die Gestalttheoretiker wussten: Es ist nicht alles so, wie es scheint.

Die finnische Künstlerin Merja Herzog-Hellstén führte eine Befragung durch: „Was ist ein Kubikdezimeter Deutschland?“, deren Ergebnisse sie nun der Öffentlichkeit in Verbindung mit einer künstlerischen Kartierung vorstellt. Erkennt der Betrachter die Landkarte von Deutschland oder ein jugendliches Gesicht, das an eine bekannte Werbefigur, den „Sarotti-Mohr“, erinnert?
Der historische Beginn der Gestalttheorie wird 1912 mit der Arbeit von Max Wertheimer über das Bewegungssehen und das Phi-Phänomen angesehen, bei dem abwechselnd blinkende unbewegte Lichtpunkte (bei bestimmtem zeitlichem und räumlichem Abstand) als ein sich bewegendes Licht wahrgenommen werden. Die auftretenden Scheinbewegungen sind nicht allein durch vorgegebene physikalische Bedingungen erklärbar, sondern verweisen auf Gestaltprozesse.
In der erkenntnistheoretischen Grundlage der Gestalttheorie wird von der These ausgegangen, dass die physikalische Welt vom Menschen nie direkt erlebt wird. Vielmehr bildet sich im Inneren des Menschen ein Erlebnisraum heraus, in dem aufgrund psychophysischer Verarbeitung von aufgenommenen äußeren Reizen die gesamte erlebte und wahrgenommene Welt vom Gehirn in einer dreidimensionalen „Simulation“ abgebildet wird. Die wahrgenommene Welt eines Menschen setzt sich demzufolge zusammen aus von Sinneszellen gelieferten Nervenreizen sowie emotionalen und verstandesmäßigen Reaktionen, bei denen die individuelle Sozialisationsgeschichte unterschiedliche Filter entstehen lässt, die die Wahrnehmung färben. Im Inneren entwickelt sich eine phänomenale Welt, die sehr verschiedene Wirklichkeiten abbildet.
Merja Herzog-Hellstén greift bei ihrer Deutschland-Version auf das Phänomen der Kippfigur zurück, das heißt auf eine Abbildung, die zu spontanen Gestalt- beziehungsweise Wahrnehmungswechseln führen kann. Das Faszinierende an der multistabilen Wahrnehmung ist, dass es für das Eintreten des Wahrnehmungswechsels als Landkarte oder als Gesicht weder Änderungen des Reizes selbst noch aktiver Veränderungen aufseiten des Beobachters, wie etwa spezielle Augenbewegungen oder willentliche Aufmerksamkeitszuwendungen auf das Reizmuster, bedarf: Die Interpretation des Perzepts wechselt spontan. In der abbildenden Kunst haben sich vor allem M. C. Escher und Salvador Dalí, teils auch Paul Klee, mit diesem Phänomen beschäftigt, man findet es aber auch bereits in Mosaiken der Antike.
Braucht Deutschland eine Wahrnehmungsverschiebung, einen neuen Blick auf das Altbewährte, um ein Gesicht zu entwickeln, das ihm gut stünde? Merja Herzog-Hellstén gibt ihrem Kartierungsprojekt den Namen „Wir sprechen uns“ und erläutert: „Der Titel bezieht sich auf ,Deutschland und sein Gesicht‘ als Angebot zur Kommunikation. Das Gesicht dient als Symbol für den Austausch zwischen Deutschland und seinen Bewohnern sowie anderen, die sich mit den in Deutschland lebenden Menschen und mit dem Land selbst auseinandersetzen möchten.“
Dorothea Kaufmann-Pompetzki
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